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Tschäppät träumt von einem Museum für Raubkunst - Tschäppät dreams of a museum for looted art

1970
1945
Der Bund 20 June 2014
Von Patrick Feuz

Die Angst vor dem Gurlitt- Erbe wird kleiner. Stadtpräsident Tschäppät will Bern mit einem Museum international profilieren.


Hat die Gurlitt-Sammlung geerbt: Das Kunstmuseum Bern.

Von Risiken und Chancen sprachen Berner Politiker sibyllinisch, wenn sie sich zur Frage äusserten, ob das Kunstmuseum Bern die vom verstorbenen Cornelius Gurlitt geerbte Bildersammlung übernehmen soll. Das Gesäusel war der Angst geschuldet, dass Stadt und Kanton plötzlich Kosten mittragen müssen, um die Herkunft der Werke zu prüfen – ­einige davon könnten Raubkunst sein. Der Bund erklärte sich für nicht zuständig, da das Kunstmuseum dem Kanton gehört. Vielleicht wird die schwierige Erbschaft aber doch zum gemeinsamen Projekt. Hinter den Kulissen laufen offenbar Gespräche, die zuversichtlich stimmen.

Inzwischen sieht Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) im Gurlitt-Erbe nebst Risiken eine «Riesenchance», mit dem «sensiblen Erbe verantwortungsvoll umzugehen». Und er hat eine Idee, wie dies konkret geschehen soll. Ihm schwebt eine breit angelegte historische Ausstellung vor, nicht nur die kommentarlose Präsentation einzelner Bilder. «Anhand der Sammlung könnte man die Geschichte der Raubkunst und ihre Auf­arbeitung visualisieren», sagt er auf Anfrage. Zeigen und diskutieren liesse sich die ganze Spannweite: geraubte Bilder, deren Originale zurückerstattet worden sind, «entartete Kunst» mit spezieller Rechtslage und eigenem historischen Hintergrund und unbedenkliche Bilder.

Breite Trägerschaft suchen

Tschäppät will sich in der Sache engagieren, weil das Kunstmuseum zum Image der Stadt Bern beitrage. «Museum, Stadt und Kanton könnten sich international profilieren.» Denkbar sei, dass die Stadt für die Ausstellung Räumlichkeiten bereitstelle, da im Kunstmuseum allenfalls der Platz fehle. Vielleicht brauche es am Schluss eine Volksabstimmung. Der Stadtpräsident kann sich vorstellen, nebst Kanton und Bund etwa auch jüdische Organisationen und andere interessierte Kreise einzubeziehen.

Anfangs Juli findet eine Gesprächsrunde statt, die vermuten lässt, dass auch der Bund die Dimension des Gurlitt-Erbes inzwischen erkennt. Kunstmuseumsdirektor Matthias Frehner wird über seine bisherigen Abklärungen zur Sammlung orientieren, ausser Tschäppät und Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) werden Vertreter des Bundesamts für Kultur und des Aussendepartements zuhören. Ob das Kunstmuseum die Erbschaft übernehmen will, muss bis anfangs Dezember entschieden sein.

Tschäppät möchte die Aufarbeitung der Raubkunst – «ein noch nicht völlig ausgeleuchtetes Kapitel der Geschichte» – am liebsten generell zum nationalen Anliegen machen. In einer gestern im Nationalrat eingereichten Motion fordert er neue Gesetze und Geld. Demnach soll der Bund künftig Recherchen zur Herkunft von Bildern in öffentlichen Museen und privaten Sammlungen ­finanziell unterstützen und die Ergebnisse veröffentlichen. Die Schweiz sei in der Zeit des Nationalsozialismus eine Drehscheibe für geraubte oder unter Druck verkaufte Kunstwerke gewesen. «Aus moralischen Gründen gebietet es sich, alles zu tun, um die Nachkommen von bestohlenen Eigentümern ausfindig zu machen.» Das sei in der Schweiz bisher nur mangelhaft durchgeführt worden. Für die Gurlitt-Erbschaft kommt der Vorstoss aber zu spät, selbst wenn ihn das Bundesparlament dereinst gutheissen sollte.

 

http://www.derbund.ch/bern/stadt/Tschaeppaet-traeumt-von-einem-Museum-fuer-Raubkunst/story/27158543
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