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Mitläufer, Opportunisten, NS-Romantik: Das Künstlerleben in der Diktatur und der Fall Gurlitt - Followers, Opportunists, Nazi Romantics: Artists' lifes under the dictatorship and the Gurlitt case

1970
1945
Thüringer Allgemeine 25 August 2014
 

Die NS-Kunst-Expertin Marlies Schmidt über das Künstler-Leben in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 und über den Fall Gurlitt.


Umstrittener Kunsthändler im Nazi-Regime: Der Direktor des Düsseldorfer Kunstverein, Hildebrand Gurlitt (Mitte), der auf der Fotografie von 1949 in ein Gespräch mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Josef Gockeln (links), und Paul Kauhausen vom Stadtarchiv verwickelt ist, sollte später sein Vermächtnis an seinen Sohn weitergeben.

Öffentliche Debatten um "Entartete Kunst" und Raubkunst bestimmen seit Monaten die Medien. Die politisch gefärbte Kunst unter den Nationalsozialisten gehört jedoch nicht dazu. Ein Grund für uns, eine Expertin für NS-Kunst nach den aktuellen und historischen Entwicklungen in der deutschen Kulturlandschaft zu befragen.

Die Kunsthistorikerin Marlies Schmidt schloss ihre Dissertation 2010 zum Thema "Die erste Große Deutsche Kunstausstellung 1937 im Haus der Deutschen Kunst in München" ab - und damit zur offiziell von den Nationalsozialisten geförderten Kunst, die in gleichsam offiziellen Schauen in der bayerischen Hauptstadt gezeigt wurden. Außerdem war sie am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München an der Planung und Umsetzung der Internetplattform "GDK Research" ("Große Deutsche Kunstausstellung") beteiligt. Dort werden jene Gemälde, Graphiken und Plastiken gezeigt, die auf den NS-Kunstschauen von 1937 bis 1944/45 zu sehen waren.

Für Ihre Recherchen war die Kooperation der Kunstbetriebe erforderlich. Wurde Ihre Arbeit häufig blockiert?

Eigentlich nicht. In der Wissenschaft ist man sich seit Jahren bewusst, dass dies ein Thema ist, was in Angriff genommen werden muss. Das war vielleicht in den 50er bis 70er Jahren noch anders, aber das hat sich vor allem seit den 80er Jahren grundlegend geändert. Die Museen sind bemüht, ihre Bestände wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Es gibt sicher große Mengen an unter den Nazis entstandener Kunst, die noch in den Museumsdepots schlummern?

Genaue Zahlen liegen mir nicht vor. Aber man muss insgesamt von einem Zeitraum von zwölf Jahren ausgehen, in dem diese Werke entstanden sind. Schon prozentual gesehen kann es also nicht um so viele Kunstwerke gehen, von denen wir hier sprechen. Die Sammlung "Haus der Deutschen Kunst", die das Deutsche Historische Museum in Berlin seit 1998 verwaltet - also der Bestand, der sich vor allem aus Exponaten der "Großen Deutschen Kunstausstellungen" (GDK) und damit der offiziellen Kunstausstellungen des NS-Regimes zusammensetzt -, umfasst mehr als 700 Werke. Es stellt sich zudem die Frage, was eigentlich NS-Kunst ist.

Wo liegen die Unterschiede?

Die sind nicht immer leicht zu erkennen, denn es gab im Dritten Reich viele Maler, die ihre Themen aus der Zeit vor dem NS-Regime einfach weiter bearbeitet haben. Ein Landschaftsmaler hat auch in den 1930er-Jahren Landschaften gemalt und sie ausgestellt. Auch Darstellungen aus dem bürgerlichen Umfeld gehörten dazu, ebenso Porträts und Stillleben.

Aber auch Landschaften und Stillleben waren sicherlich nicht immer unverfänglich...

Nein. Denn es ging unter anderem um die Motivauswahl. Auf den frühen Großen Deutschen Kunstausstellungen wurden - im Vergleich zu den Kunstausstellungen vor 1933 - sehr viel mehr deutsche Landschaften gezeigt. Aber das war zunächst einmal eine Entscheidung der Veranstalter der Ausstellung. Nach der Absetzung der Künstlerjury noch im Vorfeld der ersten Ausstellung 1937 übernahm Heinrich Hoffmann im Auftrag Hitlers die Auswahl. Das Thema Landschaft konnte außerdem durch eine Titelgebung, die das Deutsche oder Heroische unterstrich, inhaltlich aufgerüstet werden.

Welche Kriterien mussten Künstler sonst noch erfüllen, um anerkannt, vielleicht sogar gefördert zu werden?

Rein formal sollte es Kunst sein, die anknüpft an die Gattungskunst des 19. Jahrhunderts und die die Klassische Moderne ausblendet, mit wenigen Ausnahmen in den Grenzbereichen. Heinrich von Zügel war beispielsweise um 1900 der Begründer der impressionistischen Tiermalerei in Deutschland; auf den Münchner Schauen ab 1937 war er dennoch prominent vertreten. Seine farblich subtilen Gemälde von Kühen und Schafen wurden benutzt, um die nationalsozialistische Idee einer bäuerlich geprägten Gesellschaft zu verbildlichen. Auch das ist eine Frage der Auswahl. Oft wurden also Bilder gezeigt, die lange vor 1933 entstanden waren.

