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Vertrieben - The Michael Berolzheimer collection

1970
1945
Sueddeutsche Zeitung 14 February 2015
By Ira Mazzoni

Michael Berolzheimer hat seinem gleichnamigen Großonkel und dessen von den Nationalsozialisten aufgelösten Altmeister-Grafiksammlung ein schönes Buchdenkmal gesetzt. Der Großteil der exquisiten Münchner-Sammlung gilt nach wie vor als verschollen. Doch die Provenienzforschung zeigt aktuell beachtliche Erfolge.

Der prachtvoll ausgestattete Bildband erzählt die Geschichte eines bedeutenden deutschen Kunstsammlers, der aus einer Fürther Bleistiftdynastie stammend ab 1885 in München Jura studierte, sich in der Residenz- und Kunststadt als Anwalt niederließ und schließlich mit seiner Frau und deren Kindern 1904 ins Sommerhaus nach Untergrainau bei Garmisch-Partenkirchen zog. Alte Fotografien zeigen das Paar, sie im karierten Dirndl, er im Sommerjanker. Die Bilder vermitteln eine bayerische Idylle, in der das Jüdischsein selbstverständlich schien - bis die Nachbarn immer mehr Hakenkreuzfahnen aufzogen.

Hätten die Berolzheimers einen Tag länger gewartet, hätte man ihnen die Pässe entzogen


Berolzheimer besaß eine legendäre Expertise, vor allem was Grafik betraf. Rund 800 Handzeichnungen, darunter italienische Barock-Skizzen, niederländische Meister des 17. Jahrhunderts, aber auch viele deutsche Romantiker befanden sich in seinen Mappen. Dazu kamen rund 600 druckgrafische Blätter. Er war Mitglied der Ankaufkommission der Alten Pinakothek und der Staatlichen Grafischen Sammlung. Als Schatzmeister des ersten, 1905 gegründeten Museumsvereins setzte er sich dafür ein, Kunst zu kaufen und den staatlichen Museen zur Verfügung zu stellen, die sich diese nicht leisten konnten.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und Antisemitismus Staatsdoktrin wurde, war es um das deutsche Groß- und Bildungsbürgertums geschehen. Wie viele zögerten die Berolzheimers, ihre Heimat zu verlassen. Im Sommer 1938 emigrierten sie über die Schweiz in die USA. Hätten Sie nur einen Tag länger gewartet, ihnen wären die Pässe entzogen worden. Zu den Ausreisebedingungen gehörte, dass sie die wertvollen Handzeichnungen und einige Gemälde zurück lassen mussten. Der von den Finanzbehörden bestellte Schätzer, Ernst Wengenmayr, Mitarbeiter des Auktionshauses Weinmüller, hatte sie zu Nationalem Kulturgut erklärt.

Im Oktober 1938 setzte die Finanzbehörde einen Treuhänder für Berolzheimers Vermögen ein. Berolzheimers Stiefsohn und Generalbevollmächtigter, Robert Schweisheimer sah sich gezwungen einen Vertrag mit dem Münchner Auktionshaus Adolf Weinmüller abzuschließen. Wenige Wochen nach den Novemberpogromen kamen die Gemälde und Skulpturen aus Berolzheimers Eigentum zum Aufruf. Am 9. und 10. März 1939 wurde dann seine Grafiksammlung versteigert.

Im Saal saßen Vertreter aller großen Museen. Einige dürften von der Herkunft gewusst haben, obwohl im Katalog nichts über den nominellen Einlieferer verlautete. Stattdessen gab Weinmüller die glanzvolle Provenienz aus der Sammlung Boguslav Jolles an, die Berolzheimer 1895 en bloc beim führenden Münchner Auktionshaus Hugo Helbing ersteigert hatte.

Bis heute müssen Händler, wenn sie Grafiken mit dem Sammlerzeichen von Jolles in die Hände bekommen, aufmerken und sich um die Klärung der Herkunft bemühen. Immerhin fällt es nicht mehr allzu schwer, Berolzheimer-Besitz zu identifizieren, seitdem die Provenienzforscherin Meike Hopp die vom Auktionshaus Neumeister 2013 entdeckten Kataloge der Weinmüller-Auktionen in einer Datenbank erschlossen hat. Auf
www.lostart.de findet sich auch die aktuelle Suchliste der Berolzheimer-Erben.

Schon zwei Jahre nach Kriegsende bemühten sich die Erben von Berolzheimer um Restitution ihres Eigentums - mit einigen Erfolgen. Die Münchner Städtische Galerie im Lenbachhaus war die erste Institution, die 1950 ein Dutzend Blätter restituierte, darunter Zeichnungen von Benvenuto Genelli. Das Kurpfälzische Museum in Heidelberg und das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg folgten. Die Wiener Albertina Wien sperrte sich. Klagen gegen private Eigentümer wurden von einem Gericht abgewiesen. Berolzheimers Erben gaben die Suche auf.

Erst nach der Washingtoner Konferenz, im Jahr 2000 kam wieder Bewegung in die Sache. Die Albertina in Wien bat das Holocaust Victim's Information and Support Center um Auskunft über noch lebende Erben Michael Berolzheimers. Es dauerte bis Sommer 2009, bis die Rechtsnachfolge geklärt war. 2010 konnte die Albertina dann 29 Zeichnungen restituieren, die sie 1939 auf der Weinmüller-Auktion ersteigert hatte. Auch in der Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts fand man 28 Zeichnungen und übergab sie den Erben. Die Münchener Galerie Arnoldi-Livie durfte beide Konvolute 2011 und 2012 zum Verkauf anbieten und druckte dazu zwei Kataloge, die erstmals wieder eine Vorstellung von der Qualität der Sammlung gaben.

Für Michael G. Berolzheimer waren die Nachforschungen der Albertina der Anlass, sich für die Geschichte seines Großonkels zu interessieren. Er nahm Kontakt zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf, um mehr über den Museumsverein zu erfahren. Er fand dort breite Unterstützung, die weit über Provenienzforschung hinausging. Die Koordinierungsstelle in Magdeburg empfahl ihm, sich für weitere Recherchen an das Holocaust Claims Processing Office in New York zu wenden. Seit 2011 ist der Berolzheimer-Claim der umfangreichste, den die Organisation betreut. Der Fund der Kataloge von Weinmüller bescherte der Organisation eine wertvolle Recherchebasis.

Inzwischen wurden in der Bremer Kunsthalle, im British Museum, in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln, in der Staatsgalerie Stuttgart und in den Museen der Stadt Nürnberg Handzeichnungen aus Berolzheimers Besitz wiedergefunden. Auch auf dem freien Kunstmarkt konnten schon erste gütliche Regelungen mit Nachbesitzern getroffen werden, wie die Januar-Auktion von Christie's New York zeigt. Stück für Stück wird die Sammlung Berolzheimer dem Vergessen entrissen. Das Buch bettet das Ganze durch die Beiträge vieler namhafter Wissenschaftler in eine beachtliche Familien- und Kulturgeschichte ein.

Michael G. Berolzheimer (Hg.): Michael Berolzheimer 1866-1942. His Life and His Legacy. 240 Seiten, 69 Euro. Zu beziehen über die Literaturhandlung München.


 

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