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Jäger verlorener Schätze - Hunters of lost treasures

1970
1945
Goethe Institut 19 August 2014
Von Julius Lukas


Homepage der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Magdeburg (Screenshot)

Auch fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland gibt es in punkto Raub- und Beutekunst noch viel zu tun.

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs schickten die Amerikaner eine Gruppe Kunstwissenschaftler nach Europa. Sie sollten dort Kulturgütern nachjagen, die von den Nationalsozialisten enteignet und geraubt worden waren. Über die sogenannten Monuments Men drehte Hollywood-Star George Clooney einen Film, der 2014 in die Kinos kam. Auch Michael Franz hat ihn gesehen. Er ist Leiter der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) und kennt die Arbeit der Kulturjäger gut, denn er ist selbst einer. Allerdings: „Was meine Mitarbeiter und ich heute machen, unterscheidet sich von dem, was die historischen Monuments Men damals leisteten“, sagt Franz.

Raub- und Beutekunst stehen im Fokus

Zwar versucht die Koordinierungsstelle ebenfalls, von den Nationalsozialisten enteignete Kulturgüter zu finden, allerdings jagen Franz und seine Kollegen den Kunstwerken nicht durch ganz Europa hinterher. Ihre Hauptaufgabe besteht im Betrieb der Website Lostart.de. Dort kann jeder von überall auf der Welt eintragen, dass er ein Kulturgut sucht oder eines gefunden hat. Diese Einrichtung ist weltweit einzigartig. Dabei geht es hauptsächlich um zwei Arten von Werken: zum einen um Raubkunst, also alle Kulturgüter, die sich die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft in Deutschland angeeignet hatten. Die zweite Art sind Beutekunstwerke. Darunter fallen Kulturgüter, die während oder in Folge des Zweiten Weltkrieges zum Beispiel durch die Alliierten in ihre Heimatländer gebracht wurden.

Bis heute ist allerdings nicht klar, wie viele Beute- und Raubkunstwerke es überhaupt gibt. Die Liste der vermissten Kulturgüter wird täglich länger. Die Koordinierungsstelle in Magdeburg ist mit dem Abarbeiten beschäftigt. Michael Franz und seine Mitarbeiter sind auf Hinweise angewiesen. „Sobald ein Antrag auf eine Such- oder Fundmeldung in der Koordinierungsstelle eingegangen ist, beginnt unsere Arbeit", sagt Franz. Die Anträge werden dann untersucht. „Wir prüfen, ob die bei uns eingegangenen Angaben beispielsweise zur Provenienz, also der Herkunft des Werkes, auch plausibel sind“, erläutert der Leiter der Koordinierungsstelle. Er und sein Team haben in den seltensten Fällen Originale vorliegen. Die Recherche müssen sie anhand der Bilder machen, die in die Datenbank eingestellt werden. Ihre Arbeit wird zudem erschwert, da seit Kriegsende fast 70 Jahre vergangen sind und für die Provenienzrecherche vor allem personengebundenes Wissen fehlt. Trotzdem gibt es gute Anhaltspunkte. So verrate die Beschriftung auf der Rückseite von Gemälden beispielsweise viel über deren Herkunft, sagt Franz.

Suche nach fähren Lösungen

Viele der Kunstwerke  galten lange Zeit als verschollen. Erst nach dem Ende der Sowjetunion gab es erste Ausstellungen in Russland, die Kunstwerke von  ehemals deutschen Eigentümern zeigten. 1994 wurde dann die Koordinierungsstelle gegründet.
Ihr Fokus lag zuerst auf der Beutekunst. 1998 wurde Raubkunst zu einem ebenso zentralen Thema. Damals verpflichteten sich mehrere Länder in der Washingtoner Erklärung, die in der Zeit des Nationalsozialismus enteigneten Kunstwerke zu identifizieren und sie den Eigentümern oder deren Erben zurückzugeben. Allerdings ist die Erklärung rechtlich nicht bindend. Für Michael Franz kommt es darauf aber auch nicht an. „Es geht bei dem Umgang mit NS-Raubkunst gerade auch um die Frage des gemeinsamen Findens einer fairen und gerechten Lösung“, sagt er. Um die zu finden, gibt es die „Beratende Kommission“, deren Geschäftsstelle sich ebenfalls in Magdeburg befindet.

Die Kommission gibt bei einzelnen Fällen Empfehlungen. In denen wird nachvollzogen, wie sich die Besitzverhältnisse von Kulturgütern verändert haben, und wie die Eigentümerwechsel zu bewerten sind. Eine aktuelle Empfehlung befasst sich beispielsweise mit dem Welfenschatz, einer Sammlung von Reliquien, die 1935 von jüdischen Kunsthändlern verkauft wurde, und die deren Erben jetzt zurückfordern. Die Kommission kommt in diesem Fall zu dem Urteil, dass der Verkauf damals nicht erzwungen war. Eine Rückgabe wäre demnach nicht fair, woran man sieht, dass es keine einheitliche Lösung für die Raubkunstproblematik gibt. „Jeder Fall ist individuell zu bewerten", sagt Michael Franz. Für ihn und die Koordinierungsstelle gibt es auch zukünftig noch viel zu tun. Auf der Website Lostart.de sind 154.000 detailliert beschriebene Kulturgüter verzeichnet. Hinzu kommen mehrere Millionen summarisch erfasste Werke, wie Bücher oder Archivalien. „Die Thematik wird uns gewiss noch lange beschäftigen“, prophezeit Franz.

 

https://www.goethe.de/de/kul/bku/20417412.html
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