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Doch keine Raubkunst - die Inventarliste der Sammlung Bührle ist nun öffentlich - No robbery - the inventory of the Buehrle collection is now public

2018
1970
1945
NZZ 5 August 2017
Von Gerhard Mack

Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle wird seit langem beschuldigt, Raubkunst zu besitzen. Jetzt publiziert sie zu einer Ausstellung von Meisterwerken in Lausanne erstmals die gesamte Inventarliste der ursprünglichen Sammlung.

Emil Georg Bührle inmitten seiner Bilder in seiner privaten Villa, Zürich 1954

Wenn der Name Emil Georg Bührle fällt, ist auch heute noch eine hohe Einschaltquote garantiert: Das ist doch derjenige, der die Maschinenfabrik Oerlikon in eine Waffenschmiede umgebaut und ihre Kanonen sowohl an die Nazis wie an die Alliierten verkauft hat. Der mit den Gewinnen eine der prominentesten Kunstsammlungen der westlichen Welt mit Werken vom Mittelalter bis zu Picasso zusammenkaufte und auch vor Raubkunst nicht zurückschreckte.

1948 wurde er in einem Prozess dazu verpflichtet, 13 Bilder an die rechtmässigen Besitzer zurückzugeben. Neun davon erwarb er dann von diesen noch einmal. Zuletzt bündelten Thomas Buomberger und Guido Magnaguagno in der Publikation «Schwarzbuch Bührle» die Vorwürfe.

Als besonders stossend erschien Kritikern die unterschiedliche Aufarbeitung der Sammlung. Emil Georg Bührle verstarb 1956 plötzlich. Die Familie teilte die 598 Werke, die er hinterliess, im Februar 1960 auf. Ein Drittel erhielt eine neu gegründete Stiftung, die beiden anderen gingen an Sohn und Tochter.

Während die Stiftung Sammlung E. G. Bührle unter der Direktion von Lukas Gloor in den letzten 15 Jahren ihre Bestände so gut aufgearbeitet und publiziert hat, wie es kaum eine andere Sammlung von sich sagen kann, war die Situation der Werke in Privatbesitz bisher nur unzureichend bekannt.

Das hat sich jetzt geändert. Die Stiftung nutzt die Wartezeit, bis sie 2020 ins erweiterte Kunsthaus Zürich einziehen kann, für Reisegastspiele und Ausleihen an andere Häuser. Derzeit gastiert eine Auswahl von 53 Werken in der Fondation de l’Hermitage in Lausanne. Am Ende des Ausstellungskatalogs ist erstmals die Inventarliste aller 633 Werke publiziert, die Emil Georg Bührle 1920 bis 1956 erworben hat.


Pierre Auguste Renoir: «Porträt Mademoiselle Irène Cahen d`Anvers (Die kleine Irene)», Öl auf Leinwand. 65 x 54 cm, 1880.

Angegeben sind Werktitel, Verkäufer, Erwerbsdatum, Preis, Restitutionen, bei Verkäufen auch der Erwerber, sowie die Zuteilung bei Gründung der Stiftung 1960. Die 20 Seiten richten sich an die Fachwelt, die im Umgang mit Werkverzeichnissen und Kürzeln geübt ist. Fürs breite Publikum ist eine leichter lesbare und mit Abbildungen ergänzte Version bis zur Eröffnung des erweiterten Kunsthauses Zürich 2020 geplant.

Mit der Inventarliste zeigt sich, dass der Furor der Kritiker sachlich kein gutes Fundament hat: «Wir können ausschliessen, dass sich ein Raubkunstbild in den Beständen von 1960 befindet», sagt Lukas Gloor. Er hat die Erforschung der Provenienzen eisern vorangetrieben.

«Ich kenne die unterschiedlichen Teile der Sammlung zwar nicht gleich gut», schränkt er ein. Der Anteil des Sohnes Dieter wurde grösstenteils verkauft, da liessen sich die Provenienzen nicht bei jedem Werk in derselben Tiefe erforschen wie bei den Arbeiten in der Stiftung und im Anteil der Tochter Hortense Anda-Bührle.

Keine neuen Fälle

«Vielleicht könnte ein Werk einem Fluchtkunstverdacht unterliegen. Wenn dem aber so wäre, habe ich davon keine Kenntnis», sagt Gloor. Und er stellt auch klar, dass die Mutmassungen über zurückgehaltene Unterlagen nicht berechtigt sind: «Ich bin bei meinen Recherchen von der Familie nie behindert worden.» Die Publikation der Inventarliste hat sie befürwortet.

Dass keine neuen Raubkunstfälle aufgetaucht sind, überrascht Gloor nicht: «Zwischen 1948 und 1951 wurden alle strittigen Fälle durch Rückgabe und Rückkauf gemäss dem entsprechenden Bundesgerichtsurteil geregelt. Man konnte davon ausgehen, dass sich hier kaum noch etwas Verstecktes befand. Es aber war eine der Folgen dieser Aufarbeitung, dass Bührle zu einem Symbol für alles wurde, was mit Raubkunst zu tun hatte.»

Vincent van Gogh: «Sämann bei Sonnenuntergang», Öl auf Leinwand. 73 x 92 cm, 1888.

Dabei war die Wahrnehmung der Betroffenen differenzierter. So gingen sechs der 13 Restitutionen an Paul Rosenberg in New York. Der Kunsthändler hatte bei seiner Flucht in die USA einen grossen Teil seiner Bestände in Frankreich in einem Safe zurückgelassen, den der für den NS-Kunstraub in Frankreich verantwortliche Einsatzstab Reichsleiter Alfred Rosenberg öffnen und ausräumen liess. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte der Kunsthändler mit unterschiedlichem Erfolg, seine Werke wieder zurückzubekommen.

