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Fall Gurlitt - ein Jahr danach: "Er war nie ein Nazi" - The Gurlitt Case One Year On: "He was never a Nazi"

1970
1945
S├╝dkurier 30 October 2014
von Sigmund Kopitzki

Ein Jahr "Fall Gurlitt": Der Schwabinger Kunstfund erregte die Öffentlichkeit weltweit. Der Schatz lagert noch im Kunstmuseum Bern. Die Schweizer wissen nicht, ob sie das Erbe antreten sollen.


Cornelius Gurlitt wurde bei seinen Eltern in Düsseldorf begraben. Foto: Martin Gerten  Bild: Foto: dpa

Alle reden vom 9. November, von 25 Jahre Mauerfall. Fast alle. Einige denken auch an Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt. Der Mann mit den drei Vornamen – wobei in der Vergangenheit immer nur einer, nämlich Cornelius, genannt wurde – sorgte für den wohl größten Kunstskandal dieses Jahrhunderts. Am 3. Oktober 2013 wurde er durch einen Bericht des „Focus“ publik.

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In der Schwabinger Wohnung des im Mai 2014 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Gurlitts lagerten, so das Nachrichtenmagazin, Kunstwerke im Wert von einer Milliarde Euro – was sich als Übertreibung erwies. Wie „Focus“ weiter berichtete, hatte die Augsburger Staatsanwaltschaft bereits im Februar 2012 die ersten 1280 Kunstwerke wegen des Verdachts auf ein Steuer- und Vermögensdelikt in der Wohnung beschlagnahmt. Gurlitt war auf einer Zugfahrt von Zürich nach München kontrolliert worden. Zollfahnder fanden bei ihm einen erheblichen Geldbetrag und alarmierten die Staatsanwaltschaft. Wobei sich der Vorwurf der Steuerhinterziehung nicht beweisen ließ. Die Augsburger Staatsanwaltschaft bekam in der Folge öffentliche Prügel dafür, dass sie Gurlitts Sammlung eingezogen hatte – Kritiker, wie der Frankfurter Kunsthändler Christoph Graf Douglas, sprachen von kalter Enteignung – und diese Tatsache überhaupt sehr spät kommunizierte.

Die Nachricht über den Kunstfund schlug wie eine Bombe ein, weltweit. Der mögliche Skandal bestand darin, dass es sich bei Teilen des Schatzes um Nazi-Raubkunst handeln könnte. Bald richtete sich das Augenmerk auf den 1956 verstorbenen Vater von Cornelius Gurlitt, den Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt, der im Dritten Reich mit Kunst – auch für den „Führer“ – schacherte. Nach Auffassung der eigens wegen des „Falls Gurlitt“ eingerichteten Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ stehen nach wie vor hunderte von Bildern der Sammlung im Verdacht, vom Vater zu unrecht erworben und an seinen Sohn vererbt worden zu sein. Gurlitts ehemaliger Betreuer, der Münchner Anwalt Christoph Edel, spricht aber lediglich von acht Bildern mit einer möglicherweise dunklen Vergangenheit. Das Thema blieb heiß, zumal Anfang 2014 weitere 238 Werke im Salzburger Haus Gurlitts gefunden wurden, darunter millionenschwere Arbeiten von Picasso und Monet. Und selbst das war noch nicht alles. Im September tauchte ein weiterer Monet auf, den der herzkranke, zurückgezogen lebende und als skurril beschriebene Gurlitt im Krankenhaus in einem Koffer bei sich getragen haben soll…

Der „Fall“ blieb aber auch deshalb in den Schlagzeilen, weil deutlich wurde, dass das Thema Nazi-Raubkunst hierzulande von der Politik sträflich vernachlässigt worden war. Deutschland wurde wegen seines dilettantischen Umgangs mit Gurlitts Sammlung im Besonderen und Nazi-Kunst im Allgemeinen heftigst kritisiert, zumal von jüdischen Organisationen wie der Jewish Claims Conference. Insofern generierte die Schwabinger und Salzburger „Kunstfunde“ auch Positives, die aufgeschreckte Politik nahm das Thema Restitution endlich auf die Agenda.

Gurlitt indessen zeigte sich verhandlungsbereit und unterzeichnete entsprechende Verträge mit der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern über die Erforschung der Herkunft der Bilder und – im Fall der Fälle – auch über eine Rückgabe an die rechtmäßigen Besitzer. In zwei Fällen – bei Matisse’ „Sitzender Frau“ und Liebermanns „Reitern am Strand“ – hatte man – laut seinem ehemaligen Anwalt Edel – kurz vor der Einigung mit den Erben gestanden. Aber, weil das Kunstmuseum Bern, das der Sammler zur Überraschung aller Beobachter als Alleinerben einsetzte, immer noch nicht entschieden hat, ob es das Erbe auch antreten werde, herrscht seit Monaten Stillstand. Angeblich will Bern am 26. November definitiv entscheiden. Sollte es die Erbschaft ausschlagen, womit allerdings kaum zu rechnen ist, würde es in der Frage der Rückgabe von Bildern zu weiteren Verzögerung kommen.

Der Kunstschatz sei Gurlitt zuletzt immer mehr zur Last geworden, sagt sein Anwalt Edel heute. „Er war überfordert und unsicher, verletzlich, ja schutzbedürftig“. Warum der gebürtige Hamburger das Schweizer Kunsthaus für seine Rechtsnachfolge auserkoren hat, darüber kann auch Edel nur spekulieren: „Gurlitt war gegenüber allem Deutschen skeptisch“, sagt er. Und: „Er war nie ein Nazi“.


http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/themensk/Fall-Gurlitt-ein-Jahr-danach-Er-war-nie-ein-Nazi;art410935,7360131
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