Das NS-Regime sah sich aber vor allem durch Werke verkörpert, die die Ideologie des Heldischen umsetzten. In den Münchner Schauen füllten überdimensionierte männliche Aktplastiken ganze Säle, ergänzt durch Porträts nicht nur der Nazi-Führung, sondern auch der Unterstützer aus Wirtschaft und Kultur. Doch die eindeutig NS-ideologisch motivierten Exponate umfassten in der Regel nicht mehr als 20 Prozent der Katalognummern.

Wo sind diese Nazi-Porträts, von denen Sie sprechen, später gelandet?

Es gibt zwei Sammelpunkte für diese Werke. 1945 wurden in Westdeutschland in den so genannten "Central Collecting Points" NS-Kunstwerke zusammengetragen. Viele der Werke brachte man anschließend in die USA. Heute, nach inzwischen mehreren Rückgabeaktionen an die BRD, befinden sich noch über 400 Werke im U. S. Army Center of Military History, Washington D. C. Andere Werke aus den Collecting Points gingen in die schon erwähnte Sammlung "Haus der Deutschen Kunst" über.

Welches waren die großen Künstler in der NS-Zeit? Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit eine angedachte Arno Breker-Ausstellung in Schwerin zum Eklat führte ...

Ja, gerade Arno Breker in Berlin und Josef Thorak in München waren über lange Zeit die dominierenden Bildhauer im NS-Kunstbetrieb. Aber auch Adolf Ziegler gehört in diese Riege. Er malte idealisierte, mythisch überfrachtete weibliche Gestalten in einem gebrochenen Neoklassizismus. Außerdem hatte er als Präsident der Reichskammer der bildenden Künste eine Schlüsselposition innerhalb der Kulturpolitik des Dritten Reiches inne. Er war maßgeblich an der Organisation der Feme-Schau "Entartete Kunst" beteiligt.

Es gab zudem eine ganze Reihe weiterer Künstler, die sich in den Dienst des NS-Regimes stellten - Maler wie Elk Eber, Hans Adolf Bühler, Richard Klein oder Wolfgang Willrich.

Standen diese goutierten Künstler stets hinter der NS- Ideologie?

Das muss differenziert betrachtet werden. Es gab beispielsweise Künstler der Moderne wie Emil Nolde, die sich offen zum NS-Regime bekannten, dann aber aufgrund ihrer expressionistischen Formensprache verfolgt wurden. Arno Breker wiederum hat unter anderem mit impressionistisch geprägten Plastiken begonnen und nahm 1935 - auf Wunsch der Familie - sogar die Totenmaske des Malers Max Liebermann, des vielleicht bedeutendsten deutschen Impressionisten, ab.


Die Lithographie "Der große Saal", die sich in den Beständen der Klassik-Stiftung befindet, entstand 1913 und wurde 1937 auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" gezeigt.

Im Zusammenhang mit öffentlichen Aufträgen wandelte sich Mitte der 30er Jahre aber Brekers Formensprache. Man darf nicht vergessen, dass es für die Künstler damals ein sehr verlockendes Angebot war, Staatsaufträge zu bekommen. Dazu gehörte jedoch, dass man das Regime in diesen Aufträgen verkörperte.

Um wie viel Geld ging es bei solchen Aufträgen für das NS-Regime?

Großaufträge wurden damals, genau wie heute auch, sehr gut bezahlt. Zudem steigerten sich die Ankaufsetats in den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" von Jahr zu Jahr. In den 40er Jahren konnten Künstler mehrere Tausend Mark für ein Gemälde bekommen. 1944 kaufte Hitler beispielsweise auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 65 Gemälde, Graphiken und Plastiken für insgesamt 929.300 Reichsmark. Im Durchschnitt kostete ein Werk 14.297 Reichsmark; für das Gemälde "In der Dämmerung" von Sepp Hilz bezahlte er sogar 35.000 Reichsmark. Wobei die Masse der Künstler mit 15 Mark für eine Graphik bis 1000 Mark für Plastik und Skulpturen auskommen musste. Nur etwa fünf bis sechs Prozent der Künstler profitierten immer wieder.

Was wurde aus den NS-Künstlern nach Zusammenbruch des Dritten Reiches?

In den westlichen Bundesländern Deutschlands mussten sie sich den Spruchkammerbescheiden unterwerfen. Sie wurden in der Regel als Mitläufer eingestuft und konnten danach, wie Arno Breker, wieder ihre Arbeit aufnehmen, aber nur wenige Künstler legten nach 1945 eine große Karriere hin. Der Bildhauer Fritz Klimsch war beispielsweise ein durchgängig anerkannter Künstler. In den 1920er Jahren war er Hochschulprofessor in Berlin und führte zahlreiche öffentliche Aufträge aus. Joseph Goebbels galt er als "der reifste unter den Plastikern", und 1960 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Einige Künstler prägten über einen langen Zeitraum hinweg vor allem die regionale Kunst.

