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Eine Heilige mit Schatten - A Saint with shadows hovering

1970
1945
Berliner Zeitung 9 March 2014
von Kerstin Krupp


"Muttergottes" von Michel Erhart, um 1480. Foto: Skulpturensammlung-Staatliche Mu

Eine neue Schönheit ist im Bode-Museum eingezogen: die „Muttergottes mit Kind“ des Ulmer Bilderschnitzers Michel Erhart, etwa aus dem Jahr 1480. Doch ihre Herkunft ist nicht ganz klar. Könnte es sich um Beutekunst handeln?

Es ist, als wäre sie nie woanders gewesen. Dabei hat die junge Frau ihren prominenten Platz im Zentrum des spätgotischen Saales des Bode-Museums erst vor wenigen Tagen bezogen. Die „Muttergottes mit Kind“, auch die „Schöne Madonna“ genannt, ist der jüngste Neuerwerb. Der Leiter der Skulpturensammlung, Julien Chapuis, gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er den Schwung im Faltenwurf des Gewandes beschreibt oder den lebensechten Lockenfall des taillenlangen Haares. Geschaffen hat die Statuette aus Lindenholz der Ulmer Michel Erhart, einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit, um das Jahr 1480.

Der österreichische Sammler, der ungenannt bleiben will, hätte auf dem internationalen Markt das Vielfache der 120000 Euro für die Madonna erzielen können, die ihm der Kaiser Friedrich-Museumsverein bezahlt hat. Ähnliche Arbeiten des Bildschnitzers Erhart wurden bereits für bis zu drei Millionen Euro angeboten. Für öffentliche Sammlungen sind solche Preise, die inzwischen regelmäßig auf Auktionen erzielt werden, nicht zu bezahlen, Ankäufe daher die Ausnahme.

Im Falle der Ulmer Madonna aber wollte der Sammler das Meisterwerk an der Seite ihres Ebenbildes aus Silber wissen, das der Goldschmied Heinrich Hufnagel 1482 schuf. Eine einzigartige Paarung. Nirgends sonst konnte ein Modell für eine erhaltene Goldschmiedestatuette ausfindig gemacht, geschweige denn gemeinsam gezeigt werden.

Ehemaliger Besitzer federführend bei NS-Kunstraub

Doch es liegt ein Schatten über der anmutigen Heiligen. Möglicherweise gehörte das Meisterwerk einem jüdischen Sammler, dessen Besitz sich die Nationalsozialisten bemächtigten. Der Verdacht ist naheliegend, gehörte Erharts Madonna doch bis in die 1950er-Jahre dem Kunsthistoriker Franz Kieslinger. Der Österreicher war in seinem Land federführend am NS-Kunstraub der beteiligt. Gleich nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 etwa wurde der Experte für mittelalterliche Kunst Geschäftsführer des vormals jüdischen, nun arisierten Kunsthandels S. Kende in Wien. 1940 ging er in die besetzten Niederlande und organisierte als Mitarbeiter der dort geschaffenen „Dienststelle Mühlmann“ die Beschlagnahme von Kunstobjekten.

Der Berliner Sammlungsdirektor Chapuis hatte dem Museumsverein dennoch den riskanten Erwerb empfohlen. Zu hoch schätzt er deren Bedeutung für das Bode-Museum ein. „Es kann sein, dass die Madonna aus einer jüdischen Sammlung stammt, aber ich halte das für unwahrscheinlich“, begründet der Kunsthistoriker den Schritt.

Grund für diese Annahme gibt ein Artikel aus dem Jahr 1930 in der Kunstzeitschrift „Pantheon“, in dem eben dieser Franz Kieslinger die Holzfigur erstmals beschrieb und sie auch gleich als Modell für Hufnagels Silber-Madonna identifizierte.

Den Besitzer nennt der Autor nicht namentlich, nur dass sich die Statuette in Wiener Privatbesitz befinde. Womöglich handelte es sich um Kieslingers eigene Sammlung. Es könnte aber auch eine jüdische, später arisierte Kollektion gewesen sein. Das Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin stellte selbst Nachforschungen an, kontaktierte Experten in Österreich, ging durch die Archive. Ohne Erfolg. Die jüngste Herkunftsgeschichte des Erhartschen Kunstwerks bleibt im Dunkeln.

Es wäre nicht der erste Restitutionsfall. Die Staatlichen Museen durchforsten seit Jahren aktiv ihre Bestände nach belasteten Kunstwerken. Erst vor wenigen Monaten ging ein spätmittelalterliches Alabasterrelief zurück an die Erben der einstigen Besitzer. Auf dem Kunstwerk ist Christus zu sehen, wie er, gebeugt unter der Last des Kreuzes, auf dem Weg nach Golgatha ist, umgeben von Maria, Johannes und hämischen Schaulustigen.

Das Relief wurde beschlagnahmt

Das Relief stammt aus der Sammlung von Harry Fuld, einem jüdischen Unternehmer aus Frankfurt am Main, der 1936 nach London auswanderte. Die Umzugskisten wurden damals durch die Berliner Oberfinanzdirektion beschlagnahmt. Auf diesem Weg gelangte das Relief an das Auktionshaus Hans W. Lange in Berlin, wo es schließlich die Skulpturensammlung erwarb.

Der Platz in der Vitrine, wo das Relief bislang zu sehen war, ist leer. Das Kunstwerk ging der Sammlung aber nicht verloren, sondern ist nur eine Etage tiefer in der Werkstatt der Restauratoren. Die Ernst von Siemens Kunststiftung kaufte die Passionsdarstellung für das Museum zurück – der Preis wird nicht genannt. Eine späte Wiedergutmachung.

Sollte es für Erharts Madonna auch irgendwann zu einem Restitutionsverfahren kommen, hat der Kaiser Friedrich-Museums-Verein Vorsorge getroffen. Einige Mitglieder haften für einen eventuellen Verlust. In diesem Fall werden sie aus ihrem Privatvermögen die Vereinskasse entschädigen. Was in einem solchen Fall aber mit der Statuette geschehen wird, kann keiner vorhersagen. Daher sollte man die Gelegenheit nutzen und die Dame auf der Museumsinsel besuchen, solange sie dort zu sehen ist.

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/ns-raubgut-eine-heilige-mit-schatten,10809150,26504788.html
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