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Sueddeutsche Zeitung 13 July 2016
Von Jörg Häntzschel

Kunstverkäufe an Nazi-Nachfahren? Schleppende Aufklärung? Die Vorwürfe an die bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind schwer. Nun entschied der Landtag: Die Regierung muss die Vorwürfe klären

Der Wissenschaftsausschuss des bayerischen Landtags hat am Mittwoch einstimmig drei Anträge von CSU, SPD und Grünen angenommen, in denen die Staatsregierung aufgefordert wird, umfassend zum Umgang der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit Raubkunst Stellung zu nehmen. Der Ausschuss reagierte damit auf Berichte der SZ, nach denen bei Nazi-Familien beschlagnahmte Kunstwerke, darunter Raubkunst, von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und den zuständigen Finanzbehörden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren an die Familien zurückverkauft wurden. Dort hatten die Amerikaner sie bei Kriegsende beschlagnahmt.

Der Ausschuss erwartet nun unter anderem Auskunft darüber, wie viele Bilder an die Familien der NS-Größen und diese selbst zurückgingen, wie viele Werke mit Raubkunst-Provenienz sich bei den Staatsgemäldesammlungen befinden und welche Bemühungen die Staatsregierung unternimmt, um die Versäumnisse staatlicher Behörden aufzuarbeiten.

Die SPD forderte außerdem die Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Aufklärung der Tatbestände. Die Grünen schlugen indes vor, die Provenienzrecherche bei den bayerischen Museen künftig einer unabhängigen Instanz zu übertragen. Außerdem verlangten sie die Einrichtung einer Ombudsstelle, an die sich Opferfamilien wenden können. Diese Vorschläge wurden der Regierung zur Prüfung übergeben.

Der Forderung der Grünen, die Museen zu verpflichten, ihre Unterlagen wie gesetzlich vorgesehen an das Hauptstaatsarchiv zu übergeben, schloss sich der Ausschuss nicht an. Er folgte der Argumentation der Gemäldesammlungen, sie benötigten ihre Archivalien im eigenen Haus. Allerdings schwor der Ausschuss die Staatsgemäldesammlungen darauf ein, ihr Archiv zu öffnen. Der Grünen-Abgeordnete Sepp Dürr sagte der SZ, darauf könnten sich nun alle berufen, die Zugang zu dem Archiv wünschen. "Jeder, der sich mit einem Anliegen an die Staatsgemäldesammlungen wendet, muss Einsicht bekommen."

Dürr erwartet die ausführliche Antwort der Staatsregierung im Oktober. Dann müsse auch Bernhard Maaz, der Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen, im Landtag Rechenschaft über die Vorwürfe gegen sein Haus ablegen. Schon jetzt sei aber klar, "dass sich für die Anspruchsteller etwas verbessert". Die Staatsgemäldesammlungen haben wiederholte Anfragen nach einem Interview abgelehnt.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/raubunst-mehr-einsicht-1.3076908
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