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J├╝dische Versteigerer im Dilemma - The dilemma of Jewish auctioneers

1970
1945
Neue Zuercher Zeitung 14 January 2017
von Annegret Erhard

Paul Graupe in Berlin und Hugo Helbing in München waren charismatische und innovative Auktionatoren. Der Aufstieg der Nationalsozialisten machte den einen zum Nutzniesser, den anderen zum Opfer.


Nicht alle jüdischen Bürger konnten ihre Kunstschätze auf regulärem Weg veräussern - vieles wurde direkt von den Nazis behändigt. Ein britischer Offizier untersucht solche gestohlenen Kunstgegenstände in einem Keller bei Wewelsburg.

Bald nach der Jahrhundertwende bis in die späten dreissiger Jahre blühte der deutsche Kunsthandel, das Bürgertum pflegte einen aufwendigen, kultivierten Lebensstil. Prestige und Kunstsinn bedingten einander, Qualität galt grundsätzlich als gute Investition. In diesem Klima gediehen namhafte, international beachtete Auktionshäuser. Paul Graupe in Berlin und Hugo Helbing in München, eloquent, charismatisch, innovativ, waren im richtigen Moment am richtigen Platz. Für viele Jahre. Dann wurde es, gelinde gesagt, kompliziert.

Unschätzbare Quelle

Die Münchener Kunsthändlerin Gertrud Rudigier hat dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte 700 Helbing-Kataloge aus den Jahren 1895 bis 1937 gestiftet. Das Katalogkonvolut eignet sich für eine wissenschaftliche Bearbeitung vor allem wegen der originalen handschriftlichen Anmerkungen zu Hammerpreisen, oft auch Bietern und Käufern. Diese schier unschätzbare Quelle zur Erforschung des Kunsthandels lässt viele Rückschlüsse auf damalige Gepflogenheiten zu. Insbesondere die Nachvollziehbarkeit so mancher Transaktion kann hilfreich zur Auffindung verschollener Werke sein. Bereits mit der Aufarbeitung der annotierten Kataloge des Münchner Auktionshauses Weinmüller hat das Zentralinstitut einen wichtigen Schritt in der Untersuchung des Verbleibs von aus jüdischem Besitz entzogener Kunst im «Dritten Reich» machen können.

Ab 1887 versteigerte Helbing, bis 1937 waren es 800 Auktionen. Es gab Kooperationen unter anderem mit Cassirer in Berlin, es gab Gemeinschaftsauktionen mit Häusern in Italien, in der Schweiz, beispielsweise mit Messikommer in Zürich. Ein Marktbeobachter konstatierte damals, dass die Auktionen zu einem Regulator geworden seien, der für die «oft phantastische fluktuierende Preisbildung auf dem Kunstmarkt relativ feste Normen» schaffe. Darüber hinaus sei Helbing ein «bedeutender Faktor des Münchner Kunsthandels geworden». Darauf wird der jüdische Auktionator auch verweisen, als ihm nach langen Jahren erfolgreicher und von den Machthabern wohlwollend betrachteter Versteigerungen die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer (sie war Bedingung für den Geschäftsbetrieb) entzogen werden soll.

Warum ist er geblieben?

Sein guter Ruf hatte viele jüdische Bürger, die ab 1933 gezwungen waren, ihre Sammlung zu veräussern, um die nötigen Mittel («Reichsfluchtsteuer», «Judenvermögensabgabe» usw.) zur Emigration aufzubringen, veranlasst, sich vertrauensvoll an ihn zu wenden. Die jüdische Gemeinschaft in der Stadt hatte Gewicht. Man versuchte, dem Schreckensregime gemeinsam zu trotzen. Und Helbing machte seine Sache gut. Auch nachdem der ehemalige Direktor des Münchener Stadtmuseums Max Heiss als Treuhänder eingesetzt worden war, setzte man weiterhin auf Helbings Kontakte, seine Kennerschaft. Dem Ausschluss folgte in der «Reichspogromnacht» ein brutaler Überfall, an dessen Folgen Hugo Helbing starb.

Der systemgetreue Vater des Kunsthändlers Franz Xaver Scheidwimmer übernahm die Firma. In solchen Zusammenhängen tut sich ein weites Feld auf, das nur mit kooperationsbereiten Nachkommen (unlängst wurde dem Zentralinstitut Archivmaterial der Kunsthandlung Julius Böhler übergeben, die sich eng mit den internationalen Handelsaktivitäten der Nazi-Beauftragten befasste) bearbeitet werden kann.

Warum ist Helbing so lange geblieben, warum ist er nicht, wie Paul Graupe, wie sein Neffe Fritz Nathan, emigriert? Letzterer ging in die Schweiz, gründete eine Galerie, die heute von seinem Enkel Johannes in Zürich und Potsdam weitergeführt wird. Er habe, wie er sagt, erst spät und reichlich kursorisch vom Schicksal Hugo Helbings erfahren.

Das Rätsel ist unlösbar; ein Phänomen, das allerdings viel von Geschäftssinn erzählt, von Vertrauen, schon auch von Selbstüberschätzung in Zeiten unverhohlener Barbarei, und ganz sicher von der Unmöglichkeit, ein Grauen zu imaginieren, das jedes Vorstellungsvermögen übersteigen musste.

Perfides Dilemma

Etwa zur gleichen Zeit wie Helbing versteigerte Paul Graupe in Berlin. Seiner Lebens- und Firmengeschichte widmen sich Patrick Golenia, Kristina Kratz-Kessemeier und Isabelle le Masne de Chermont auf Basis einer komplexen Quellenlage. Nach rasantem Aufstieg als Buch- und Grafik-Auktionator profitierte Graupe in den Jahren der Weltwirtschaftskrise von den Verkäufen in die Bredouille geratener Sammler, nachdem er sich auch auf Kunst und Kunsthandwerk verlegt hatte.

Zu gegebener Zeit ging bei ihm ebenfalls Kunst «aus nichtarischem Besitz» über das Pult. Mit dem Satz «Auch wenn die Versteigerung beim anerkannten jüdischen Auktionator Graupe für viele jüdische Sammler vermutlich noch die beste Alternative darstellte, wurde Graupe durch sein Engagement doch auch immer mehr zum Nutzniesser der wachsenden existenziellen Not und damit implizit zum Akteur des Regimes» wird die Perfidie des Dilemmas in der minuziös erarbeiteten, teilweise arg dem gängigen Wissenschaftsduktus verhafteten Publikation deutlich formuliert.

Auch Graupe blieb nur noch die Emigration – in die Schweiz, nach London und Paris, wo er eine Kunsthandlung gründete, dann nach New York, wo schliesslich Kraft und Glück versiegten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/kunsthandel-waehrend-des-nationalsozialismus-juedische-versteigerer-im-dilemma-ld.139647
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