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Fund mit ungeahnten Folgen - Discovery with unexpected consequences

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NWZ Online 20 June 2014
Von Regina Jerichow

Das Interesse am Thema NS-Raubkunst ist enorm seit dem spektakulären Schwabinger Kunstfund. Die Zahl der Zugriffe auf die Lost-Art-Datenbank ist explosionsartig gestiegen. Ein ähnlich starkes Interesse registriert auch der Oldenburger Provenienzforscher Marcus Kenzler.


Provenienz geklärt: Die Waschkommode aus dem 18. Jahrhundert gehörte einst Rosalie Israels aus Weener. Noch ist Marcus Kenzler auf der Suche nach ihren Erben.

Oldenburg/Magdeburg - Das Datum kann Dr. Michael Franz auf der Stelle nennen: 11. November 2013. Eine Woche zuvor hatten Medien vom spektakulären Schwabinger Kunstfund berichtet. Daraufhin wurden die ersten 25 von insgesamt 458 Bildern aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt, die unter Raubkunstverdacht stehen, in die Datenbank Lost Art eingestellt. Schon nach der bloßen Ankündigung katapultierte sich die Zahl der Zugriffe auf 5,2 Millionen. Inzwischen hat sich das „auf hohem Niveau beruhigt“.

Erhöhte Sensibilität

Lange Zeit habe es im Umgang mit NS-Raubkunst „keine richtige Entwicklung“ gegeben, sagt der Oldenburger Provenienzforscher Dr. Marcus Kenzler. Erst durch den Fall Gurlitt und die darauffolgende internationale Kritik jüdischer Interessenverbände habe sich das grundlegendend geändert. Es vergehe kaum ein Tag, erzählt er, ohne dass nicht jemand im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte anrufe, weil er ein Objekt oder Kunstwerk besitzt, das vermutlich oder nachweislich jüdische Vorbesitzer hatte. Und sehr viele, erzählt der 41-Jährige, fühlten sich damit unwohl.

Auch Michael Franz, seit mehr als 15 Jahren Leiter der Koordinierungsstelle Magdeburg, hat eine „erhöhte Sensibilität“ im Umgang mit Raubkunst ausgemacht und kann das auch an den steigenden Zahlen der im April 2001 eingerichteten Datenbank ablesen. Allein unter den Stichwort „Fundmeldungen“ sei die Zahl von 700 Objekten (2002) auf mehr als 31 000 angewachsen. Die Zahl der detailliert beschriebenen Kulturgüter in der Datenbank beläuft sich insgesamt auf rund 160 000, die der summarisch aufgeführten Objekte – etwa ein Regalmeter Archivmaterial – auf mehrere Millionen. Zu zählen sei das nicht mehr, sagt der 47-Jährige.

Die 1994 noch in Bremen eingerichtete Koordinierungsstelle beschäftigte sich zunächst in erster Linie mit sogenannter Beutekunst, also mit Kunstwerken, die kriegsbedingt in Mittel- und Osteuropa zurückgelassen oder verschleppt wurden. Inzwischen steht Raubkunst im Fokus – Kulturgüter, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt oder verfolgungsbedingt entzogen wurden.

Bevor die Such- und Fundmeldungen auf der Datenbank der Koordinierungsstelle auftauchen, werden sie von Kunsthistorikern einer „Plausibilitätsprüfung“ unterzogen. Diesen Weg sind auch einige Objekte des Landesmuseums gegangen, darunter eine Waschkommode, die der 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordeten Jüdin Rosalie Israels aus Weener gehörte.

Eigene Sammlung

Ihre Erben – die Äste des Stammbaums reichen bis in die USA und nach Israel – sucht Kenzler noch heute. Die Chance, sie über die Datenbank zu finden, schätzt er jedoch als verschwindend gering ein: Der Versuch gehöre zur Sorgfaltspflicht des Museums, „aber das wäre schon ein riesengroßer Zufall“.

Dafür erhalten all jene, die dem Museum ihre Funde melden, praktische Unterstützung. Gemeinsam mit dem Leiter des Oldenburger Stadtmuseums, Dr. Andreas von Seggern, plant Kenzler den Aufbau einer eigenen Sammlung – inklusive Internet-Seite –, die die fraglichen Kunstwerke und Objekte als Leihgaben aufnimmt. Das könnte eine Chance sein, die jüdischen Vorbesitzer oder deren Erben zu ermitteln. Und es wäre eine adäquate Möglichkeit, mit der Vergangenheit und der eigenen Geschichte umzugehen.

 

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