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«In Gurlitts Schliessfächern wurden keine Bilder gefunden» - "No pictures were found in Gurlitt's deposit boxes"

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Tages-Anzeiger 3 April 2014
Mit Stephan Holzinger sprach Simone Schmid

Gemäss dem deutschen Magazin «Focus» hatte Cornelius Gurlitt in einem Bankschliessfach in Zürich weitere Bilder versteckt. Gurlitts PR-Verantwortlicher Stephan Holzinger streitet dies ab.

Soll zurückgegeben werden: Das Porträt «Sitzende Frau» von Henri Matisse.  

Sie sind Experte für sogenannte Litigation-PR. Ihr Job ist es damit, Gerichtsverfahren mithilfe der öffentlichen Meinung zu steuern. Sagen Sie denn hier die Wahrheit?

Natürlich sage ich die Wahrheit. Die Anwälte vertreten den Mandanten im Gerichtssaal, ich vertrete ihn im Gerichtssaal der öffentlichen Meinung. Wir müssen nicht alles sagen, was wahr ist. Aber was wir sagen, muss wahr sein.

Ihr Klient hat guten Rat nötig.
Die öffentliche Meinung über Herrn Gurlitt war in Schieflage geraten. Wir haben die letzten Wochen sehr hart daran gearbeitet, diese Schieflage zu korrigieren. Und wenn man die Berichterstattung der letzten Tage anschaut, sieht man, dass das nicht ganz ohne Erfolg war.

Bis auf die neue «Focus»- Berichterstattung. Stimmt es, dass Cornelius Gurlitt zwei Schliessfächer bei der UBS besitzt?
Das ist längst aktenkundig und wurde von der Staatsanwaltschaft als unproblematisch abgehakt. In den Schliessfächern, die Gurlitt gehören, wurden weder Bilder noch Geld gefunden.

Sie wurden durchsucht?
Die Schweizer Behörden haben die Schliessfächer durchsucht. Aber für genaue Informationen hierzu müssen Sie die Staatsanwaltschaft anfragen.

Und die Schliessfächer waren leer?
Ich habe nicht gesagt leer. Sie enthielten aber weder Kunstwerke noch Geld.

Laut «Focus» bewahrte der Vater von Cornelius Gurlitt etliche Bilder im Basler Zollfreilager auf. Befinden sich die Bilder noch in der Schweiz?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, das entzieht sich meiner Kenntnis. Wir haben keine positive Erkenntnis darüber, dass es aus der Sammlung Gurlitt in der Schweiz Bilder gibt.

Mit welchen Galerien in der Schweiz hat Herr Gurlitt Geschäfte gemacht?
Mir ist nur bekannt, dass es früher mit der Galerie Kornfeld Geschäfte gab. Weitere Galerien sind mir nicht bekannt. Die Geschäfte mit der Galerie Kornfeld sind meinem derzeitigen Kenntnisstand nach schon jahrzehntealt.

Warum hat Herr Gurlitt zwei Jahre lang auf einen Anwalt verzichtet?
Ich tue mich schwer, nachträglich etwas zu deuten. Herr Gurlitt hat bekanntermassen ein Leben in einer quasi selbst gewählten Isolation verbracht. Er hat im Prinzip mit seinen und für seine Bilder gelebt. Gurlitt ist nicht ein Vertreter der modernen Zeit, der mit Smartphone und Internet hantieren kann. Warum er sich über diesen langen Zeitraum keinen Anwalt besorgt hat, darüber möchte ich nicht spekulieren.

Und wie hat er den Kontakt zu Ihnen gefunden?
Er hat mich nicht selbst gefunden. Er wusste bis dato nicht, dass es Berater wie mich überhaupt gibt. Der vom Gericht bestellte Betreuer von Herrn Gurlitt hat mich in enger Abstimmung mit den Anwälten als Berater für Kommunikationsfragen bestellt.

Sie haben gesagt, dass das für Sie ein atypischer Fall sei.
Er ist insofern atypisch, weil wir hier eine sehr komplexe Gemengelage haben aus zivil- und strafrechtlichen Themen. Es gibt zudem eine hohe politische Brisanz und eine enorme internationale Aufmerksamkeit. Wir haben bis heute über 500 Medienanfragen aus der ganzen Welt zum Thema Gurlitt erhalten. Daneben gibt es eine ganz besondere moralische Komponente. De facto sind die Fälle zivilrechtlich verjährt. Wir wollen uns aber bewusst nicht hinter dem Recht verstecken, sondern eine Lösung finden, wie wir mit diesem riesigen Konvolut an Kunstwerken umgehen. Dazu erarbeiten wir gegenwärtig ein Restitutionsschema.

Muss Herr Gurlitt weitere Bilder verkaufen, um Sie bezahlen zu können?
Dafür wäre ein Verkauf von Bildern nicht notwendig. Es ist aber in der Tat so, dass sowohl ich als auch die Anwälte, die Restauratoren und weitere Dienstleister aus dem Vermögen von Herrn Gurlitt bezahlt werden.

Wie erklären Sie ihm Ihre Arbeit?
Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Wir haben mit der Website Gurlitt.info eine Plattform für unsere Argumente und unsere Sichtweise der Dinge geschaffen. Das konnten wir ihm nur erklären, indem wir die Website Seite für Seite ausgedruckt haben. Eine solche Litigation-Website ist Herrn Gurlitt als Instrument nicht bekannt. Doch er verfolgt in un­regelmässigen Abständen die Berichterstattung. Insofern ist er schon im Bilde, was ich tue.

Was für ein Mensch ist Herr Gurlitt?
Ein sehr zurückhaltender, sehr diskreter, sehr höflicher Mensch. Einer, der fast schon verschüchtert wirkt. Was wohl damit zusammenhängt, dass er einen Grossteil seines Lebens anders geführt hat, als das wohl die meisten von uns tun. Er ist nicht bekannt für überbordende soziale Kontakte, sondern hat überwiegend ein Leben mit sich und den Bildern geführt.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit ihm aus?
Ich will keine Details nennen, aus Rücksicht auf seine Privatsphäre. Aber den engsten Draht, den er pflegt, ist der zu seinem gerichtlich bestellten Betreuer. Herr Gurlitt hat mal gute und mal weniger gute Tage, das liegt an seinem Gesundheitszustand und Alter. Er hatte eine schwere Herzoperation, und in einer solchen Situation können wir natürlich nicht täglich mehrstündige Rücksprachen mit ihm halten.

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kunst/In-Gurlitts-Schliessfaechern-wurden-keine-Bilder-gefunden/story/28322219
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