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Gurlitt-Erbe: Der Grosse Rat lässt alles offen - Gurlitt Inheritance: The Great Council leaves everything open

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Berner Zeitung 4 September 2014
Von Michael Bucher

Keine Steuermillionen für die Gurlitt-Sammlung? Grossrat Samuel Leuenbergers radikale Forderung hatte am Mittwoch auch abgeschwächt keine Chance. Der Rat will mehr über das Erbe wissen, bevor er entscheidet.


Der Stiftungsrat des Berner Kunstmuseums wird bis Ende Jahr entscheiden, ob es die umstrittene Gurlitt-Kammlung annehmen wird.

Da traute einer seiner Vorlage nicht mehr. Schon vor Beginn der gestrigen Debatte zerpflückte Samuel Leuenberger (BDP, Trubschachen) die Motion «Keine Steuermillionen für Gurlitt-Sammlung» und schwächte ein Teil seiner Forderungen zum Postulat ab. Ursprünglich wollte er ein für alle Mal ausschliessen, dass Kantonsgelder für die Gurlitt-Sammlung verwendet werden. Dies, bevor bekannt ist, ob das Kunstmuseum Bern das Erbe überhaupt annehmen wird und was dieses überhaupt beinhaltet.

«Der Grosse Rat wurde bei der Kulturfinanzierung immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt», sagte er und rief damit Debatten über Zusatzfinanzierungen für das Zentrum Paul Klee in Erinnerung. «Die Vögeli-friss-Vögeli-stirb-Taktik ist nicht gesund.» Auch nach dem halben Zurückkrebsen fanden Leuenbergers Worte kein Gehör.

«Anliegen ist berechtigt»

Denn fast die ganze Vogelschar war anderer Meinung, sogar EVP-Kulturgeldsperber Ruedi Löffel (Münchenbuchsee), der sich bei früheren Debatten um die ZPK-Finanzierung mehrfach scharfzüngig gegen zusätzliche Kulturgelder gewehrt hatte. Wohl zeigt er Verständnis: «Das Anliegen der Motion ist berechtigt.» Doch wollte er nicht so weit gehen: «Der Regierungsrat sollte punktuell die Möglichkeit haben, Unterstützung zu leisten.»

FDP-Sprecher Beat Giauque (Ittigen) war «erstaunt über die Motion». Er strich das touristische Potenzial des Gurlitt-Erbes hervor. «Das ist eine Chance für Bern! Warum mauern, bevor man die Details kennt?» Die Befürchtung lag in der Luft, dass ein grundsätzliches «Njet» dazu führen würde, dass das Kunstmuseum das Erbe ausschlagen würde.

Tierisch, aber nicht allzu ernst

Neben den Vögeln wurde auch der geschenkte Gaul, dem man nicht (oder eben doch) ins Maul zu schauen hat, mehrfach metaphorisch ins Feld geführt. Und Michael Aebersold von der SP (Bern) konnte es sich nicht verkneifen, die kantonal subventionierten Viehschauen als eine «weniger nachhaltige Investition» als ein möglicher Beitrag für die Gurlitt-Erbin Kunstmuseum zu bezeichnen.

Regierungsrat Bernhard Pulver plädierte in gewohnt engagierter Art gegen die «radikale Forderung» zum jetzigen Zeitpunkt. «Es geht hier nicht um die Träume von Alexander Tschäppät!» Damit spielte er auf die frühsommerliche Idee des Berner Stadtpräsidenten an, ein Museum für Raubkunst zu eröffnen. Dem Kunstmuseum sei völlig klar, dass der Kanton nicht die Mittel habe, um gross zu investieren, sagte Pulver. «Im Gegenteil: Ich habe Freude, dass eine subventionierte Institution sagt, sie wolle das Erbe ohne öffentliches Geld stemmen.» Wenn, dann gehe es um «beschränkte Mittel» für spezifische Projekte. Er bürgte gewissermassen selbst fürs Masshalten: «Wir sind sehr sorgfältig im Umgang mit Steuergeldern. Ich gehe in der Kultur keine Risiken ein.»

Elffache Niederlage

In unerwarteter Minne wurde die Vorlage schliesslich zu Grabe getragen. Besonders bitter war für den Motionär und seine Partei, dass es wegen der Zerstückelung der ursprünglichen Motion gleich elf Niederlagen setzte. Jede Teilforderung wurde mit 100 bis 125 Nein-Stimmen mehr als deutlich abgelehnt.

 

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Steuergelder-fuer-GurlittSammlung-bleibt-ein-Thema/story/18901803
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