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Görings Beute - Goering's Loot

1970
1945
Süddeutsche Zeitung 23 October 2014
Von Ira Mazzoni

Erst raffte er Ämter, dann Kunst: Skulpturen aus Hermann Görings absurder Sammlung sind im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen. Die Werke zeugen vom Kunstwahn der Nazis - und noch sind nicht alle Eigentumsrechte geklärt.


April 1945, Berchtesgaden: Amerikanische Soldaten verladen Görings Kunstschätze.

Es war eine bizarre Prozession, die für die "Wochenschau" vom 29. Juni 1945 vor laufender Kamera inszeniert wurde: Amerikanische Soldaten stapfen auf schmalen Waldpfaden talwärts zu den auf der Straße bereitstehenden Lastwagen, jeder ein Gemälde oder eine Madonna im Arm. Einer der Stahlbehelmten packt den Schweif eines hölzernen Pferdes samt dem Heiligen Georg, während sein Kamerad von der Ladefläche aus nach Kopf und Vorderläufen greifen muss, um die Skulptur - sie stammt aus dem 16. Jahrhundert - direkt neben ein riesiges Gemälde zu hieven, eine Paradiesansicht des flämischen Malers Frans Floris de Vriendt. In der folgenden Einstellung werden Eisenbahnwaggons entriegelt, sodass gleißendes Sonnenlicht auf die darin gefangene vergoldete Barockmadonna fällt.

Die Trophäenschau galt der in Berchtesgaden entdeckten Kunstsammlung des ehemaligen Reichsmarschalls Hermann Göring, lange der zweite Mann in Hitlers Diktatur. Als der Film gedreht wurde, lag die Eroberung des Obersalzbergs durch französische und amerikanische Truppen schon zwei Monate zurück, und es war zu Plünderungen und mutwilligen Zerstörungen gekommen.

Er war maßlos - auch als Kunstsammler

Den entscheidenden Hinweis auf den mit Kunst bepackten und in einem Tunnel versteckten Zug hatte Görings Kunsthändler und Kurator Walter Andreas Hofer am 9. Mai gegeben. Kurz darauf stießen die Sieger auch auf den vermauerten Abflusstunnel, der den Großteil des aus Berlin in Sicherheit gebrachten Horts barg.

Den Heiligen Georg und die barocke Madonna kann man jetzt in einem Kabinett des Bayerischen Nationalmuseums (BNM) besichtigen. Anlass bieten die aktuellen Recherchen zur Provenienz der 72 Skulpturen aus Görings Besitz, die dem Museum 1960/61 aus Staatsbesitz übereignet worden waren und, bis auf wenige Ausnahmen, mangels Qualität in den Depots lagern. Die Frage, ob es sich bei den spindeligen Ritterheiligen und den Altarfragmenten um Raubkunst handelt, kann allerdings auch nach zweijähriger Forschung in keinem Fall klar beantwortet werden.

Sein Konkurrent: Adolf Hitler

So wie Hermann Göring Ämter häufte und seinen Immobilien- und Waldbesitz ausbaute, so hortete er auch Kunst - maßlos, korrupt und erpresserisch. Der leidenschaftliche Jäger machte in allen besetzten Gebieten fette Beute. Sein Ziel war es, die größte private Sammlung "nordischer" Kunst in Deutschland zusammenzuraffen, wenn nicht gar in Europa. Sein mächtigster Konkurrent: Adolf Hitler.

Im April 1933 stieg Hermann Göring, der hochdekorierte Fliegeroffizier des Ersten Weltkriegs und Hitlers Putsch-Verbündeter, zum preußischen Ministerpräsidenten und Finanzminister auf. Er war Reichsjägermeister, Reichsluftfahrtminister und wenig später "Oberbefehlshaber der Lüfte". Der Reichsmarschall mit dem Beinamen "Der Eiserne" wurde zum Rohstoff-und Devisenkommissar, zum "Beauftragten für die Durchführung des Vierjahresplans", zu dessen Amt auch die "Geschäftsstelle Devisen" und die gefürchteten "Devisenschutzkommandos" gehörten.

