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Die Dürer-Bilder, der Nazi und der Jude - Dürer paintings, the Nazis and the Jews

1970
1945
Berliner Morgenpost 28 November 2017
von Susanne Leinemann

Im Deutschen Historischen Museum erzählt eine kleineSchau von einem problematischen Ankauf

Eine Ausstellung wie ein Krimi. Alles kommt darin vor: zwei wertvolle Dürer-Gemälde, ein Netzwerk von Alt-Nazis, ein berühmter Berliner Kunstkenner jüdischen Glaubens, der die NS-Zeit nur dank seines Fachwissens überlebte. Klingt spannend, oder?

Im Jahr 2002 kaufte das Deutsche Historische Museum (DHM) zwei Kaiserbilder von Albrecht Dürer, beide werden auf 1514 datiert. Gezeigt werden darauf Karl der Große und Sigismund. Angeboten wurden die Bilder von einem wohlklingenden Schweizer Konsortium. Man überprüfte damals oberflächlich die Herkunft, stellte fest, sie stammten aus einem englischen Nachlass. Keine Raubkunst also, alles gut.

Doch Jahre später beschäftigt sich die DHM-Sammlungsleiterin Sabine Beneke noch mal mit dem Ankauf und stieß auf der Rückseite eines Zettels auf einen Namen, der sofort die Alarmglocken schrillen ließ: Bruno Lohse. Der Kunsthistoriker Lohse, 1911 geboren und ab 1933 Mitglied der SS, war die rechte Hand Hermann Görings beim europäischen Kunstraub in der NS-Zeit. Er wohnte nach dem Krieg weitgehend unbehelligt und wohlhabend in München, arbeitete weiter als Kunsthändler. Sabine Beneke wird bald klar – das Schweizer Konsortium hatte die Bilder im Auftrag Lohses angeboten. Der lebte damals noch, starb 2007 in München.

Nun stellte sich die drängende Frage: Wie und vor allem wann kam Lohse an die beiden Dürer-Bilder? Gehören sie etwa doch in die Kategorie "Raubkunst"?

Die Ausstellung "Kennerschaft und Kunstraub. Max J. Friedländer, Bruno Lohse und die Kaiserbildnisse Albrecht Dürers" macht nun diese eigene Geschichte zum Thema. Dafür wanderten die beiden Dürer-Bilder, die sonst immer als feste Stücke im ersten Stock beim Mittelalter hängen, ins Erdgeschoss zur Zeitgeschichte. Sie sind Mittelpunkt der grün gestrichenen Räume, die diese kleine Schau klar von der normalen Dauerausstellung abgrenzen.

Doch wieso taucht der Name Max J. Friedländer im Ausstellungstitel auf? Der Kunsthistoriker war einst einer der wichtigsten Persönlichkeiten Berlins, ist bis heute prägend für die Museumsinsel. Er baute zusammen mit Wilhelm von Bode die Gemäldegalerie auf, war zugleich in Kaiser- und Weimarer Zeit Direktor des Kupferstichkabinetts. 1933 wurde er entlassen – Friedländer war jüdischen Glaubens, gehörte zur Gruppe der selbstbewussten, bürgerlichen deutschen Juden, die mit der Gründerzeit einen großen sozialen Aufstieg erfuhren. Und die gleichzeitig auch großen Anfeindungen ausgesetzt waren. Bis die ab 1933 zur Verfolgung wurden.

Friedländer emigrierte eher spät aus Deutschland, lebte ab 1939 in den Niederlanden. Als Fachmann wurde er aber immer noch sehr geschätzt, auch von NS-Leuten wie Lohse. Friedländers Gutachten hatten Gewicht. Und es ist Friedländer, der die Dürer-Bilder zufällig 1938 bei einer Auktion in London entdeckte. "Aus dem immer noch unerschöpflichen englischen Privatbesitz", beginnt sein handschriftliches Gutachten 1939, "sind die beiden Kaiserbildnisse aufgetaucht." Eine "aufregende Überraschung" sei das, denn die Bilder seien ohne Frage echt. Dieses Gutachten liegt jetzt in einer Vitrine des DHM.

Die Galerie Katz in Amsterdam – die Brüder Katz sind Experten für altdeutsche Malerei – kaufte die Bilder, schickte sie 1939 als Kommissionsware über die Galerie Schaeffer nach New York. Man wollte die Bilder vor "dem Zugriff der Nationalsozialisten" in Sicherheit bringen, heißt es im Ausstellungstext. Alle damals Beteiligten haben, erzwungener Weise, einen Hintergrund als jüdische Emigranten. Hermann Göring dagegen, selbst ein großer Dürer-Liebhaber, scheint von den Bildern nichts zu wissen. So landen sie also nicht in Carinhall, seiner prächtigen Jagdresidenz in der Schorfheide.

Nach dem Krieg wurden die Bilder, die offenbar in den USA nie verkauft werden konnten, nach Basel gebracht. Dort lebten inzwischen die Brüder Katz, die während der NS-Zeit zwar in die Schweiz flohen, aber dort nicht arbeiten durften. Wann und wie genau nun Lohse die Bilder kaufte, man weiß es nicht. Vermutlich besaß er sie schon 1955, denn er baute sich als Nachkriegs-Kunsthändler einen Verkaufsfundus auf. Lohse, der ehemalige hochrangige NS-Mann, stand wieder mit allen in Kontakt: mit den Brüdern Katz, mit Schaeffer, auch mit Max Friedländer – für dessen Schutz auch er wohl bis 1945 gesorgt hatte.

Friedländer, obwohl in Holland lebend, war nie deportiert worden. Ein Krimi, komplex und schwierig – und als Ausstellung leider auch nur schwer darzustellen. Trotzdem lohnt sich der Versuch. Absolut erzählenswert!

DHM, Unter den Linden 2. Täglich, 10–18 Uhr. Eintritt 8 Euro, erm. 4 Euro (gilt für das ganze DHM). Bis 26. Februar 2018

https://www.morgenpost.de/kultur/article212672157/Die-Duerer-Bilder-der-Nazi-und-der-Jude.html
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