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«Die Qualität ist überraschend gut» - "The quality is surprisingly good"

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Der Bund 7 July 2017
Sophie Reinhardt und Simon Gsteiger

Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, sagt, welche Arbeiten nun bei der Gurlitt-Sammlung anstehen und wie die Ausstellung aussehen wird.

Frau Zimmer, gestern sind die Gurlitt-Werke angekommen. Wie ist der erste Eindruck?
Wir sind erst mal froh, dass alles geklappt hat. Jetzt haben wir ausgepackt und die ersten Werke zeigen können. Die Qualität ist überraschend gut, viele Werke haben lange das Tageslicht nicht gesehen. Bei vielen muss man aber einiges tun, damit sie ausstellungsfähig sind.

Was muss man da tun?
Unser Restauratorenteam schaut sich jetzt an, welche Massnahmen nötig sind. Papierarbeiten müssen immer erst gerahmt werden. Das sind ganz normale Vorbereitungsarbeiten. Hier werden wir natürlich auch immer ein Auge auf Provenienzhinweise haben.

War das Auspacken ein bisschen wie Geschenkeauspacken?
Na ja, es ist auch eine grosse Verantwortung dabei. Es ist sicher eine andere Art Freude als bei Ostereiern.

Anfangs wurde gesagt, das sei ein grosser Kunstschatz, der hier vererbt werde. Nach und nach hat man diese Auffassung korrigiert. Wie sehen Sie jetzt den Wert der Sammlung?
Die ersten Sensationsmeldungen – «lauter Museumsmeisterwerke», «Milliardenschatz» – waren weit überzogen. Bei den Folgereaktionen setzte die Enttäuschung ein: Es seien überwiegend Werke auf Papier, auch viele Druckgrafiken, alles nur «Massenauflagen», «Restposten eines Kunsthändlers». Ich glaube, die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Es sind viele, sehr besondere und schöne Arbeiten auf Papier. Viele Originalwerke, farbige Aquarelle und Zeichnungen. Die Qualität der Sammlung ist vor allem im Bereich des deutschen Expressionismus: Blauer Reiter, Brücke – das sind Künstler, die Gurlitt aus seinem Umfeld in Dresden gut kannte, für deren Qualität er auch ein besonderes Auge hatte.

Sie sind auch Kuratorin der neuen Ausstellung. Was werden wir hier in Bern zu sehen bekommen?
Matthias Frehner, Direktor Sammlungen, hat die Auswahl vorgenommen. Diese bezieht sich auf den historischen Teil und den Provenienzforschungsteil. Uns interessiert auch, wie die Geschichte der entarteten Kunst jeweils Einfluss genommen hat auf die Künstler. Wir wollen beide Teile, die Geschichte und die Kunstgeschichte, zeitgleich erzählen.

Gestern kamen 150 Werke an. Werden alle ausgestellt?
Wir werden ungefähr in dem Umfang Werke zeigen. Vielleicht schärfen wir die Auswahl noch einmal, da wir noch weitere Werke aus dem Konvolut Gurlitt erwarten. Die interessantesten und schönsten Werke, die die Geschichte am besten auf den Punkt bringen, werden wir sicher ausstellen.

Gleichzeitig gibt es eine Doppelausstellung in Bonn. Wird diese Ausstellung auch in Bern zu sehen sein?
Wir werden im Anschluss an die Berner Ausstellung zur entarteten Kunst die Bonner Ausstellung übernehmen, die sich die NS-Raubkunst zum Thema genommen hat. Diese Werke können wir natürlich nicht im Besitz übernehmen. Das haben wir von Anfang an gesagt. Aber wir werden diese Werke als Leihgabe zeigen.

Sie haben im Vorfeld gesagt, dass Museen, die diese Werke der entarteten Kunst weggeben mussten, bei Anfragen zu Leihgaben prioritär behandelt würden. Gab es schon solche Anfragen?
Es gibt schon Anfragen. Jetzt müssen wir aber erst mal die Werke hier restaurieren, sichern und erarbeiten. Aber wir stehen zu diesem Versprechen.

Von Anfang an fragte man sich, warum wohl diese Sammlung dem Berner Kunstmuseum vermacht wurde. Haben Sie nun neue Ideen oder Inspirationen erhalten?
Wir haben keine neuen Erkenntnisse, es bleibt bei den bisherigen Hypothesen: Gurlitt, der sich bei seinem Onkel in Bern wohl gefühlt hat, dass es familiäre Verbindungen zu Bern gab, die Geschäftsbeziehungen, die sein Vater zu Kunsthändlern in Bern hatte – das bleiben aber alles Hypothesen. (DerBund.ch/Newsnet)

http://www.derbund.ch/bern/nachrichten/Die-Qualitaet-ist-ueberraschend-gut/story/20870006
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