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Sammlung nach möglicher Raubkunst durchsucht - Search for possibly looted art

1970
1945
Frankfurter Neue Presse 9 May 2017
Von Dierk Wolters

Eine Sonderschau im Liebieg-Museum zeigt die Schicksale hinter hauseigenen Objekten, die von jüdischen Eigentümern im Dritten Reich unter Zwang verkauft wurden.

Das Frankfurter Liebieghaus mit neuem Galerietrakt in einer Aufnahme aus dem Jahr 1910. Der Anbau wurde 34 Jahre später bei Bombenangriffen zerstört. Der alte Gebäudeteil besteht bis heute und birgt das Skulpturenmuseum. Abb.: Liebieghaus

Zum Beispiel Oswald Feis. 1866 in Mannheim geboren, hatte es der Medizinhistoriker weit gebracht in seinem Leben. Der vielseitig interessierte Arzt schrieb Aufsätze über die Syphilis, kannte sich aber auch aus auf dem Feld der Musik oder mit dem Barocklyriker Paul Fleming. In Frankfurt wurde er ein renommierter Gynäkologe, der mit Fachaufsätzen brillierte. Mit seiner Frau Alice wohnte er in einer luxuriösen Villa im Frankfurter Westend. Er selber spielte Geige, unterstützte das Hoch’sche Konservatorium, wo es nur ging, und der große Musiksaal seines Hauses fasste allein 150 Personen. Hochherrschaftlich ging es zu bei dem Ehepaar, das kinderlos blieb, und zugleich hoch generös.

Steuer für „Flüchtige“

Denn Oswald Feis war nicht nur Kunstsammler und Besitzer einer prächtigen Bibliothek, im kulturellen Leben Frankfurts gehörte er stets auch zu den Gönnern der Stadt. Seine Verdienste galten aber nichts, als die Stimmung in den 30er Jahren immer judenfeindlicher wurde, von neuen Gesetzen flankiert, die den Lebensraum jüdischer Mitbürger immer stärker einengten. Im November 1938 brannten die Synagogen. Dass die Schuld an den Pogromen den Juden zur Last gelegt wurde, gehört zu den bis dahin perfidesten Maßnahmen der Nationalsozialisten. Neben der „Reichsfluchtsteuer“ für jene, die sich dem Elend nur noch zu entziehen wussten, indem sie das Land verließen, trat jetzt noch die „Judenvermögensabgabe“ – eine staatlich auferlegte „Sühneleistung“.

Enormer Druck

Den ehemals angesehenen Oswald Feis zwang sie, seine Sammlung zu verkaufen: „Wie uns heute auf dem Finanzamt mitgeteilt wurde, sind wir verpflichtet, uns um den Verkauf unserer Kunstgegenstände zu bemühen“, schreibt er. Es ist herzzerreißend, zu lesen, wie er sich formvollendet an Alfred Wolters, den „sehr verehrten Direktor“ des Liebieghauses, wendet. Ihm wollte er zunächst seine ganze Sammlung verkaufen. Wolters aber entschied sich neben zwei Marmorlöwen nur für den „Heiligen Florian“, heute eine der bekanntesten Figuren der Liebieghaus-Sammlung. 1600 Reichsmark sollte Feis für letzteren erhalten – „verpflichtet“, den Behörden darüber binnen einer Woche Bericht zu erstatten. Die kurze Frist, der enorme Druck machen klar: Ein seriöser, gar freiwilliger Handel war das nicht. Der Rest der Sammlung des Ehepaars Feis ging an andere Händler.

Insgesamt zwölf Erwerbungsgeschichten aus der NS-Zeit erzählt Eva Mongi-Vollmer, die diese Schau gemeinsam mit Iris Schmeisser und Anna Heckötter kuratiert hat. Nicht jeder Handel war Unrecht, doch bei den Erwerbungen, die in den Jahren des Nationalsozialismus gemacht wurden, liegt der Verdacht besonders nahe. Alle zwölf Fälle geben Einblick in den laufenden Prozess der Provenienzforschung, die vom Städel seit 2001 und vom zugehörigen Liebieghaus intensiv seit dem Jahr 2014 betrieben wird. Die Geschichten der Kunstwerke sind immer auch die ihrer Sammler.

Etwa 400 Werke, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden, haben die Provenienzforscher im Blick. Allein 1938 kaufte das Haus 327 Werke an. „Dieser Höhepunkt ist eigentlich ein Tiefpunkt“, sagt Direktor Philipp Demandt. Er hat diesen Einblick angeregt und für ein Arrangement gesorgt, dass die zwölf Objekte, von denen die Sonderschau „Eindeutig zweifelhaft“ bis 27. August erzählt, nicht ausgegliedert wurden, sondern weiterhin als Teile der Dauerausstellung erfahrbar sind. Das hat den hübschen Nebeneffekt, dass die Ausstellung einmal durch die gesamte Sammlung führt.

Es gibt sehr böse Menschen in diesen Geschichten, und es gibt gute. Das Frappierende aber ist, dass diese Grenzen nicht immer klar gezogen werden können, dass viele böse sind und gut zugleich, ihr Bestes gaben oder das, was sie dafür hielten, und dabei doch Unrecht taten. Alfred Wolters etwa, der, wie es ein Brief eindrücklich belegt, beim NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs 1938 (!) explizit um seine Demissionierung bat, weil er den Weg des Führers nicht mitgehen könne. Welch eine heroische Klarheit – doch Krebs, ein gewiefter Taktierer, wusste, was er an Wolters hatte. Er lehnte das Austrittsgesuch strikt ab: „Hundertfünfzigprozentige“ habe er genug, beschied er ihn. Und so blieb Wolters im Amt. Und kam seiner Aufgabe als erster Mann der Skulpturensammlung umfänglich nach – was immer wieder hieß: im Handel mit Juden, die ihren Besitz in größter Not veräußern mussten, das Beste für sein Haus herauszuholen. Zwar, so Eva Mongi-Vollmer, beriet er Oswald und Alice Feis, legte dem Ehepaar nahe, den Rest seiner Sammlung im Ausland zu verkaufen. Da könnten bessere Preise erzielt werden. Zugleich war klar: Genau das war für Feis unmöglich.

 

Gibt es Erben?

Den „Heiligen Florian“ hat das Liebieghaus vor wenigen Wochen in die Lost-Art-Datenbank zur Dokumentation von Raub- und Beutekunst eingestellt. Gibt es Erben, denen die Nussbaum-Skulptur aus dem 19. Jahrhundert zusteht? Das Ehepaar Feis emigrierte im August 1939 nach England. Dort starb Oswald Feis kein Dreivierteljahr später. Seine Sammlung und sein Umzugsgut wurden später zerschlagen. Städel-Direktor Ernst Holzinger half dabei, indem er es als „qualitätslos“ einstufte. Wilhelm Ettle, ein Kunsthändler, machte großen Profit. Die verarmte Witwe kehrte in den 50er Jahren nach Frankfurt zurück, lebte von einer Notrente. Erst 1957 wurden ihre Rückerstattungsansprüche anerkannt. 1959 verstarb sie in London.

 

Liebieghaus, Schaumainkai 71, Frankfurt. Bis 27. August, Di bis So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr. Eintritt 7 Euro. Telefon (069) 605 09 82 32. Internet www.liebieghaus.de

http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Sammlung-nach-moeglicher-Raubkunst-durchsucht;art679,2615360
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