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Raus aus der Schmuddelecke - Out of the dark corner

1970
1945
Frankfurter Allgemeine 12 November 2014
von Karin Truscheit

Die Familie Gurlitt wehrt sich gegen Unterstellungen. Raubkunst will sie bedingungslos zurückgeben. Was geschieht nun mit dem Vermächtnis des verstorbenen Kunstsammlers?

© dpa  Erbe als Bürde: Die Familie von Cornelius Gurlitt will einen klaren Kurs fahren

Sollte die Familie des verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt seine Sammlung erben, würden sämtliche Bilder der Sammlung und alle Geschäftsunterlagen von Hildebrand Gurlitt im Internet veröffentlicht: „Die Familie spricht sich für eine sofortige und bedingungslose Rückgabe von Raubkunst aus der Sammlung Cornelius Gurlitt im Einklang mit der Washingtoner Erklärung aus.“ Dies sind die Hauptpunkte einer Erklärung, mit der Mitglieder der Familie Gurlitt am Mittwoch an die Öffentlichkeit getreten sind.

Dem Vernehmen nach ist die Familie sehr betroffen über das, was ihr in Berichten unterstellt werde: dass sie sich über die Belange der rechtmäßigen Eigentümer der Raubkunst-Werke hinwegsetzen würden, sollte nicht das Kunstmuseum Bern, sondern die gesetzlichen Erben die Sammlung zugesprochen bekommen. Am 26.November will der Stiftungsrat des Museums entscheiden, ob das Kunstmuseum die Sammlung annehmen will. Sollte Bern das Erbe ausschlagen, fällt die Sammlung den rechtmäßigen Erben innerhalb der Familie Gurlitt zu. Uta Werner, eine Cousine des verstorbenen Cornelius Gurlitt, sowie weitere Familienmitglieder werden von dem Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Seybold vertreten.

„Größtmögliche Professionalität“

„Sie wehren sich dagegen, in die Schmuddelecke gestellt zu werden“, sagte Seybold dieser Zeitung. Der Verantwortung, die mit dem Erbe einhergehe, würden sie sich in jeder Hinsicht stellen. Manche Familienmitglieder hätten selbst unter der Herrschaft der Nationalsozialisten gelitten. So sei die Mutter von Uta Werner nach den NS-Rassengesetzen „Volljüdin“ gewesen. Sie war die Ehefrau des Musikhistorikers Willibald Gurlitt. Dieser wiederum war der Bruder des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der somit der Onkel von Uta Werner war. Die Familienmitglieder, die Seybold vertritt, haben sich auf wesentliche Punkte geeinigt: Eindeutig identifizierte Raubkunst werde „unverzüglich und ohne Gegenleistung“ den einstigen Eigentümern oder deren Erben zurückgegeben.

Seit rund einem Jahr überprüft die Taskforce Schwabinger Kunstfund die Herkunft der einzelnen Werke. Die Familie Gurlitt, so heißt es in der Erklärung, werde auch im Erbfall anstreben, mit der Taskforce weiter zusammenzuarbeiten, da man deren Arbeit anerkenne. Die Familie garantiere, dass die Provenienzforschung mit „größtmöglicher Professionalität“ fortgesetzt werde.

Das Vermächtnis wird nicht angefochten

Darüber hinaus solle auch der Salzburger Bestand der Bilder untersucht werden. Zudem wünsche die Familie, dass „die Sammlung der Klassischen Moderne, die Hildebrand Gurlitt aus der Aktion ,Entartete Kunst‘ gerettet hat, zusammen bleibt und dauerhaft in einem deutschen Museum ausgestellt wird“. Das Kunstmuseum Bern plant hingegen offenbar, die Bilder wiederum jenen Museen als Dauerleihgaben anzubieten, aus denen sie von den Nationalsozialisten entfernt wurden.

Cornelius Gurlitt hatte seine Sammlung in seinem Testament vom 9.Januar 2014 dem Kunstmuseum Bern vermacht. Zu diesem Zeitpunkt stand er unter amtlicher Betreuung. „Die Familie verfolgt jedoch keine Anfechtung des Testaments“, sagt Wolfgang Seybold. Allerdings sei es zu hinterfragen, ob er in der Lage gewesen sei, das Testament zu verfassen. Nach Auskunft des Gerichts hat bisher jedoch niemand den Einwand vorgebracht, dass Cornelius Gurlitt testierunfähig gewesen sei.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gurlitts-erben-raus-aus-der-schmuddelecke-13262504.html
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