Gegenüber Bührle verhielt er sich zunächst skeptisch, kam dann nach etwa einem Jahr wohl aber zur Überzeugung, dass der Sammler gutgläubig gekauft hatte, und sah die Schuld beim Luzerner Auktionshaus Fischer, das die Nazis zum Verkauf beschlagnahmter Kunst benutzt hatten. Während der Verhandlungen um die Rückgabe der Werke besuchten sich beide. Zum Ausgang des Prozesses, den Bührle gegen Fischer angestrengt hatte, gratulierte Rosenberg dem Unternehmer, wie jüngst im Rahmen einer Ausstellung zu Paul Rosenberg in Paris zu lesen war.

Zugang zum internationalen Markt

Die Restitutionen an Rosenberg hatten für Bührle unerwartete Folgen, da sie ihm Türen zu einem internationalen Händlerkreis öffneten. «Aus dem Unglück der gestohlenen Bilder erwuchs Bührle das Glück des Kontaktes zum internationalen Kunstmarkt», sagt Lukas Gloor.

Es ist müssig zu spekulieren, wie sich die Sammlung weiter entwickelt hätte, wäre diese Beziehung nicht zustande gekommen. Immerhin zeigt die Inventarliste, dass Bührle bis in diese Zeit vor allem bei Schweizer Händlern gekauft hat: über Fischer in Luzern, Aktuaryus in Zürich, Nathan Katz in Basel und Fritz Nathan in St. Gallen. Letzter war selbst vor den Nazis aus München in die Schweiz emigriert und etablierte sich bald als Berater Bührles.

Paul Cézanne: «Der Knabe mit der roten Weste», Öl auf Leinwand. 79,5 x 64 cm, um 1888/90.

Aus diesem Klima katapultierte der Kontakt zu Paul Rosenberg den Sammler heraus. Der Kalte Krieg sorgte dafür, dass sein Unternehmen bereits im Herbst 1946 von der «Schwarzen Liste» der Alliierten gestrichen wurde; die Rüstungsgeschäfte wuchsen steil. Und Bührle besuchte bei seinen Geschäftsreisen auch Galerien und kaufte. Dazu gehörte in New York neben Paul Rosenberg Jacques Seligmann. In London war es Frank Lloyd von der Marlborough Fine Art. Bei allen dreien kaufte er auch ganze Konvolute, aus denen er einzelne Werke teilweise weiterverkaufte oder gegen andere eintauschte.

Glückliche Zufälle

In Paris intensivierte sich der Kontakt zu Georges Wildenstein und Max Kaganovitch. In London war Arthur Kauffmann ein wichtiger Ansprechpartner. Bei ihm erwarb Bührle viele seiner mittelalterlichen Skulpturen, ihn kannte er aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, wo beide zusammen Dienst geleistet hatten.

Aber auch vor Ort in Zürich lebte mit Walter Feilchenfeldt ein Schwergewicht des Kunstmarktes; er war bei Kriegsbeginn vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet, durfte aber seinen Beruf nicht ausüben. Als er 1948 seine Galerie eröffnete, erwarb Bührle ab 1951 von ihm kapitale Bilder von Modigliani, Manet und Cézanne.

Hochkarätige Ausstellung in Lausanne

Während die Zürcher zuschauen können, wie die Betonstrukturen der Kunsthauserweiterung langsam über die Bauzäune wachsen, tourt die Sammlung, deretwegen das Projekt realisiert wird, durch die Welt. Nach Köln kommt nun Lausanne in den Genuss einer Best-of-Auslese der Stiftung Sammlung E. G. Bührle (bis 29. 10., Katalog), bevor sie Anfang 2018 eine Japan-Tournee antritt. Zu sehen sind von Ikonen des Impressionismus bis zu Tahiti bekannte Bilder von Manet, Monet, Van Gogh, Gauguin und Renoir, aber auch eine Reihe eigenwilliger Porträts von Frans Hals über Camille Corot bis zu Gustave Courbet. Picasso, Soutine und Modigliani stehen für den Aufbruch der Moderne. (gm.)

Wie verschlungen die Wege sein konnten, über die ein Gemälde zu Bührle kam, zeigt Paul Gauguins Landschaftsszene «Idylle auf Tahiti». Das Werk wurde 1936 von Duncan Phillips, Washington, verkauft und tauchte erst wieder 1952 in London auf, als Bührle es erwarb. Dazwischen klaffte eine Lücke. Lukas Gloor fand einen Tagebucheintrag des Londoner Händlers Arthur Kauffmann, wonach der es in New York gesehen habe. Er konsultierte das kürzlich online gestellte Archiv der New Yorker Galerie Knoedler und fand heraus, dass die Galerie Newhouse in New York das Bild 1936 an Aline Barnsdall in Beverly Hills verkauft hatte.

Ihr Vater war zu seiner Zeit der grösste private Ölproduzent. Das Erbe ermöglichte ihr ein breites kulturelles Engagement. So holte sie etwa Frank Lloyd Wright nach Hollywood und gab ihm mit dem Hollyhook House seinen ersten Auftrag in Los Angeles. Sechs Jahre nach ihrem Tod 1946 verkaufte der Nachlass das Gemälde durch die Galerie Knoedler, New York, über Kauffmann an Nathan, und der reichte es an Bührle weiter.

Provenienz-Recherche braucht Geduld, Beharrlichkeit und Glück. Die vielgescholtene Stiftung Sammlung E. G. Bührle macht vor, wie das geht. Der lange Atem sei allen empfohlen, die sich demnächst in Sachen Gurlitt wieder dem Thema zuwenden.

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