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Eine einzigartige Kooperation - A unique cooperation

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Frankfurter Allgemeine Zeitung 15 June 2014
Von Hans-Christian Rössler


Kulturstaatsministerin Monika Grütters

Jreusalem - Mehr als siebzig Jahre geschah fast nichts. Jetzt geht es zügig voran. Im Februar schlug die israelische Kulturministerin Limor Livnat der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor, bei der Suche nach den Besitzern von NS-Raubkunst enger zusammenzuarbeiten. Es war eine spontane Anregung, die Limor Livnat damals während der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen in Jerusalem machte. Monika Grütters musste sie nicht lange überzeugen. Vier Monate später reiste diese nach Israel und unterzeichnete gestern in Jerusalem die entsprechende Absichtserklärung: Deutschland und Israel werden noch in diesem Jahr bei der Provenienzrecherche kooperieren. Für die Ministerin ist das ein „großer Vertrauensbeweis“ und Ausdruck besonderer Nähe. Mit keinem anderen Land arbeitet die Bundesrepublik bisher auf diese Weise zusammen.

In Israel verfolgte man aufmerksam, wie Deutschland mit dem Schwabinger Kunstfund des im Mai gestorbenen Sammlers Cornelius Gurlitt umging; mehrere Bilder stehen im Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Der „Taskforce“, die mögliche Erben ermitteln soll, gehören auch zwei israelische Expertinnen an: Shlomit Steinberg ist Kuratorin am Jerusalemer Israel-Museum, Jehudit Shendar ist die leitende Kunstkuratorin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er sei „sehr glücklich“ über die geplante deutsch-israelische Zusammenarbeit, sagte James Snyder, der Direktor des Israel Museums dieser Zeitung. Sie trage dazu bei, die beachtliche Arbeit der Gurlitt-Taskforce weitergehen zu lassen. Sein Museum versuche schon seit längerer Zeit, im Umgang mit Restitutionsansprüchen „ein Beispiel zu geben“. Auch Joel Levi, der gestern gestorbene Tel Aviver Anwalt, der sich seit Jahren um Restitutionsfälle israelischer Mandaten kümmerte, äußerte sich „sehr zufrieden“ mit der Arbeit der Gurlitt-Gruppe.

Am Anfang stehen Judaica

Dabei werden bald deutsche Fachleute helfen. Im Herbst soll eine Delegation aus Deutschland in Israel ausloten, wo die Kooperation ansetzen wird. Im nächsten Frühjahr werden dann eine Gruppe deutscher und israelischer Experten in Museen des jeweils anderen Landes Provenienzforschung betreiben. Am Anfang wird es vor allem um Judaica gehen. Die Recherche ist oft schwieriger als bei Bildern, die signiert sind oder auf ihrer Rückseite oft andere Angaben früherer Eigentümer oder Sammler tragen. Rund vierzig Prozent dieser jüdischen Schriften und Artefakte in israelischen Museen stammen aus Deutschland. Bei vielen sind die Eigentumsverhältnisse nicht endgültig geklärt. Dieses Problem hat man auch im Israel Museum, einem der drei israelischen Museen, die an dem Pilotprojekt teilnehmen; es verfügt über eine große Judaica-Sammlung. Die Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation (JRSO) hatte nach dem Zweiten Weltkrieg dem Jerusalemer Bezalel-Museum, aus dem später das Israel-Museum wurde, treuhänderisch 500 Gemälde und 700 Judaica überlassen: Nach dem Holocaust ließen sich ihre ursprünglichen Besitzer in Deutschland nicht mehr ermitteln.

Für Monika Grütters ist die Jerusalemer Absichtserklärung ein „guter Anfang“ für ein größeres Projekt in Deutschland. Spätestens bis Ende 2014 soll in Magdeburg das „Deutsche Zentrum Kulturgutverlust“ seine Arbeit aufnehmen. Es soll die Aktivitäten von Bund und Ländern bündeln und öffentliche Einrichtungen bei der Suche nach NS-Raubkunst in ihren Beständen unterstützen. Als Mitglieder des Beirats des neuen Zentrums kann sie sich auch Israelis vorstellen.

Hans-Christian Rößler, Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem. 

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/nach-gurlitt-deutschland-und-israel-kooperieren-bei-der-suche-nach-ns-raubkunst-12991922.html
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