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Sophie Lillie: Ein Plädoyer der Erben - A plea for the heirs

2018
1970
1945
Der Standard 21 October 2017
von Olga Kronsteiner

Gustav Klimts Beethovenfries wurde 2015 nicht an die Erben nach August und Szerena Lederer restituiert. Ein vollständiger Blick auf die Causa fehlte

Pornografisch und schlicht scheußlich, schimpften die einen; fantastisch, ja ein Hauptwerk des Künstlers, urteilten die anderen. An Gustav Klimts Beitrag zur 14. Ausstellung der Wiener Secession, die als Gesamtkunstwerk und als Hommage an Ludwig van Beethoven konzipiert war, schieden sich im April 1902 die Geister: Ein 34 Meter langes Wandgemälde, das sich auf Richard Wagners Interpretation der neunten Sinfonie des Komponisten bezog und dessen allegorische Figuren die Sehnsucht nach dem Glück symbolisierten, die im idealen Reich der Künste gestillt wird.

Die zentrale Schmalwand schmückte die Bildfolge "Feindliche Gewalten", die nun auch das Cover von Sophie Lillies kommende Woche im Czernin-Verlag erscheinende Publikation ziert. Darin rekonstruiert die als Provenienzforscherin international anerkannte Kunst- und Zeithistorikerin diesen für die NS-Zeit, aber auch die Nachkriegsjahre exemplarischen Fall, der zuletzt 2015 für erhebliches Aufsehen sorgte.

Die von Klimt und anderen Künstlern 1902 geschaffenen Friese waren als temporärer Wandschmuck konzipiert. Die Wandgemälde von Ferdinand Andri, Josef Maria Auchentaller, Alfred Roller und Adolf Böhm wurden entsorgt. Nicht so jenes von Gustav Klimt.

Engagierten Sammlern sei Dank

Die Existenz des Beethovenfrieses ist engagierten Kunstsammlern zu danken: einerseits Carl Reininghaus, der ihn ankaufte und sorgfältig abtragen ließ; andererseits August und Szerena Lederer, die ihn – über Vermittlung von Egon Schiele – 1915 von Reininghaus erwarben.


Teilsegment der "Poesie", 1970er: Durch unsachgemäße Lagerung hatte der Beethovenfries über die Jahre Schaden genommen.

Dass dieses Meisterwerk des Jugendstils nun jährlich tausende Besucher in das Untergeschoß der Secession lockt, ist eine völlig andere Geschichte, unrühmliche Kapitel inklusive. Die Kurzfassung: Die Familie Lederer ist in der NS-Zeit enteignet und ihre Kunstsammlung beschlagnahmt worden. Dazu gehörten zehn Hauptwerke von Gustav Klimt, die von Behörden in Schloss Immendorf eingelagert wurden, wo sie im Mai 1945 verbrannt sein dürften. August Lederer war bereits 1936 verstorben, 1943 folgte ihm seine Witwe Szerena.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich nur Teile der einst umfangreichen Kollektion. Manches wurde an ihren Sohn Erich restituiert, anderes musste er – als Gegenleistung für Ausfuhrgenehmigungen – Museen widmen. Etwa ein Gemälde Gentile Bellinis, das man ihm "unter unsittlichem Druck und durch zivile Erpressung" genommen habe, wie er 1957 notiert. 1999 wurde es aus den Beständen des Kunsthistorischen Museums an seine Nachfahren restituiert.

Im Namen der Erben

Um den Beethovenfries, der mit einem Ausfuhrverbot belegt war, kämpfte Erich Lederer vom Genfer Exil aus über Jahrzehnte vergeblich. Erst 1972 verkaufte er ihn für 15 Millionen Schilling an die Republik. Notgedrungen, sind seine Nachfahren bis heute überzeugt. 2009 wurde das seit 1998 gültige Kunstrückgabegesetz novelliert, womit Rückstellungen auch dann möglich wurden, wenn Objekte nach Mai 1945 von der Republik angekauft wurden. Einzig muss der einst entrichtete Betrag nach heutigem Wert refundiert werden.


Erich Lederer war nicht nur Sammler, sondern "in jungen Jahren eng mit Egon Schiele befreundet gewesen" (Sophie Lillie). 1912 porträtierte Schiele den damals 13-Jährigen, der hier in den 1980er Jahren vor seinem Porträt posiert. Das in der NS-Zeit vorerst sichergestellte Gemälde tauchte 1948 im Dorotheum auf, wurde vor der Auktion zurückgezogen und an Erich Lederer ausgefolgt. "Als Dank für die ihm als Flüchtling in der Schweiz zuteil gewordene Unterstützung" vermachte er das Bild dem Kunstmuseum Basel.

Im Herbst 2013 schlug das Thema Beethovenfries über Betreiben eines der Lederer-Erben neuerlich auf. Entsprechend dem üblichen Prozedere landete der Fall bei der Kommission für Provenienzforschung. Die Causa avancierte zu einem von emotionalen Debatten begleiteten Politikum. Den Erben wurde pauschal Gier unterstellt.