Zugeordnet war auch die "Treuhandstelle für die Jüdische Auswanderung", die Ausreisewillige mit immer höherer Reichsfluchtsteuer belastete. Der "Beauftragte für Judenfragen" hatte im In- und Ausland amtlichen Zugriff auf Vermögenswerte entrechteter jüdischer Bürger und Emigranten.

Ansonsten bediente sich Hermann Göring auf dem Kunstmarkt, der von Raub- und Fluchtgut überschwemmt war, oder setzte Museen unter Druck. Immer knapp bei Kasse, arrangierte er spektakuläre Tauschaktionen. Wer immer sich der Protektion des Mächtigen versichern wollte, schenkte ihm geharnischte Ritterheilige oder üppige Akte; Industrielle, Bankiers, Parteigenossen zeigten sich großzügig.

Insgesamt soll die "Sammlung Göring" mehr als 3000 Stücke umfasst haben: Gemälde, Plastiken, Silber, Tapisserien, Waffen. Hatte der Jäger die Dinge in der Hand, erlosch sein Interesse. Die Kunst war ihm nur Kulisse, um sich als "Renaissance-Mensch" in Szene zu setzen. Wie seine Vorbilder, die italienischen Condottieri, hochbezahlte Führer von Söldnerheeren, unterstrich er seine Machtfülle mit der Anhäufung von Kunst, die vor allem dem Zweck zu dienen hatte, seine Jagdsitze und Residenzen in Berlin, Brandenburg, Pommern und Bayern zu schmücken. Auf Qualität kam es dabei nicht unbedingt an. Göring gab sich häufig mit Mittelmäßigem zufrieden, auch marktgängige Nachahmungen und teuer bezahlte Fälschungen fand man in seinem Besitz.

Zentrum seines Kunstimperiums war Carinhall. Die Jagdhütte in der brandenburgischen Schorfheide ließ der Prunksüchtige mit Mitteln des preußischen Staates und des Luftfahrtministeriums zur massiven Dreiflügelanlage ausbauen. Zwischen 1938 und 1939, der Zeit der Novemberpogrome und der daraus zynisch abgeleiteten "Judenvermögensabgabe", wurden zusätzlich noch Festsaal, Speisesaal, Musikzimmer sowie Gold- und Silberkabinette angebaut. Göring gab vor, ein öffentliches Museum einrichten zu wollen. Mit Kunst, die das "Volk" auch verstehe.

Bombenhagel über Berlin

Als dann Bomben auf Berlin hagelten, brachte Göring seine Sammlung aus Carinhall mit Sonderzügen nach Berchtesgaden in Sicherheit, wo er einen Amtssitz und - gleich neben Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg - ein Landhaus mit Bunker besaß. Alles, was die alliierten Truppen bei Kriegsende in und um Berchtesgaden aus Görings Bunker und seinem sorgsam in einem Tunnel geparkten Sonderzug bargen, kam in den Central Collecting Point in München, der in der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP Quartier nahm. Dort wurden die ehemaligen Vorbesitzer der Stücke ermittelt. Das meiste lieferte man direkt an die Regierungen der Ursprungsländer, in die Niederlande, nach Belgien, Frankreich und Italien.

Objekte, die nicht restituiert werden konnten, kamen 1949 in die Obhut des bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Auftrag weiterer Forschung. 1952 übernahm die beim Auswärtigen Amt angesiedelte "Treuhandverwaltung von Kulturgut" die Verantwortung. Es kam zum Streit zwischen dem Freistaat und der Bundesrepublik: Nachdem der Fundort der Sammlung in Bayern lag, behauptet die dortige Regierung ihre Ansprüche auf die immer noch umfangreichen Kunstschätze.


Maria mit Kind aus der "Sammlung Hermann Göring" Deutschland, um 1790-1800 Holz, gefasst.

