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«Es dauert noch Jahre» - "It will take years"

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1945
Tagblatt 9 May 2014
Von Valeria Heintges


Auch Edvard Munchs Zeichnung «Zwei Menschen» gehört zum Erbe von Cornelius Gurlitt.

Der Historiker Thomas Buomberger hat über den Umgang der Schweiz mit der Raubkunst ein Buch geschrieben. Das Kunstmuseum Bern sollte die Sammlung Gurlitt erst ausstellen, wenn es die Herkunft der Bilder genau geklärt hat, sagt er.

Am Mittwoch wurde klar, dass Cornelius Gurlitt seine Sammlung, rund 1500 Werke von Künstlern wie Beckmann, Picasso und Marc Chagall, dem Kunstmuseum Bern vermacht hat. Ein «vergiftetes Geschenk», sagt Thomas Buomberger, Historiker und Autor des Buches «Raubkunst – Kunstraub. Die Schweiz und der Handel mit gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs». Denn wahrscheinlich sind viele der Bilder sogenannte Raubkunst und müssten daher an die rechtmässigen Erben zurückgegeben werden.


Thomas Buomberger Historiker, Autor «Raubkunst – Kunstraub»

Herr Buomberger, würden Sie dem Kunstmuseum Bern raten, das Erbe von Cornelius Gurlitt anzutreten? 

Thomas Buomberger: Es könnte die Bilder annehmen unter der Voraussetzung, dass sämtliche Provenienzen dieser mutmasslich 500 Bilder, die Raubkunst sein könnten, von Grund auf und seriös abgeklärt worden sind. Und dass man, wenn sich ein Verdacht auf Raubkunst ergibt, die ursprünglichen Eigentümer, bzw. deren Nachkommen ausfindig macht und mit ihnen eine faire Lösung findet. Wenn es kein einziges Werk mehr gibt, auf dem ein Schatten liegt, dann kann man das Erbe annehmen.

Was ist Provenienzforschung eigentlich? Was macht man da?

Buomberger: Das ist ganz simpel. Man klärt die Provenienz, also die Herkunft ab, welch ein Weg ein Bild genommen hat, seit es verschwunden ist. Ein Beispiel: Ein Bild war im Besitz einer jüdischen Familie in den 30er-Jahren. Die Familie musste flüchten und ihren Besitz zurücklassen, unter anderem auch Bilder. Diese Bilder sind verschwunden und später auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, haben mehrfach die Hand gewechselt und sind jetzt in einem Museum, dem es geschenkt worden ist. Jetzt geht es darum, diese Kette der Zwischenbesitzer zurückzuverfolgen bis hin zum rechtmässigen Besitzer und herauszufinden: Hat der noch Nachkommen?

Wie viele Bilder stehen unter Raubgut-Verdacht?

Buomberger: Die Anwälte von Herrn Gurlitt sprechen von nur 50, andere Quellen von 500. Man weiss es nicht, denn man kennt nicht einmal den ganzen Bestand. Man ist im Augenblick sehr im spekulativen Bereich.

Nur ein Bild, «Die sitzende Frau» von Henri Matisse, wurde bisher an die Erben zurückgegeben. Es gingen auch nur wenige Restitutionsansprüche ein, lediglich im niedrigen zweistelligen Bereich, heisst es. Ist also alles halb so schlimm?

Buomberger: Es kann nur Restitutionsansprüche geben, wenn die Nachkommen wissen, dass ihr Grossvater bestohlen wurde. Aber sehr häufig wissen das die Nachkommen 70 Jahre später gar nicht mehr. Deswegen gibt es eine Bringschuld: Die jetzigen Besitzer haben die moralische Verpflichtung, herauszufinden, ob ein Werk Raubkunst sein könnte.

Der Besitz mancher Bilder sei rechtlich einwandfrei, aber moralisch fragwürdig, heisst es. Wie kann das sein?

Buomberger: Juristisch sind alle Fälle verjährt. Aber weil die Sache mit dem Holocaust verbunden ist, der gewissermassen das ultimative Menschheitsverbrechen war, gibt es die moralische Verpflichtung, Unrecht wenigstens teilweise zu kompensieren.

Es heisst, in der Sammlung könnten Werke von «Nationalem Kulturgut» sein, die Deutschland gar nicht herausgeben dürfte. Was ist damit gemeint?

Buomberger: Vielleicht sind es Werke deutscher Maler, Expressionisten vielleicht. Was wichtiger werden könnte: Cornelius Gurlitts Vater Hildebrand hat im Auftrag der Nazis «entartete» Kunst ins Ausland verkauft. Und mich würde wundernehmen, ob der Sohn noch Werke besitzt, die früher in deutschen Museen gehangen haben und auf die diese Museen Anspruch erheben könnten. Hildebrand Gurlitt könnte sich von den Werken, die er verkaufen sollte, einige unter den Nagel gerissen haben.

Das Kunstmuseum Bern muss die Provenienzforschung bezahlen, die Sanierung der Bilder, später sie ausstellen oder lagern. Ein teures Erbe.

Buomberger: Ein vergiftetes Geschenk. Man bekommt die Katze im Sack, würde ich sagen.

Sie sagen, Schweizer Museen betrieben Provenienzforschung «ungemein lasch». Wieso das?

Buomberger: Das Bundesamt für Kultur hat vor einigen Jahren mal eine Umfrage gemacht unter 500 Museen und gefragt, was die Museen unternommen haben, um herauszufinden, ob sie Raubkunst in ihren Beständen haben. Das Ergebnis war ziemlich betrüblich. Die wenigsten haben wirklich ihre Bestände untersucht. Das Kunsthaus Zürich hat nicht einmal die Umfrage des Bundesamtes beantwortet. Da fehlt zu einem grossen Teil das Bewusstsein für die Verantwortung und die Wichtigkeit dieser Provenienzforschung.

Wie erklären Sie sich das?

Buomberger: Mit der Haltung «Augen zu und durch». Viele hoffen, dass sich das Thema Raubkunst irgendwann erledigen wird und man den Mantel des Schweigens darüber legen kann.

Sie sind da anderer Meinung?

Buomberger: Allerdings. Ich sage seit Jahren, man soll nicht denselben Fehler machen wie bei den nachrichtenlosen Vermögen. Da hat man auch versucht, etwas auszusitzen. Und am Schluss hat sich massiver Druck aufgebaut und die Sache ist wesentlich teurer zu stehen gekommen, als wenn man das von vornherein erledigt hätte. Ich würde nicht ausschliessen, dass da im Bereich Raubkunst noch etwas auf die Schweiz zukommt.

Wie lange könnte es dauern, bis die Öffentlichkeit diese Bilder im Berner Museum ansehen kann?

Buomberger: Provenienzrecherchen können Jahre dauern, auch, bis man die Erben gefunden hat. Bis die Bilder zu sehen sind, das dauert noch lange.

 

http://www.tagblatt.ch/aktuell/kultur/kultur/Es-dauert-noch-Jahre;art253649,3802724
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