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Der größte Kunstraub aller Zeiten - The biggest art theft ever

1970
1945
Frankfurt Live 23 October 2014
Von Theodor Kissel, Sörgenloch

Der Raub von Kunstwerken zieht sich neben dem Kulturvandalismus wie ein roter Faden durch die Geschichte. Schon die römischen Feldherren und Statthalter bedienten sich je nach Gusto an den Kulturschätzen fremder Völker. Ein besonders umtriebiger Kleptokrat in Sachen Beutekunst war der römische Statthalter Gaius Verres, der anno 73 v. Chr. in der Provinz Sizilien zusammenraffte was nicht niet- und nagelfest war. Nachzulesen ist dies in den sogenannten »Verrinen« des Cicero, der als Anwalt der Geschädigten in Rom einen Prozess gegen den gierigen Statthalter eröffnete.

Dass sich auch die nationalsozialistischen Herrenmenschen – in noch viel größerem Stil – an den Kulturgütern in den von ihnen okkupierten Ländern schadlos hielten, ist spätestens seit dem Fall des Kunsthändlers Cornelius Gurlitt auch hierzulande wieder verstärkt in den Focus der Öffentlichkeit gerückt.

Gleich Waggonweise wurden im Dritten Reich beschlagnahmte Kunstsammlungen durch Europa transportiert und in Depots gehortet. Die Beute stammte aus jüdischen Privatsammlungen sowie aus kirchlichem und staatlichem Besitz und sollte neben dem geplanten Führermuseum in Linz auch die Wände der Museen im ganzen Reich schmücken – wohl auch als Manifestationen deutscher Sieghaftigkeit.

Die Wiener Kunsthistorikerin Birgit Schwarz, ausgewiesene Expertin für Hitlers Kunstsammlungen und NS-Kunstpolitik, hat nun eine glänzend geschriebene und akribisch recherchierte Monographie vorgelegt, die die Rolle des »Führers« beim größten Kunstraub aller Zeiten in den Focus ihrer Betrachtungen stellt.

Beleuchtet wird nicht nur die Sammelleidenschaft des ›Kunstsammlers‹ Hitler, sondern vor allem auch dessen Rolle in diesem brutalen Kunstraub. Schwarz räumt auf mit dem Mythos auf, wonach nicht im Namen Hitlers, sondern im Namen des Reiches beschlagnahmt wurde. Vielmehr kann sie anhand von Quellen nachweisen, dass Hitler den großangelegten Raubzug zur Chefsache machte und alle Fäden bei ihm zusammenliefen. 1938, mit dem ›Anschluss‹ Österreichs, hatte sich Adolf Hitler mit dem sogenannten »Führervorbehalt« das Recht genommen, persönlich zu entscheiden, was mit diesen Werken geschehen sollte

Wichtigster williger Helfer Hitlers war dabei Hans Posse, Museumsdirektor in Dresden, der als Sonderbeauftragter für seinen obersten Dienstherr in halb Europa Kunst zusammenraubte. Laut Schwarz wurden auf diese Weise bis 1945 mindestens 50 000 Werke requiriert.

Birgit Schwarz kommt das Verdienst zu, herausgearbeitet zu haben, dass der Kunstraub nicht nur ein Kernstück von Hitlers Kulturpolitik war, von dem zahlreiche Museen profitierten, sondern dass dieser Raub auch zentral von ihm gelenkt wurde. Was von den maßgeblichen Akteuren als „Geheimsache“ behandelt wurde, bringt die Autorin mit kriminologischem Spürsinn ans Tageslicht und eröffnet so einen tiefen Einblick in die Geschichte des NS-Kunstraubs, der von Hitler zentral gelenkt wurde, und dessen Ausmaß weitaus größer war als bisher angenommen.

Wer sich umfassend über dieses traurige Kapitel der deutschen Geschichte informieren will, ist bei Birgit Schwarz bestens aufgehoben.

 

Birgit Schwarz: Auf Befehl des Führers. Hitler und der NS-Kunstraub. Theiss-Verlag, Stuttgart 2014, 320 S., 29,95 €.

 

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