Die Resultate sind desillusionierend

Nach langen Verhandlungen wurde eine Teilung vereinbart, und nach 1960 übertrug die Treuhandverwaltung die Kulturgüter an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die dann einzelne Objektgruppen an das Bayerische Nationalmuseum überwies: Insgesamt 434 Inventarnummern umfasst dort die "Sammlung Göring" heute, das meiste sind Textilien. Und genau dieses Konvolut wird derzeit auf seine Herkunft überprüft. Es geht darum, mit neuen Recherchemöglichkeiten Gewissheit über Raubkunst zu erlangen und sie den rechtmäßigen Eigentümern oder deren Erben zurückzuerstatten.

Die Kunsthistorikerin Ilse von zur Mühlen, die vor einiger Zeit schon die Provenienz der Gemälde aus Görings Besitz in den Pinakotheken erforschte, präsentierte am Mittwoch ihre Ergebnisse zu den 72 Skulpturen aus der "Sammlung Göring" im BNM, bei denen schon die Identifizierung schwierig war. Finanziert mit Mitteln der Arbeitsstelle für Provenienzforschung und der Eleonora-Schamberger-Stiftung, sind die vorläufigen Resultate allerdings desillusionierend: Bei nur drei Stücken gelang es, die Provenienz lückenlos aufzuklären und einen verfolgungsbedingten Entzug auszuschließen. In allen anderen Fällen gibt es bisweilen große Überlieferungslücken und widersprüchliche Dokumente.

Restposten räuberischer Raffgier

Bei neun Stücken immerhin weisen die Indizien auf einen möglichen verfolgungsbedingten Verlust. So ist es bei dem Heiligen Michael von Michael Pacher, einem der wenigen Kunstwerke aus Görings Hinterlassenschaft, die in der Dauerausstellung des Museums seit langem präsent sind, nach wie vor unklar, ob es sich nicht um einen Wiener Zwangsverkauf im "Anschluss"-Jahr 1938 handelt.

Drei Teile eines großen Flügelaltars, der nun endlich sicher als Straußfurter Altar identifiziert werden konnte, gehören womöglich zu den Verlusten der prominenten Münchner Kunsthandlung Bernheimer. Die Altarflügel könnten aber auch schon 1929 zur Schuldentilgung bei der Dresdner Bank deponiert und nicht ausgelöst worden sein. Kein Fall gleicht dem anderen. Und so legt das BNM zur weiteren Klärung den Forschungsstand in seiner Objektdatenbank unter "Sammlung Göring" offen.

Gleichzeitig wurden alle Stücke der Datenbank "Lostart" gemeldet. Erste Kontakte zu den Familien möglicher Alteigentümer sind geknüpft, eine Publikation in Aussicht gestellt. Und in der aktuellen Kabinett-Präsentation und dem Leitfaden durch alle Abteilungen des labyrinthischen Museums weisen neue Tafeln auf Objekte aus Görings Besitz hin: einen Bronzetürklopfer beispielsweise, ein Tintenzeug, eine Prunkkanne aus Silber oder eine Kasel aus Samt. Doch das sind eben nicht mehr als erhellende Spots auf einen belasteten und belastenden Bestand.

Der neue Antrag für die Erforschung der Silbersammlung Görings ist bereits gestellt. Dagegen wird die Herkunft der mehr als 200 textilen Restposten räuberischer Raffgier kaum je zu klären sein: nie abgebildet, in Auktionskatalogen kaum beschrieben, in Beschlagnahmungslisten nur grob erfasst, dürften sie anonym bleiben. Doch hat das Museum seit kurzem einen Beauftragten für Provenienzforschung, der sich seiner Aufgabe systematisch stellt. Denn das ist auch im BNM eine Aufgabe für Generationen und nicht für Zweijahresverträge. Eine öffentliche Institution steht moralisch und politisch in der Pflicht, Aufklärung zu suchen. Auch fast siebzig Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur.

 

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