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Stuart Eizenstat voll des Lobes - Stuart Eizenstat full of praise

1998
1970
1945
Neue Z├╝rcher Zeitung 7 December 2014
Von Simon Gemperli

  Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat (links) und Botschafter Thomas Borer 1997 in Davos. (Bild: Keystone)

Als Unterstaatssekretär in der Clinton-Administration zwang er die Schweizer Grossbanken in die Knie. Heute lobt Stuart Eizenstat den Umgang des Landes mit Raubkunst aus der Nazi-Zeit.

Stuart Eizenstat war in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eine dominierende Figur auf der schweizerischen Politbühne. Der amerikanische Spitzendiplomat gehörte in der Auseinandersetzung über die Weltkriegsvergangenheit zu den prominentesten Kritikern des Landes – neben Senator Al D'Amato, dem Anwalt Ed Fagan und Edgar Bronfman, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses.

Sein Auftrag lautete, den Verbleib des Nazigoldes abzuklären und die Rückerstattung nachrichtenloser Vermögenswerte auf Schweizer Banken zu forcieren. Eizenstat führte ihn mit der gleichen Gründlichkeit und Professionalität durch, wie er zuvor für die Clinton-Regierung das Kyoto-Protokoll ausgehandelt hatte.

 

 

 

Im sogenannten Eizenstat-Bericht von 1997 wird die Schweiz (nebst einigen anderen Ländern) als die Bank des Dritten Reiches dargestellt. Das befeuerte die Sammelklagen, die zu dieser Zeit eingereicht wurden. Eizenstat vermittelte den Bankenvergleich von 1998, welcher die Schweizer Banken 1,25 Milliarden Dollar kostete. Im gleichen Jahr fand in Washington unter der Leitung von Unterstaatssekretär Eizenstat in Washington die Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocausts statt.

In der Washingtoner Erklärung einigten sich 44 Staaten auf Prinzipien und Prozeduren für die Suche und die Rückerstattung von Kunstwerken, die in der Nazizeit beschlagnahmt wurden. Sie spielen in der Vereinbarung zur umstrittenen Übernahme der Gurlitt-Bildersammlung durch das Kunstmuseum Bern eine zentrale Rolle.

Stuart Eizenstat bezeichnet die im November ausgehandelten Modalitäten zur Annahme des Gurlitt-Erbes als vorbildlich, wie er gegenüber der NZZ ausführt. Er begrüsse es, dass das Kunstmuseum Bern die Erbschaft unter der Bedingung annehme, dass die Washingtoner Prinzipien zur Anwendung gelangten. «Der Entscheid des Museums, mit der deutschen Gurlitt-Task-Force zusammenzuarbeiten und den Besitzern alle Nazi-Raubkunst zurückzugeben, sollte weltweit ein Vorbild für andere Museen sein», meint Eizenstat. «Das ist viel besser, als wenn sich Gurlitts Verwandte um die Sammlung streiten, die vielleicht den Wunsch des Museums nicht teilen, dass die Washingtoner Prinzipien zur Nazi-Raubkunst zur Anwendung gelangen.»

Die rechtlichen Risiken für das Kunstmuseum beurteilt Eizenstat als gering. Man könne die Möglichkeit von Klagen nie ausschliessen, er hoffe aber, dass es angesichts der vorbildlichen Vorgehensweise des Kunstmuseums nicht dazu kommen werde.

Der 71-jährige Eizenstat blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Er arbeitete für die Präsidenten Johnson und Carter im Weissen Haus, vertrat die USA als Botschafter in Brüssel und war Vize-Finanzminister unter Clinton. Zurzeit ist er als Sonderberater von Aussenminister John Kerry für Holocaust-Fragen tätig. Für die Gurlitt-Sammlung interessierte er sich sofort, als die Öffentlichkeit letztes Jahr von ihr erfuhr. Er merkte, dass dieser Fall das Bewusstsein stärken würde für die Tatsache, dass immer noch viele Museen Raubkunst in ihren Beständen haben und sich wenig darum kümmern.

http://www.nzz.ch/schweiz/stuart-eizenstat-voll-des-lobes-1.18439910
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