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Ein Geschenk wie ein trojanisches Pferd - A gift like a Trojan horse

1970
1945
Der Bund 27 May 2014
Von Markus Dütschler

Die Sammlung Gurlitt birgt wohl noch einige Überraschungen, was unter Umständen jahrelange Rechtshändel nach sich ziehen könnte. Dennoch wäre nach Meinung von Experten in Bern etwas mehr Freude über das unverhoffte Geschenk sehr wohl am Platz.


«Waterloo Bridge» von Claude Monet aus Gurlitts Wohnung in Salzburg: So wie die Brücke liegt die Herkunft mancher Bilder noch im Nebel.

Auf den ersten Blick ist es wie ein Sechser im Lotto: Der Sohn eines prominenten Kunsthändlers hortet in seinen Wohnungen in München und Salzburg eine Sammlung und vermacht sie dem Kunstmuseum Bern. Dessen Leitung schluckt erst einmal leer. Amtsstellen wie das Bundesamt für Kultur erklären sich für unzuständig. Grossräte erheben den Mahnfinger: Das werde ein Fass ohne Boden. Doch was sagen Experten ausserhalb Berns? Wie würden sie handeln, wäre das Geschenk an sie gegangen?

Christoph Vitali, lange Kurator und Museumsdirektor in Deutschland und zuletzt Direktor der Fondation Beyeler in Riehen, findet diese Warnungen voreilig. Man wisse noch viel zu wenig über die Sammlung. Es sei noch zu früh, um über Geld zu sprechen. Allen angefragten Sachverständigen ist aber klar, dass die Sammlung unangenehme Überraschungen enthalten dürfte. Schliesslich zählte Hildebrand Gurlitt, der Vater des kürzlich verstorbenen Cornelius Gurlitt, zu den vier prominentesten Kunsthändlern der Nazizeit. Somit ist mit «entarteter Kunst» zu rechnen, mit Werken von Kunstrichtungen, die nicht den ideologischen Vorgaben der Nazis entsprachen und darum aus deutschen Museen entfernt wurden: Expressionismus, Dadaismus, Kubismus. Auch Raubkunst dürfte dabei sein. Diese Werke wurden oft von jüdischen Sammlern für ein Butterbrot veräussert, weil sie zum Beispiel dringend Geld für ihre Flucht brauchten. Schätzungen gehen von 600'000 Werken aus, die geraubt, abgepresst oder auf diese Art «abgekauft» wurden.

«Entartete Kunst» – «Raubkunst»

Andrea Raschèr kennt sich aus auf diesem heiklen Terrain. Der Jurist verhandelte 1998 für die Schweiz bei der Ausarbeitung der Washingtoner Prinzipien, die den Umgang mit Nazi-Raubkunst regeln. Laut Raschèr erhält das Kunstmuseum ein «Danaergeschenk», ein trojanisches Pferd. Gurlitts Vater sei ein «hervorragender Kunsthistoriker» gewesen, aber auch «einer der wichtigsten Nazi-Kunsthändler». Rhetorisch fragt Raschèr – auch in Bezug auf die sogenannt entartete Kunst: «Kann es sich ein Kunstmuseum leisten, sie zu integrieren? Darf es als Profiteur auftreten?» Der Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern sei «um seine Aufgabe nicht zu beneiden». Das Geschenk könne «ein Jackpot oder aber ein grosses Problem» sein. Wie immer das Kunstmuseum entscheide: In einigen Jahren werde man es ihm womöglich als grossen Fehler ankreiden. Denn rechtlich ist noch vieles offen: Möglicherweise durfte der Erblasser Gurlitt nicht alle Werke ins Ausland verschenken. Auf solche «von nationaler Bedeutung» könnten Deutschland oder der Freistaat Bayern ihre Hand legen. Cäsar Menz, ehemaliger Direktor des Genfer Musée d’Art et d’histoire, kennt diese Problematik. Allerdings sei es in Deutschland nicht ganz so delikat wie in Frankreich, sagt der ehemalige Präsident der Bernischen Kunstgesellschaft: «In Frankreich kann fast jeder Direktor eines Museums bei einer Auktion intervenieren.»

Nicht Schwarzpeter zuschieben

Laut dem Juristen Raschèr gelten in der Schweiz und in Deutschland unterschiedliche Fristen, bis wann ein Erbe akzeptiert oder ausgeschlagen werden kann. Auch sei noch offen, ob Deutschland das Kunstmuseum als steuerbefreite Institution anerkenne. Falls nicht, fielen Erbschaftssteuern an. Die angefragten Sachverständigen betonen, dass man nicht genau wisse, was sich in der Sammlung befindet. Die Sammlung sei «eine Blackbox», so Cäsar Menz. Dennoch findet es der ehemalige Museumsdirektor «etwas enttäuschend, dass jeder dem anderen den Schwarzpeter zuschiebt: So ängstlich sollte man nicht reagieren.» Selbstverständlich brauche es eine saubere Abklärung bezüglich «entarteter Kunst» und Raubkunst. Nach Menz’ Meinung passt vieles aus der Gurlitt-Sammlung gut in die bestehende Sammlung der Klassischen Moderne im Kunstmuseum. «Ein wenig mehr Begeisterung wäre angezeigt.»

Christoph von Graffenried, Zürcher Anwalt baslerischer Provenienz, versteht die «schwierige Lage» des Kunstmuseums. Der Jurist, der in der Programmkommission des Kunstmuseums Zürich sitzt, weiss, dass fremde Besitzansprüche lange Rechtshändel nach sich ziehen können. Für ihn ist nicht so sehr der Wert der Sammlung entscheidend. Vorrang habe die kuratorische Frage: «Passen die Werke in den bestehenden Bestand, oder füllen sie eine Lücke?»

Ein Branchenkenner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bezweifelt, dass die Sammlung Gurlitt tatsächlich eine Wundertüte ist. Vor zwei Jahren sei sie entdeckt worden, Fachleute hätten sie besichtigt. «Die Deutschen haben Fehler gemacht. Es wäre keine Hexerei gewesen, in diesen zwei Jahren viel mehr über die Herkunft herauszufinden.»

Christian Bernard beschleicht ein schlechtes Gefühl, wenn er an die Sammlung Gurlitt denkt. Der Gründer und Direktor des Musée d’art moderne et contemporain (Mamco) in Genf sagte gegenüber dem Westschweizer Fernsehen kürzlich sinngemäss: Er würde sie nicht nehmen, das Risiko wäre ihm zu gross.

 

http://www.derbund.ch/bern/stadt/Ein-Geschenk-wie-ein-trojanisches-Pferd/story/25469464
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