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Die Raubkunst der Nazis in deutschen Wohnzimmern - Nazi looted art in German living rooms

1970
1945
Frankfurter Allgemeine Zeitung 27 May 2014
Von Julia Voss

Eine Sensation und ein mutiger Schritt: Die Geschäftsbücher des Kunsthändlers Adolf Weinmüller werden online zugänglich gemacht. Die Veröffentlichung der Auktionskataloge hat unabschätzbare Folgen.


Als wäre nichts gewesen: Auktion des Münchener Kunstversteigerungshauses Weinmüller im Oktober 1954.

Man muss nur ein einziges Dokument kennen, um die Dimension dieses Falls namens „Weinmüller“ zu verstehen: die Kunstwerkliste, die Adolf Weinmüller am 26. April 1949 bei den Alliierten einreichte, um die Gemälde, Skulpturen, Teppiche, Zeichnungen oder Kerzenständer zurückzuerhalten, die von den „Monuments Men“ als mögliche Raubkunst beschlagnahmt worden waren. Sie umfasst dreizehn Seiten. Und es ist nur eine von zahlreichen Listen. Zum Vergleich: Die berüchtigte Liste von Hildebrand Gurlitt hat nur fünf Seiten, die ihre traurige Berühmtheit der Tatsache schulden, dass er sämtliche aufgeführten Kunstwerke zurückerhielt und seinem Sohn Cornelius vererbte, was dann im November 2013 den Skandal seinen Lauf nehmen ließ.

Der Kunsthändler Adolf Weinmüller lebte von 1886 bis 1958 in Bayern. Wie Gurlitt machte er den größten Karrieresprung im Nationalsozialismus, wie Gurlitt war er auch nach 1945 im Kunsthandel aktiv. Bisher war er vorwiegend Fachleuten bekannt. Als 2012 Meike Hopp ihre Doktorarbeit „Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien“ veröffentlichte, war das die erste Publikation, die sich mit ihm beschäftigte. Bis vor wenigen Monaten war nicht einmal sein Aussehen bekannt. Inzwischen ist eine Fotografie aufgetaucht, sie zeigt einen älteren Herrn mit Brille bei einer Auktion, unauffällig, gediegen.

Vorreiter in Sachen Transparenz

Ab jetzt könnte der Name Weinmüller dafür stehen, wie man mit dem Kapitel Raubkunst vorbildlich verfährt. Denn von heute an können über die Datenbank „Lost Art“ sämtliche überlieferte Kataloge des Auktionshauses Weinmüller der Jahre 1936 bis 1944 öffentlich eingesehen werden: Es handelt sich dabei um Informationen aus 93 annotierten Katalogen, solchen also, in denen handschriftlich Einlieferer, Verkaufspreis und Käufer vermerkt sind. Sie umfassen vollständig die 33 Münchner Versteigerungen des Hauses Weinmüller von 1936 bis 1943 und - zum großen Teil - die achtzehn Wiener Auktionen bis 1944. Der Kunsthandel nennt diese Informationen „Geschäftsdaten“ - und ebendas ist das Novum: Nie zuvor wurden in Deutschland in Privatbesitz befindliche Geschäftsdaten veröffentlicht, die NS-Raubkunst betreffen. Erstmals unterstützt eine private Initiative die Provenienzforschung. Notabene: Hildebrand Gurlitts Geschäftsbücher sind bis heute unveröffentlicht.

„Ich empfinde es als großes Glück“, so Katrin Stoll gegenüber dieser Zeitung, „diese schwierige Aufgabe gemeinsam mit dem besten Team und den besten Partnern, die ich mir wünschen könnte, gestemmt zu haben.“ Im Keller ihres Unternehmens waren am 18. März 2013 in einem Stahlschrank diese Auktionskataloge gefunden worden. Seit 2008 ist Katrin Stoll Geschäftsführerin des Auktionshauses Neumeister, das ihr Vater Rudolf Neumeister 1958 von Adolf Weinmüller übernahm.

Bereits 2009 beauftragte sie Forscher des Zentralinstituts für Kunstgeschichte mit der Aufarbeitung ihrer Firma. Sie - Meike Hopp, Christian Fuhrmeister und Stephan Klingen - übernahmen auch die Übertragung und Digitalisierung der gefundenen Geschäftsunterlagen. Deren Existenz war von Weinmüller nach 1945 stets bestritten worden. „Bei Luftangriffen zerstört“, lautete die Antwort. Auch diese Lüge klingt bekannt. Kein anderes deutsches Auktionshaus hat bisher sein Archiv für die Forschung geöffnet. In einer beispielhaften Public-Private-Partnership hat Neumeister noch dazu die Aufarbeitung des firmeneigenen Bestands zum Teil selbst finanziert. „Dass so etwas möglich ist, hätte wohl niemand gedacht“, sagt Katrin Stoll.

