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Teil der eigenen Geschichte - Part of Its Own History

1970
1945
Berliner Zeitung 28 October 2014
Von Andreas Förster

Verschwunden, erbeutet, entnommen, gestohlen: Das Staatliche Museum Schwerin widmet sich in seiner Ausstellung „Kunstraub-Raubkunst“ auch einem Teil der eigenen Geschichte.


Barlachs Holzplastik „Das Wiedersehen“ von 1926

Es ist ungewöhnlich, eine Geschichte mit einem Happy End zu beginnen. In seiner Ausstellung „Kunstraub-Raubkunst“ wagt das Staatliche Museum Schwerin aber genau das. Gleich im Eingangsbereich der Exposition hängt Adriaen Hannemans Gemälde „Bildnis zweier Kinder im Park“. Das im 17. Jahrhundert entstandene Bild des holländischen Barockkünstlers war 1943 wegen der Bombenangriffe nach Schloss Ivenack ausgelagert worden, wo es dann zwischen Mai und Juni 1945 spurlos verschwand. Erst 2005 gab es einen vagen Hinweis aus den USA, dass sich das Bild im Besitz einer Familie im Bundesstaat Louisiana befinden würde. Es dauerte dann noch einmal neun Jahre, bis im Juni 2014 eine für Kunstraub zuständige Abteilung des FBI das Gemälde an das Schweriner Museum zurückgab. In der Ausstellung wird das Bild nun erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Rückgabe von Kunstwerken, die im Krieg und in totalitären Systemen aus Museen und Privatsammlungen geraubt worden sind, an ihre rechtmäßigen Besitzer ist noch immer eine Ausnahme. Auch das Schweriner Museum, das jetzt quasi seine eigene Geschichte von Kunstraub und Raubkunst in einer Ausstellung präsentiert, beklagt große Verluste: Seit dem legendären Napoleonischen Kunstraub 1807 bis zum Weltkriegsende 1945 verschwanden aus den Depots des einstigen Mecklenburgischen Landesmuseums rund 5 000 Kunstwerke. Nach Angaben des Ausstellungskurators Torsten Knuth sind die meisten dieser Werke bis heute unauffindbar.

Ein Schrank für Göring

Sinnbildlich stellt die Ausstellung dies an einem Beispiel dar: Im zweiten Saal ist ein großer grauer Quader aufgestellt. Er hat die Ausmaße eines im Jahre 1693 gefertigten Elsässer Schrankes, der 1935 auf Weisung des Mecklenburgischen Staatsministeriums gegen den Protest des Museumsdirektors dem damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring zur Hochzeit geschenkt wurde. Das unschätzbar wertvolle Möbelstück ist bis heute verschollen.

Andererseits profitierte das Landesmuseum in der NS-Zeit von der Enteignung jüdischer Kunstsammler und dem Ausverkauf sogenannter „entarteter Kunst“. Zu sehen sind in der Ausstellung unter anderem zwei Falt-Fächer und eine Meißener Porzellanfigur aus der Sammlung der jüdischen Kaufmannsfrau Emma Budge, die das Museum 1937 auf einer Auktion in Berlin erwarb. Erst 2001 restituierte das Schweriner Museum die Exponate an die Jewish Claims Conference (JCC), durfte sie aber weiterhin als Leihgabe ausstellen. Im Jahr 2012 erwarb das Museum schließlich die Stücke von der JCC.

Insgesamt befinden sich in der aktuellen Sammlung des Museums, zu der auch die Kunstsammlungen von Ludwigslust und Güstrow gehören, mehr als 350 Gemälde, Grafiken, Plastiken und Münzen mit fragwürdiger Herkunft. Alle diese Exponate waren in der NS-Zeit oder danach in den Besitz des Museums gelangt, bei ihnen kann ein Raubkunsthintergrund nicht ausgeschlossen werden. Die Kunstraub-Ausstellung in der Galerie Alte & Neue Meister gegenüber des Schweriner Schlosses zeigt einige dieser Stücke mit ungeklärter Provenienz. Zu den spektakulärsten gehört das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Monumentalgemälde eines unbekannten Malers, das eine Stadtansicht von Konstantinopel zeigt. Das Bild war 1951 in den Besitz des Schweriner Museums gelangt. Es stammte aus der Hinterlassenschaft eines in den Westen geflüchteten tschechischen Kunsthändlers und Schmugglers.

Risse, Brüche und Knicke

Das vier Meter breite und anderthalb Meter hohe Ölgemälde ist noch nie in Schwerin gezeigt worden. Über Jahrzehnte hinweg lagerte es im Museumsdepot. Erst im November 2009 war das Bild von Restauratoren begutachtet worden. Die Leinwand weist zahllose Risse, Brüche und Knicke auf, dennoch beeindruckt das Gemälde durch seine farbenfrohe und detaillierte Darstellung einer Alltagsszene auf der berühmten Galata-Brücke. Kurator Knuth erhofft sich nun Hinweise von Ausstellungsbesuchern auf mögliche Vorbesitzer des Gemäldes.

Die Schweriner Ausstellung schlägt einen weiten Bogen vom Napoleonischen Kunstraub 1807 über den Raubzug der Nazis bis hin zu diebischen Museumsdirektoren und zwielichtigen Kunsthändlern der Nachkriegszeit. Erzählt wird die Geschichte der Raubkunst vor allem anhand von Kunstwerken. 161 Exponate sind ausgestellt, darunter Grafiken von Dürer, Rembrandt und Schongauer, Gemälde von Corinth und Kersting sowie die berührende Barlach-Skulptur „Das Wiedersehen“. Die erklärenden Texte zum Ausstellungsthema sind jedoch recht knapp gehalten, so dass der ebenso informative wie anschaulich gestaltete Katalog (25 Euro) empfehlenswert ist.

Was aber fehlt in der Schweriner Ausstellung – und das ist im Jubiläumsjahr des Revolutionsherbstes von 1989 ein besonderer Makel – ist ein Verweis auf die Zerstörung privater Kunstsammlungen in der DDR. Eine ganze Reihe von ostdeutschen Sammlern wurde in den 1970er und 1980er Jahren mit Hilfe dubioser Steuerverfahren enteignet. Teile ihrer Sammlungen gelangten in DDR-Museen, der überwiegende Rest wurde von Schalck-Golodkowskis Außenhandelsbereich Kommerzielle Koordinierung im Westen gegen harte D-Mark verschachert. Die meisten dieser unrechtmäßig enteigneten Kunstwerke sind unauffindbar, um andere wird bis heute von den Opfern erbittert vor Gericht gestritten.

 

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/ausstellung--kunstraub-raubkunst--teil-der-eigenen-geschichte,10809150,28877806.html
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