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Detektiv ermittelt 177 Raubkunst-Werke - Detective uncovers 177 looted works

1970
1945
Westdeutsche Zeitung 1 December 2016
Von Eckhard Hoog

Das Dürener Leopold-Hoesch- Museum setzt Maßstäbe in Sachen Herkunftsforschung: Der Kulturhistoriker Kai Artinger ist fündig geworden.


In anderthalb Jahren hat er im Dürener Leopold-Hoesch-Museum bislang 177 Raubkunst-Werke ermittelt: der Berliner Kunstdetektiv, promovierte Kunst- und Kulturhistoriker Kai Artinger. Zusammen mit Museumsdirektorin Renate Goldmann zeigt er ab Sonntag unter anderem eine große Ausstellung zur Herkunftsforschung.

Düren. Es ist einer der größten Fälle der Rückgabe von Raubkunst, die es bislang in Deutschland gegeben hat – und das nach eigener, aktiver Herkunftsforschung, aus völlig freien Stücken und nicht, wie sonst fast immer üblich, erst auf Anfragen oder angemeldeten Ansprüchen von jüdischen Erben hin. Das Dürener Leopold-Hoesch-Museum gibt 177 Kunstwerke zurück oder tritt in Verhandlung mit den Erben, um mit ihnen „faire und gerechte Lösungen“ zum Verbleib der Objekte zu finden. So sieht es auch die sogenannte Washingtoner Erklärung vor, die 1998 von 44 Staaten unterzeichnet wurde – ein internationales Reglement, wonach diese Staaten sich verpflichten, für das Auffinden und die Rückgabe von Raubkunst oder eine entsprechende Entschädigung zu sorgen.

Ein gutes Stück deutscher Museumsgeschichte aufgeklärt

Gleichzeitig setzt das Leopold-Hoesch-Museum – namentlich dessen Direktorin Renate Goldmann – noch in anderer Hinsicht Maßstäbe: Am Sonntagmittag wird hier eine der größten Ausstellungen zur Herkunftsforschung eröffnet, die es je in Deutschland gegeben hat. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

Die Schau gibt auf 750 Quadratmetern mit 500 Dokumenten und 160 Kunstwerken in sieben Sektionen einen spannenden Einblick in die komplizierte Detektivarbeit, die Herkunft von Kunstwerken zu ermitteln. Aufschlussreich dokumentiert wird darüber hinaus die Zusammenarbeit des Dürener und des Kölner Museums in der NS-Zeit und nach 1945 – womit auch ein gutes Stück deutscher Museumsgeschichte aufgeklärt wird.

Welche Herkulesarbeit von allen Beteiligten dahintersteckt, lässt sich nur ahnen. Allen voran die des promovierten Berliner Kunst- und Kulturhistorikers Kai Artinger. Als ausgewiesener Spezialist für Provenienzforschung (von lat. provenire, „herkommen“) hat er im Auftrag der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg am Leopold-Hoesch-Museum seit Mai 2015 rund die Hälfte der 2040 Werke des Hauses auf ihre Herkunft hin untersucht. Nachdem Renate Goldmann einen entsprechenden Antrag gestellt hatte.

Und Kai Artinger ist tatsächlich fündig geworden – in der Grafikabteilung des Hoesch-Museums. Mit einigen Blättern der hauseigenen Sammlung verbinden sich demnach bedrückende Schicksale. Ein repräsentatives Beispiel: Artinger stellte nach langwierigen Recherchen fest, dass der Dürener Maler Hans Beckers die Grafik „Die Furt“ (1658) des niederländischen Künstlers Nicolaus Berchem zwischen 1935 und 1940 vom Bonner Juristen und Kunstsammler Matthias Rech gekauft hatte. Der wiederum hatte sie auf einer Auktion 1935 in Berlin erworben. Einlieferin war die jüdische Kauffrau Regina Weiss (1865-1943) aus Ansbach. Im Alter von 78 Jahren wurde sie 1943 in Auschwitz ermordet. 1951 kaufte das Leopold-Hoesch-Museum die Grafik von Beckers zusammen mit dessen Sammlung.

Die Suche nach Erbberechtigten gestaltet sich oftmals schwierig

Provenienzforschung im Dialog: Leopold-Hoesch-Museum und Wallraf-Richartz-Museum“, „Klaus Staudt. Horizonte – Hubertus Schoeller Stiftung“, „Hoesch Talents – Die Werkloge“, „Jahresgaben des Museumsvereins Düren 2016“, Ausstellungen im Leopold-Hoesch-Museum, Düren, Hoeschplatz 1.

Damit war Artingers Detektivarbeit allerdings noch längst nicht zu Ende. Wem soll das Werk zurückgegeben werden – oder: Wer ist zu entschädigen? Artinger machte tatsächlich die Urenkelin von Regina Weiss ausfindig, korrespondierte sogar per E-Mail mit ihr – doch: Plötzlich meldete sich die Erbin nicht mehr. Artinger: „Keine Ahnung, wieso nicht.“

Die 177 Rückgabewerke verteilen sich auf vier Fälle, bei denen das Problem, die Erbberechtigten zu ermitteln, ähnlich schwierig ist. 104 Grafiken davon, darunter 14 von Honoré Daumier, werden der Sammlung des Berliner Kommunisten Ernst Fuchs (1870-1940) zugeschrieben. Aus dem französischen Exil heraus gelang es ihm mit Freunden, die von der SA beschlagnahmten Werke freizubekommen.

Doch seine Tochter aus erster Ehe musste sie mit Verlust versteigern lassen. Als erbberechtigt ermittelte Artinger Fuchs’ zweite Ehefrau, die in die USA emigriert ist und sich da allerdings das Leben genommen hat. Jetzt muss der Berliner Kunstdetektiv weiter forschen, mit welchen Erben eine „faire und gerechte Lösung“ zu finden ist.

69 Grafiken aus dem Hoesch-Museum gehörten dem Berliner Bankier Ludwig Ginsberg. Als Jude gehörten er und seine Familie zu den Verfolgten des NS-Regimes. Die Erbin, Ginsbergs Tochter Lotte, wurde nach Riga deportiert und dort ermordet.

Drei Grafiken von Adolph Menzel entstammen der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Gustav Kirstein, einem Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Enteignung. Er und seine Frau Clara nahmen sich nacheinander das Leben.

Und noch in anderer Hinsicht gestaltete sich der ganze Rückgabeprozess nicht eben leicht: Die Stadt Düren musste dem auch noch zustimmen – was mit einem Ratsbeschluss am 22. November geschehen ist.

Verflechtung der Museen zur Nazi-Zeit beleuchtet

Mindestens anderthalb Jahre wird Kai Artinger noch am Leopold-Hoesch-Museum weiterarbeiten – vor allem auch, um zwei bislang ungeklärte Restitutionsanfragen aufzuklären: Bei dem Pastell „Frauen auf der Straße“ von Ernst Ludwig Kirchner und dem „Tierbild“ von Heinrich Campendonk haben Berliner und New Yorker Anwälte beziehungsweise die Erben den Verdacht geäußert, dass es sich um Raubkunst handele.

Die Ausstellung präsentiert 77 der 177 Werke – daneben etliche Bilder, bei denen zum Teil nicht einmal der Künstler ermittelt werden konnte, geschweige denn der Weg, wie die Gemälde überhaupt in das Museum gelangt sind. Und die Schau beleuchtet die innige Verflechtung des Wallraf-Richartz-Museums und des Hoesch-Museums während der NS-Zeit, zum Teil in Personalunion der Mitarbeiter und Direktoren.

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