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Der Neid hält sich in Grenzen - There is little envy

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1945
Neue Zürcher Zeitung 8 May 2014
 


Eingang zum Kunstmuseum in Bern, aufgenommen am 14. Juli 2004.

Zur Nachricht, dass Cornelius Gurlitt das Kunstmuseum Bern zum Alleinerben seiner Kunstsammlung eingesetzt hat, fällt der «Süddeutschen Zeitung» («SZ») ein: «Ausgerechnet die Schweiz. Was Raubkunst angeht, gilt sie nicht gerade als Musterland.» Damit das spitze Urteil nicht als Schmähung von deutscher Seite aufgefasst und mit der Replik gekontert wird, in Anbetracht der Nazivergangenheit solle man in München, der ehemaligen «Hauptstadt der Bewegung» (Adolf Hitler), doch besser still sein – um sich also für diesen Kommentar zu legitimieren, beruft sich das Blatt auf Thomas Buomberger. Der Schweizer Historiker, Verfasser eines Buches über Raubkunst, nennt laut «SZ» die Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Schweiz, verglichen mit Deutschland, «ungemein lasch».

Den deutschen Beobachtern ist klar, dass die Annahme des Erbes für Bern mit Kosten und Mühen verbunden wäre. Der Neid im Nachbarland hält sich daher in Grenzen. Der Zustand vieler Kunstwerke erfordert eine Restaurierung. Die Berliner Task-Force zum «Schwabinger Kunstfund» hält das Gros der rund 1500 Werke aus Gurlitts Besitz für unbelastet. Bei etwa 450 Werken sei ein Raub nicht auszuschliessen – aber eben auch nicht belegt. Anspruchsteller mit konkreten Rückgabeforderungen zählt die Task-Force knapp zwanzig, allgemeine Anfragen zweihundert. Trefflich lässt sich darüber räsonieren, ob für Bern letzten Endes nur Bilder zweiten Ranges übrig bleiben, während sich die Werke von Meistern wie Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann oder Nolde als Stücke erweisen, die restituiert werden müssen. Bayerns Regierung will prüfen, ob die Sammlung unter die nationalen Kulturgüter zu rechnen sei. Dann könnte ihre Ausfuhr verboten werden.

Keine Auskunft erhalten

Angeblich soll Cornelius Gurlitt auf dem Pflegebett erklärt haben, dass er willens sei, nicht bloss Raubkunst an anspruchsberechtigte Erben der Verfolgten des NS-Regimes zurückzugeben, sondern auch Bilder an Museen zu restituieren, denen Kunstwerke im Rahmen der Säuberungsaktion gegen «entartete Kunst» abgepresst wurden. Zuvor schon hatte das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum möglichen früheren Besitz aus der Sammlung des Kunsthändlersohns zurückgefordert. Im November letzten Jahres hatte Museumsdirektor Gerhard Finckh der Staatsanwaltschaft Augsburg deswegen einen Brief geschrieben und eine Liste der infrage kommenden 500 Werke beigefügt. Uns sagte Finckh am Mittwoch, bis anhin habe er keine Auskunft erhalten, ob oder inwiefern sein Begehren geprüft worden sei. Dass Bern nun Alleinerbe werden solle, überrasche ihn. Er hätte eher mit der Einrichtung einer Stiftung gerechnet, die dann an ein Museum andocken würde. Die aktuelle Wendung des Falles komme ihm, so Finck, «ein bisschen so vor, als sollte die Provenienzforschung ausgehebelt werden».

Max Hollein, Direktor des Museums Städel in Frankfurt, möchte sich uns gegenüber nicht äussern. Von ihm ist bekannt, dass er eine Vermischung der Problemkomplexe «Raubkunst» (die Enteignung jüdischer Bürger) und «entartete Kunst» (die Säuberung der Museen) für ungut hält. Nikolaus Schweickart, der Vorsitzende der Städel-Administration, hatte sich allerdings im Januar mit dem Satz vernehmen lassen, sein Haus denke über eine Rückgabeforderung nach, sollte sich in der beschlagnahmten Sammlung von Cornelius Gurlitt ein dem Städel entwendetes Bild befinden.

Bedeckt hält sich auch die Pinakothek der Moderne in München. Der für die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zuständige Leiter verweist an die im Haus arbeitende Provenienzforscherin Andrea Bambi, die ihrerseits nur sagen will, dass die Pinakothek keine Rückforderungen erwäge, sie aber Kommentare zur Causa Gurlitt ablehne.

Unklare Situation

Vielleicht muss man Pensionär wie Ulrich Krempel sein, um frisch von der Leber weg sprechen zu können. Zwanzig Jahre lang, bis letzten Januar, war Ulrich Krempel Direktor des Kunstmuseums Sprengel in Hannover. Der Stifter Bernhard Sprengel hat vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt seinerzeit über vierhundert Arbeiten von Emil Nolde erworben.

Das Museum hat diese Geschichte aufgearbeitet und nebst Briefwechsel publiziert. Bis heute aber, sagt Krempel, sei nicht klar, was sonst noch alles über Gurlitt in die Bestände des Sprengel-Museums gelangt sei. Das Kunstmuseum Bern als Erben einzusetzen, begrüsst er. Er sei sicher, dass man dort der Provenienzforschung keine Steine in den Weg lege. Und Krempel setzt hinzu: «Ich bin immer froh, wenn solche Dinge in Museumshand liegen und nicht der Willkür familiärer Erben unterworfen sind.»

 

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/der-neid-haelt-sich-in-grenzen-1.18298782
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