Nach 70 Jahren fündig

Als Weinmüller nach dem Krieg die Amerikaner belog, verschleierte er erfolgreich, mit wem sie es zu tun hatten: Weinmüller zählte zur Riege von Emporkömmlingen und Karrieristen im Nationalsozialismus. Binnen weniger Jahre stieg er vom unbedeutenden Kunsthändler zum Monopolisten auf. Ausgeschaltet wurden auf diesem Weg eine jüdische Kunsthandlung nach der anderen, darunter das Auktionshaus Hugo Helbing, das zu den größten in der Weimarer Republik zählte. Zwischen 1936 und 1944 versteigerte Weinmüller in München und der 1938 gegründeten Wiener Dependance mehr als 32 000 Objekte. Er verfügte über gute Kontakte zur NSDAP und leitete ab 1933 den neugegründeten „Bund deutscher Kunst- und Antiquitätenhändler e.V.“. Die Mitgliedschaft war Pflicht, um eine Versteigerungs- oder Kunsthandelslizenz zu erhalten. „Ungeeignete und unsaubere Elemente“ durften nicht beitreten - gemeint waren Juden; auch die enteigneten Sammlungen jüdischer Besitzer kamen bei ihm unter den Hammer. Zum Teil wurde die Raubkunst von der Gestapo geliefert.

Ebendas kann nun im Detail recherchiert werden: Wer etwa wissen will, wie viel die Gestapo einlieferte, gibt in die Suchmaske „Gestapo“ ein - und erhält 200 Treffer. Bei jedem Objekt lässt sich der Zuschlagpreis prüfen, die Summe also, für die es verkauft wurde. Es tauchen die Namen zahlreicher jüdischer Sammler und Händler auf, deren Kunst bei Weinmüller landete: Fast siebzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus könnten also Erben fündig werden, die bisher vergeblich suchten und keinen Zugang zu den Informationen hatten. Von nun an ist es möglich, gezielt nach einzelnen Objekten zu suchen, Erben können auch den Namen des Käufers in Erfahrung bringen.

Mut zur Aufarbeitung

Was geschieht in diesem Fall? Das ist der heikle Punkt: Viele der Käufer, die bei Weinmüller Raubkunst erwarben, trugen Namen wie „Müller“ oder „Schmidt“ ein. Sie dürften heute kaum noch ausfindig zu machen sein. Einige Käufernamen sind jedoch so selten und berühmt, dass die Familien bis heute identifizierbar sind. Was also, wenn das geraubte Objekt in deren Familienbesitz blieb? Im Wohnzimmer hängt? Die Namen der Käufer stehen nicht in der Datenbank; keiner wird sie einfach einsehen können. Nachweislich berechtigte Interessenten, wie etwa Erben, können jedoch die Auskunft der Käufernamen beantragen. Zu den Käufern zählen zahlreiche Institutionen, von der Graphischen Sammlung in München bis zur Kunsthalle Karlsruhe; es sind aber auch Privatpersonen darunter. Die Auskunft darüber übernimmt die Arbeitsstelle für Provenienzforschung.

Welche Welle nun losgetreten ist, kann bisher niemand abschätzen. Es könnte der Tag kommen, an dem die NS-Raubkunst aus deutschen Wohnzimmern abgehängt und an die Erben enteigneter, verjagter oder ermordeter jüdischer Familien zurückgegeben werden muss. Die Aufarbeitung, so Katrin Stoll, könne nur gelingen, „wenn alle Beteiligten eine Vision und den Mut haben, einen Schritt aufeinander zuzugehen“. Dabei kann die Geschäftsführerin von Neumeister als Vorbild dienen. Einen Anreiz, auf die Erben zuzugehen, dürfte die Veröffentlichung der Datensätze zusätzlich liefern: Ohne ihre Zustimmung ist NS-Raubkunst auf dem Kunstmarkt unverkäuflich.

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/provenienzforschung-die-raubkunst-der-nazis-in-deutschen-wohnzimmern-12961405.html
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