Die Kernfrage war, ob der Ankauf in einem Zusammenhang mit dem Ausfuhrverbot stand. Zeitzeugen, die das Ansehen einstiger Politiker reflexartig zu verteidigen suchten, meldeten sich zu Wort: Es sei ein in Freundschaft erfolgter Kaufvertrag vorgelegen. Eine Rückgabe würde die Absichten des Kunstrückgabegesetzes ins Gegenteil verkehren. Die Erben würden sich quasi über den Willen Erich Lederers hinwegsetzen. Der Beirat sprach sich im März 2015 gegen eine Restitution aus, und Josef Ostermayer folgte als Kulturminister dieser Empfehlung. Die Empörung ist längst verstummt, der vollständige Blick auf die Causa fehlt indes bis heute.

Lücke schließen

In der öffentlichen Wahrnehmung hatten sich die Sichtweisen politischer Akteure und Zeitgenossen durchgesetzt, jene der Familie Lederer blieb unbekannt oder war von Dritten interpretiert worden. Eine Lücke, die Sophie Lillie, die 2013 im Auftrag der Erben Erich Lederers ein Gutachten zu dieser Causa verfasste, nun zu schließen bemüht ist. Wie die Autorin einleitend betont, gehe es auch darum, "den Betroffenen jenes Gehör zu schenken, das ihnen gebührt".

In der nun vorliegenden Vollständigkeit ist die Story bedrückend: Denn sie erzählt nicht nur von der Enteignung und der Zerschlagung des Konzerns, sondern auch von dem gezielt herbeikalkulierten Konkursverfahren nach dem Krieg. Sie beleuchtet bislang wenig bekannte Akteure wie Hermann Berchtold. Ein Mörder und frühes NSDAP-Mitglied, das zum kommissarischen Leiter des Konzerns bestellt worden war und auf ein Netzwerk einflussreicher Parteigenossen zählen konnte. Hinzu kommen Episoden wie jene zu Schloss Weidlingau, das 1947 restituiert wurde. "Just am Höhepunkt der Auseinandersetzung um den Beethovenfries kämpfte Erichs Cousine Marie Lederer um den Erhalt" des Barockbaus. Das Bundesdenkmalamt bestand auf einer Sanierung, verbot aufgrund des Ensembleschutzes jedoch den Verkauf eines Wirtschaftsgebäudes am Grundstücksrand.

Ende 1968 musste Marie Lederer in den Verkauf an die Gemeinde Wien einwilligen. Eine Sanierung blieb aus. 1972 wurde der Denkmalschutz aufgehoben, das Schloss abgerissen und die sogenannte "Stadt des Kindes" erbaut. Die Pläne für einen Neubau waren längst vorgelegen. Den lukrativen Deal hatte der Schwager des damaligen SPÖ-Finanzstadtrates und Vizebürgermeisters Felix Slavik eingefädelt. 1973 deckte Profil ähnliche Grundstücksgeschäfte auf, Slavik musste zurücktreten.

Jahrelanger Kampf

Es sind auch solche "Nebenschauplätze", die den von Sophie Lillie minutiös geschilderten jahrelangen Kampf der Familie um Vermögenswerte verdeutlichen. Im Mittelpunkt steht freilich jener um den Fries. "Der Eigentümer", merkte der damalige Unterrichtsminister Alois Mock 1969 an, bemühe "sich seit Jahren, eine Genehmigung zur Ausfuhr zu erhalten", die Fachwelt sei sich über den "unbedingten" Verbleib des Kunstwerkes in Österreich einig, und es werde daher nichts "anderes übrig bleiben, als den Fries von staatlicher Seite anzukaufen".

Durch die unsachgemäße Lagerung hatte das "in Ausmaß bedeutendste erhaltene Denkmal" (Johannes Dobai, 1965) des Wiener Jugendstils jedoch längst massiven Schaden genommen. Die daraus resultierende Wertminderung nutzte die Republik vorerst bei den Preisverhandlungen. Schließlich änderte man die Strategie: "Vom juristischen Standpunkt aus", empfahl Fritz Novotny, Direktor der Österreichischen Galerie, den Fries restaurieren zu lassen und Lederer "zur Refundierung des Aufwands zu verpflichten".

Allenfalls könnten die Kosten über eine Zwangsversteigerung eingebracht werden, pflichtete die Finanzprokuratur bei. Das Tauziehen um den Ankauf setzte sich fort. Er wäre froh, wenn "dieser 'makabre' Wettlauf um meinen Tod ein Ende finden würde", notierte der mittlerweile 71-Jährige im Sommer 1970. Zwei Jahre später sollte sich seine Hoffnung erfüllen. Die Erinnerung an das Jahrzehnte währende, zermürbende Gefeilsche blieb und ist über Sophie Lillies akribische Recherche nun auch öffentlich dokumentiert: in einem namens Erich Lederers und seiner Angehörigen geführten Plädoyer. (Olga Kronsteiner, Album, 21.10.2017)

Sophie Lillie, "Feindliche Gewalten – Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries". € 24,00 / 192 Seiten. Czernin, Wien, 2017

Link

Katalog zur XIV. Ausstellung der Secession, 1902 (Belvedere digital)

Nachlese Beethofenfies

Ansichtssache (2013)

"Österreich erzwang Kauf durch Tricks" (2013)

"Ein Fries mit vier Männern im Anzug" (2013)

"Ringen um den Goldesel" (2015)

"Keine Rückgabe: Ankauf gewürdigt, Ausfuhrverbot ignoriert" (2015)

https://www.derstandard.de/story/2000066389230/sophie-lillie-ein-plaedoyer-der-erben
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