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Mythos vom rechtschaffenen Retter

1970
1945
Suddeutsche.de 19 November 2013
von Catrin Lorch


Klingelschild am Haus von Cornelius Gurlitt In Salzburg. Bislang beharrt er darauf, dass er keines der 1400 Werke aus dem Münchner Kunstfund zurückgeben möchte
.

"Freiwillig gebe ich nichts zurück": Gurlitts Haltung in der Münchner Raubkunst-Affäre bildet das Rechtsempfinden seiner Generation ab. Dabei ist das rechtmäßige Handeln, auf das er sich beruft, wohl vor allem eins - ein Mythos aus der Nachkriegszeit.

Wie kann ausgerechnet so einer geschichtsvergessen sein? Das fragt sich, wer die Äußerungen von Cornelius Gurlitt in dieser Woche im Magazin Spiegel liest, wo auch ein Auszug aus einer Autobiografie seines Vaters, des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, abgedruckt ist.

Es klingt bizarr, wenn Cornelius Gurlitt bedauert, dass er sein Erbe nicht habe schützen können, so wie der Vater, der es gegen das Feuer der Nazis, Bomben, Russen, Amerikaner verteidigt habe. Er selbst, der die Kunst gemeinsam mit dem Vater zu Bauern im Umland von Dresden und einem Schloss in Süddeutschland gekarrt habe, habe "nie etwas mit der Anschaffung der Bilder zu tun gehabt, nur mit der Rettung". In solchen Sätzen oder auch der Schilderung dieser "Rettung" von Vater Hildebrand Gurlitt, bildet sich noch einmal das ganze Rechtsempfinden dieser Generation ab.

Das ist zum einen der Mythos, man habe sich die Werke als Retter mit Schaufel und dem Handkarren und einer Spur Pfiffigkeit rechtmäßig angeeignet - schließlich wären sie sonst verloren gewesen. "Ich fand die ausgelagerten Reste der Sammlung", schreibt Hildebrand Gurlitt über das Kriegsende, "aber ihre Abenteuer sollten erst beginnen. Aus den Passepartouts herausgerissen, an verschiedenen Orten verteilt, blieb ein Teil in Sachsen", den er "mit einer kleinen List", "einem braven Russen" und "zwei Flaschen Schnaps freibekommen" konnte. Anderes "war in einer alten fränkischen Wassermühle eingemauert".

Und das von den Amerikanern Beschlagnahmte sei zurückgegeben worden. Doch der Mythos vom "Keller", aus dem man die Schätze unversehrt ausgrub, camoufliert vor allem, dass es sich um zwei Verstecke gehandelt haben muss: Im "Keller" rettete man die Kunst zunächst vor den Bomben. Dass man sie dann aber in den gleichen Verstecken ließ, um sie vor treffsicheren Fragen der Alliierten zu verbergen, macht aus dem gleichen "Keller" den Ort des Betrugs - es drohte ja allein der persönliche Verlust.

Zudem betonten alle in die Nazi-Kunsthändel verstrickten Akteure in der Nachkriegszeit gerne die Behauptung, die SS habe die "Entartete Kunst" zerstören wollen. Die Geschichtsschreibung hatte ja schon die öffentlichen Bücherverbrennungen notiert, den Nazis war alles zuzutrauen - doch mehr, als die verfemte Kunst verhöhnt und verspottet aus den Museen zu werfen, war vielleicht gar nicht geplant; schnell wurde das Verfemte zur Quelle für Devisen.

Hildebrand Gurlitt, inzwischen wieder Verfechter der Moderne und Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins, schrieb: "Ich glaube, etwa 80.000 Kunstwerke hat die SS verbrannt", ein Schicksal, das den von ihm an Sammler wie Haubrich in Köln oder Sprengel in Hannover vermittelten Bilder erspart blieb.


http://www.sueddeutsche.de/kultur/fall-gurlitt-mythos-vom-rechtschaffenen-retter-1.1821802
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