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Dubiose Erbstücke gesucht - Dubious Heirlooms Wanted

1970
1945
Frankfurter Rundschau 27 April 2018
Von Pitt von Bebenburg

Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ im Historischen Museum erinnert an die Ausplünderung der Juden in der NS-Zeit. Jetzt können Frankfurter die Herkunft von Fundstücken recherchieren lassen.


„Leben, Übelthaten und gerechtes Urtheil des berichtigten Erzschelmen und Diebs Juden Süß Oppenheimers“: ein Buch aus der Bibliothek Artur Lauingers. Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden jüdische Familien von ihren Nachbarn ausgeraubt. Menschen nahmen sich oder ersteigerten für wenig Geld die Dinge, die deportierte, ermordete oder geflüchtete ehemalige Mitbürger zurückgelassen hatten. Wo sind diese Gegenstände heute geblieben?

Das Historische Museum Frankfurt sucht Alltagsgegenstände, die aus ehemals jüdischem Besitz stammen könnten. Etliche Menschen fragen sich schon länger, welche Herkunft der Tisch und die Stühle, das Bild oder das Besteck in ihrer Familie haben – Dinge, über die nur gemunkelt wird.

Wer solche Stücke hat und über ihre Herkunft berichten oder sie recherchieren möchte, ist von der Kuratorin Angela Jannelli herzlich eingeladen, sich zu melden. Die Kontaktdaten stehen am Ende dieses Artikels. Die Frankfurter Rundschau wird berichten, welche bemerkenswerten Funde eingehen und welcher Hintergrund sich in Zusammenarbeit mit Experten des Fritz-Bauer-Instituts herausfinden lässt.

Den Anlass für den Aufruf bildet eine Ausstellung, die im Historischen Museum demnächst zum letzten Mal gezeigt wird – nach 30 Stationen in ganz Hessen seit dem Jahr 2002. Es ist die Wanderausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden 1933–1945“. Sie informiert mit vielen Beispiel aus ganz Hessen darüber, wie Juden vom Jahr 1933 an systematisch ausgeraubt wurden.

Die Finanzämter verwerteten seit 1941 offiziell das Eigentum der deportierten Menschen, das laut der entsprechenden Verordnung „dem Reich verfiel“. Überall versteigerten sie öffentlich das Wohnungsinventar der Juden – Tischdecken und Kinderspielzeug, Geschirr, Lebensmittel und vieles mehr. Die ehemaligen Nachbarn drängten sich, um die Gegenstände billig zu erwerben.

Manche versuchten es auch noch dreister, wie ein Offenbacher Bürger, der sich 1942 mit einer Bitte an das Finanzamt wandte. „Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen“, schrieb er.

In den vergangenen 16 Jahren ist die Ausstellung deutlich angewachsen. Für jeden Ort, an dem sie präsentiert wurde, entstanden neue Vitrinen mit Fundstücken aus der Region. So soll es auch in Frankfurt sein – wo die Ausstellung vor 16 Jahren im Funkhaus des Hessischen Rundfunks gestartet worden war.

Die Ausstellung zeigt Dokumente und Objekte, stellt Biografien von Tätern und Opfern vor – von Opfern wie dem Frankfurter Journalisten Artur Lauinger. Erstmals wird jetzt im Historischen Museum ein wieder aufgetauchtes Buch aus Lauingers Bibliothek präsentiert, die im Jahr 1938 geplündert worden war. Es trägt ausgerechnet den antisemitischen Titel „Leben, Übelthaten und gerechtes Urtheil des berichtigten Erzschelmen und Diebs Juden Süß Oppenheimers“.

Artur Lauinger, 1879 geboren, überlebte das Dritte Reich. Er starb 1961, allerdings ohne Wiedergutmachung für die geraubten Wertgegenstände erhalten zu haben. Nur unter der Bedingung, das „Reich“ auf schnellstem Weg zu verlassen, war Lauinger 1939 aus dem Konzentrationslager Buchenwald freigekommen, in das er während der Novemberpogrome 1938 gebracht worden war.

Er verließ Deutschland im Sommer 1939 mit fünf Mark in der Tasche. Das Familiensilber und den Schmuck seiner Frau hatte er zu einem Bruchteil des Wertes unter Zwang verkaufen und seine Ersparnisse für die Bezahlung zahlreicher Sonderabgaben und Steuern verwenden müssen, wie die Ausstellungsmacher berichten.