Sie sagen, es gab für die Regionen Künstler, die sehr bedeutend waren. Wo war der nazi-ideologisch gefärbte Kern in der Thüringer Kunst zu finden?

Künstlerische Zentren waren auch damals die Hochschulstandorte. Und da war vor allem Weimar das Kunst-Zentrum in Thüringen. Walther Klemm zum Beispiel wurde mehrfach auf den offiziellen Kunstausstellungen des Dritten Reiches gezeigt. Oder Hugo und Camill Gugg, Hans Bauer. Hugo Gugg erhielt im Rahmen der GDK 1944 sogar eine Sonderschau. Man zeigte von ihm 21 Gemälde, vorwiegend sentimentale Landschaften. Margarete Geibel war auf der GDK 1937 mit dem schon 1913 entstandenen Farbholzschnitt "Der große Saal", einem Blick in die Anna-Amalia-Bibliothek, vertreten. Ein Exemplar dieses Farbholzschnittes befindet sich heute in den Kunstsammlungen Weimar.

Viele Künstler hatten später, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, mit Repressalien zu kämpfen. Zurecht?

Natürlich. So mancher hatte sich dem Regime angedient und es damit gestützt. Wichtig ist allerdings auch hier eine differenzierte Betrachtung.


Die Prometheus-Statue von Arno Breker (1937) war 1996 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

Gibt es Gemälde aus der NS-Zeit, die nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches systematisch zerstört wurden?

Es gibt relativ wenige Hitler-Porträts aus dieser Zeit. Ganz Deutschland war ja damals übersät mit diesen Porträts. Nach 1945 ist - vollkommen verständlich - vieles zerstört worden. Richard Kleins "Führerbüste" wurde beispielsweise 1949 im "Central Collecting Point" Wiesbaden zerstört, da sie keinen historischen oder kunsthistorischen Wert besäße, so die Begründung. Außerdem wurden in Kriegen zu allen Zeiten Kunstwerke zerstört. So auch im Zweiten Weltkrieg. Ateliers wurden bombardiert und brannten aus, allein schon dadurch gingen viele Werke, auch der Klassischen Moderne, verloren.

Ein anderes Thema: Vor kurzem noch ging der Fall um den nun verstorbenen Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt durch alle Medien. Wie würden Sie das Thema bewerten?

Der Fall Gurlitt hat einen langen Vorlauf und geht auf Ereignisse zurück, die 70 bis 80 Jahre zurückliegen. Cornelius Gurlitt war durch Erbschaft in den Besitz der Bilder gelangt, und die Sammlung umfasst vermutlich auch Werke, deren Erwerbungsgeschichte nicht geklärt ist.

Mit der Sammlung verband sich für ihn sicher Familiengeschichte. Sie ist möglicherweise aus der Tradition des Nicht-hinschauen-Wollens so lange von ihm nicht weiter bearbeitet worden. Das war ein Problem der Nachkriegszeit. Auch in den Museen wurde lange nicht recherchiert, woher welches Werk kommt und wie die Erwerbungsgeschichte zu erklären ist. Das betrifft Werke aller kunsthistorischen Epochen, die von den Nazis in Europa geraubt wurden oder deren Eigentümer gezwungen waren, sie zu Schleuderpreisen zu verkaufen.

Cornelius Gurlitts Vater, Hildebrand Gurlitt, war Museumsleiter in Zwickau. Er stellte dort die Expressionisten aus und ließ vom Bauhaus Dessau das Museum gestalten. Aufgrund des Widerstandes konservativer Kreise gegen seine Ausstellungspolitik wurde er 1930 entlassen, ging von Zwickau nach Hamburg, wo er auf Drängen der Nazis 1933 erneut entlassen wurde. Ihm blieb nur die Selbständigkeit als Kunsthändler.

Und der Kunsthändler Gurlitt ist uns heute vor allem bekannt ...

Laut einer Statistik gab es 1934 in Deutschland 1500 Kunst-und Antiquitätenhändler, die alle Mitglied der Reichskulturkammer sein mussten. Da Gurlitt ein ausgewiesener Kenner der Moderne war, wurden er und drei weitere Kunsthändler beauftragt, die 1937/38 in den Museen beschlagnahmte Kunst der Klassischen Moderne zu "verwerten", das heißt zu verkaufen. Damit hat Gurlitt vermutlich auch Werke vor der Vernichtung bewahrt. Doch ab 1943 war er auch am Kunstraub in Frankreich beteiligt. Und er hätte nach 1945 seine Sammlung auf Rechtmäßigkeit überprüfen müssen.

Ist es Ihrer Meinung nach an der Zeit, die Diskussionen um Nazi-Kunst und Nazi-Raubkunst sachlicher zu führen?

Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit muss es stets geben. Jede Generation muss ihren Standpunkt dazu immer wieder neu erarbeiten. Und dazu gehört auch die Frage, welche Position die Künstler und die Kunst zu dieser Zeit hatten.

 

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