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"Es ist ein Marathon" - "This is a Marathon"

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Berliner Zeitung 15 April 2014
 


Der für die Nazis tätige Kunsthändler Hildebrand Gurlitt hat seinem Sohn Cornelius nicht nur Bilder, sondern auch seine Geschäftsbücher vermacht.

Ingeborg Berggreen-Merkel, die Leiterin der Task Force Schwabinger Kunstfund, über die Lösung im Fall Gurlitt, die Folgen - und die Grenzen ihrer Expertengruppe.

Alles scheint geklärt, nachdem sich der Kunstsammler Cornelius Gurlitt vergangene Woche mit der Bundesregierung und dem Land Bayern auf ein Verfahren geeinigt hat, wie künftig im Falle eines Raubkunstverdachts mit seinen fast 1500 Bildern umgegangen wird. Der 81-Jährige erhält alle unbelasteten zurück, die rund 500 verdächtigen Bilder werden weiter von der sogenannten Task Force untersucht. Der Zugriff auf die Bilder und auch der Fortbestand der Expertengruppe unter Leitung der Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel ist somit gesichert. Erfolgreiche Rückgaben gibt es bislang dennoch nicht. Die folgenden Fragen dazu hat Berggreen-Merkel schriftlich beantwortet.

Frau Berggreen-Merkel, sind Sie zufrieden mit der gefundenen Lösung?

Die Entwicklung der letzten Tage ist aus der Sicht unserer Arbeit ein wirklicher Durchbruch.

Wie weit ist Ihre Forschungsarbeit an Gurlitts Sammlung fortgeschritten?

Viel der Grundlagenforschung ist bereits geleistet, die Quellen sind aufbereitet, um damit arbeiten zu können. Aber Provenienzrecherche ist kein 100-Meter-Lauf, es ist ein Marathon. Der öffentliche Druck ist erheblich – und verständlich. Aber ich muss unserem Team die Chance geben, die historischen Fakten in der nötigen Sorgfalt zu prüfen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Da der Vater von Cornelius Gurlitt zum Teil auch in Frankreich tätig war, müssen wir nicht nur die Unterlagen der Central Collecting Points untersuchen – das sind die Orte, an denen die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die durch das NS-Regime geraubten Kunstwerke zentral gelagert haben – , sondern eben auch die Quellen in französischen Archiven sichten. Solche Sichtungen sind zeitaufwendig. Nur so aber kommen wir zu belastbaren Ergebnissen, die wiederum die faktische Grundlage für Entscheidungen und Verhandlungen bilden, die einzig Herr Gurlitt mit seinen Anwälten und die Anspruchsteller miteinander führen können.

Wird das Ihnen zugesicherte Jahr reichen, um die Herkunft der rund 500 verdächtigen Bilder zu prüfen?


Ingeborg Berggreen-Merkel

Wir arbeiten so schnell, wie wir können – und so gründlich, wie wir müssen. Die Formulierungen in der Vereinbarung sind so gehalten, dass uns in begründeten Fällen auch eine über die Jahresfrist reichende Bearbeitung möglich ist.

Wie viele Anspruchsteller haben die Task Force kontaktiert?

Wir haben eine beachtliche Anzahl von Anfragen erhalten. Wir möchten aber durch konkrete Zahlen niemanden entmutigen, uns zu schreiben. Wir nehmen jede Anfrage ernst, weil wir wissen, dass dahinter schreckliche Erlebnisse stehen.

Einige Anspruchsteller klagen über zu viel Bürokratie und mangelnden Informationsfluss, etwa dass die Task Force zwar Bilder präsentiert, den Einblick in Hildebrand Gurlitts Geschäftsbücher aber verwehrt.

Bis vor wenigen Tagen unterlagen wir – in Amtshilfe für die Staatsanwaltschaft Augsburg tätig – vollkommen dem Handlungsrahmen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens. Es war rechtlich nicht möglich, die privaten Geschäftsunterlagen zugänglich zu machen. Diese gehören zweifelsfrei Herrn Gurlitt und konnten deshalb von der Staatsanwaltschaft nicht zur Veröffentlichung freigegeben werden. Ob die Anwälte von Herrn Gurlitt zu einem anderen Ergebnis kommen, wird sich zeigen.

Kurz vor der Rückgabe des Matisse-Gemäldes „Sitzende Frau“ an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Rosenberg verkündete die Task Force, es gebe seit Februar einen zweiten Anspruchsteller. Wieso haben Sie Gurlitts Anwälten das nicht früher mitgeteilt?

Wir sind keine Restitutionsbehörde, sondern recherchieren allein die Provenienz der Kunstwerke. Wir haben im Zusammenhang mit diesem Bild einen ersten Anschein über die Möglichkeit einer solchen Anspruchsstellung, das heißt die Eindeutigkeit oder Zweifelhaftigkeit des bisher Bekannten überprüft und dann die Anwälte von Herrn Gurlitt unterrichtet.

Sind die Besitzverhältnisse des Matisse-Gemäldes inzwischen geklärt?

Dazu werden wir uns äußern, wenn wir die abschließende gutachterliche Stellungnahme vorlegen. Aber noch einmal: Die Kernaufgabe der Task Force besteht in der Provenienzrecherche – Entscheidungen über Herausgabe und Eigentum liegen nicht in unserer Gewalt.

Welche Wirkung auf andere private Sammlungen versprechen Sie sich von der Einzelfalllösung Gurlitt?

Der Fall Gurlitt ist aufgrund seiner gesamten historischen Dimension besonders. Zugleich werden wir an unsere immerwährende Verantwortung gemahnt, der wir uns auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht entziehen dürfen. Die gefundene Vereinbarung kann weitere private Sammler motivieren, sich intensiv mit der Herkunft ihrer Sammlungen zu befassen.

Die Fragen stellte Kerstin Krupp.

Die Recherche-Einheit

Die Task Force Schwabinger Kunstfund wurde im Januar im Amtshilfeverfahren für die Augsburger Staatsanwaltschaft berufen. Aufgabe des Expertengremiums war und ist es, die Herkunft der bei Cornelius Gurlitt gefundenen Bilder zügig aufzuklären. Noch liegen keine Ergebnisse vor.

Die Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel leitet das Expertengremium. Weil Spuren der Bilder auch nach Polen führen, wurde nun die Kunsthistorikerin Monika Kuhnke als polnische Expertin in das damit 15-köpfige Team berufen. Gurlitt könnte noch einen Wissenschaftler entsenden.


http://www.berliner-zeitung.de/kultur/interview--es-ist-ein-marathon-,10809150,26855778.html
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