Seine Bibliothek war 1938 geplündert worden. Lauingers spätere Ehefrau Elisabeth von Kayser schilderte, dass zwei Lastwagen vor der Wohnung in der Frankfurter Niedenau vorgefahren seien: „Auf dem einen Lkw befanden sich leere Säcke, auf dem anderen standen SA-Leute und einige Zivilisten. Dieselben begaben sich in die Wohnung meines Mannes, um die ‚Tragbarkeit‘ seiner Bibliothek festzustellen. Die Zivilisten musterten die in den Regalen befindlichen Bücher und bezeichneten sämtliche Luxusausgaben mit Lederrücken als nicht tragbar. In der Zwischenzeit hatten die SA-Leute die leeren Säcke geholt und verpackten die sämtlichen als nicht tragbar bezeichneten geplünderten Werke, über 300 Stück, in die Säcke. Es waren dies mindestens 10 Prozent der aus über 3000 Bänden bestehenden Bibliothek meines Mannes. Als Entschädigung erhielt er durchschnittlich Reichsmark 0,50 per Band, also rund 150 Reichsmark.“

In der Nachkriegszeit kämpfte Artur Lauinger um Wiedergutmachung und Entschädigung. Die Behörden hielten ihm entgegen, „der Tatbestand der Plünderung“ sei „auf keinen Fall gegeben, da laut Einlassung des Antragstellers die von der SA abgeholten Bücher später über Holland nach Amerika zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurden und außerdem bei der Übernahme derselben ein kleines Entgelt gezahlt wurde“. Die Entschädigung wurde abgelehnt. Eines der Bücher jedoch tauchte nun durch Zufall wieder auf. In das „Oppenheimer“-Buch hatte Artur Lauinger seinen Namen geschrieben. Ein jüdischer Sammler aus Frankfurt erwarb es in Jerusalem, ohne den Hintergrund zu kennen. Er stellt es dem Jüdischen Museum in Frankfurt zur Verfügung, das Rat bei den Experten der Ausstellung „Legalisierter Raub“ suchte. Dort ist es ab dem 17. Mai zu sehen.

Wer Fundstücke hat und über ihre Herkunft recherchieren möchte, kann sich an Kuratorin Angela Jannelli im Historischen Museum wenden. Mail: stadtlabor.historisches-museum@stadt-frankfurt.de; Telefon: 069 /21233814; Adresse: Angela Jannelli, Historisches Museum Frankfurt, Saalhof 1 (Römerberg)


Die Ausstellung

Der Auslöser

Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau löste die hessischen Recherchen über die Bereicherung der Deutschen am Eigentum ihrer einstigen jüdischen Nachbarn im Nationalsozialismus aus.  Karl Starzacher (SPD), der damalige Finanzminister, hatte die Beiträge der FR-Korrespondentin Ingrid Müller-Münch gelesen, die im Oktober 1998 unter dem Titel „Nachbarn profitierten vom Mord“ und „Die Schnäppchenjagd auf jüdisches Porzellan“ erschienen.

Auswertung

Historiker Wolfgang Dreßen hatte seinerzeit die Akten der Oberfinanzdirektion Köln ausgewertet. In der Ausstellung „Deutsche verwerten jüdische Nachbarn“ zeigte er die Ergebnisse, über die die FR berichtete.

Recherche


Finanzminister Starzacher ließ die Finanzbehörden daraufhin in Hessen recherchieren. Sie wurden fündig. Nur zwei Monate nach dem FR-Artikel, am 23. Dezember 1998, übergab Starzacher vier Aktenkonvolute der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung an Ignaz Bubis, den damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, sowie an den Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann, und an Hanno Loewy, der das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt leitete.

„Legalisierter Raub“

Die Finanzminister Karlheinz Weimar und Thomas Schäfer (beide CDU) verfolgten das Thema weiter. So entstand die Ausstellung „Legalisierter Raub“ mit Unterstützung der hessischen Finanzbehörden. Die Frankfurter Ausstellungen stehen unter Schäfers Schirmherrschaft. Sie werden vom Frankfurter Kulturamt gefördert.

Das Programm

„Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in  Hessen 1933–1945“ heißt der Titel der Ausstellung, die demnächst – nach  16 Jahren – nach Frankfurt zurückkehrt. Sie wird vom 17. Mai bis zum 14. Oktober im Historischen Museum gezeigt.

Vier Museen nehmen das Projekt zum Anlass, nach den Spuren des „Legalisierten Raubs“ in ihren Sammlungen zu suchen. Auch daraus sind Ausstellungen entstanden.

Im Historischen Museum lautet der Titel „Geerbt. Gekauft. Geraubt? Alltagsdinge und ihre NS-Vergangenheit“. Sie läuft wie „Legalisierter Raub“ vom 17. Mai bis zum 14. Oktober.

Museum Judengasse: „Geraubt. Zerstört. Zerstreut. Zur Geschichte von jüdischen Dingen in Frankfurt.“ 17. Mai bis 14. Oktober.

Museum Angewandte Kunst: „Geraubt. Gesammelt. Getäuscht. Die Sammlung Pinkus/Ehrlich und das Museum Angewandte Kunst“. 7. Juni bis 14. Oktober.

Weltkulturen-Museum: „Gesammelt, gekauft, geraubt? Fallbeispiele aus kolonialem und nationalsozialistischem Kontext.“ 16. August bis 19. Januar 2019.

Eine Reihe von Veranstaltungen begleitet die Ausstellungen. So wird am Mittwoch, 20. Juni, im Historischen Museum das Buch „Ausgeplündert und verwaltet. Geschichten vom legalisierten Raub an Juden in Hessen“ vorgestellt. Beginn der Veranstaltung ist um 18.30 Uhr.

http://www.fr.de/frankfurt/raubkunst-in-frankfurt-dubiose-erbstuecke-gesucht-a-1494963
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