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Spezifisch deutsche Ignoranz - Specifically German Ignorance

1970
1945
Sueddeutsche Zeitung 20 September 2019
Von Catrin Lorch

Schwingende Konturen, Kupferstiche unter dickem Lack: Der Sekretär der Familie Bernheimer steht heute im Bayerischen Nationalmuseum

  • Ein Enkel von Otto Bernheimer muss sich seit Monaten mit bayerischen Behörden und Museen um die Rückgabe von Raubkunst streiten.
  • Erben von NS-Opfern oder internationale Wissenschaftler kritisieren immer wieder bayerische Museen wie die Staatsgemäldesammlungen wegen mangelnder Aufarbeitung oder ausstehender Restitutionen.
  • Im konkreten Fall geht es um einen Sekretär, dessen immer noch ausstehende Rückgabe sich für München zu einem der peinlichsten Fälle der vergangenen Jahre entwickeln könnte.

Deutsche Museen und Kulturpolitiker betonen häufig, welchen hohen Stellenwert die Provenienzforschung und die Rückgabe von Raubkunst haben, und doch gibt es immer wieder Fälle, die ein völlig anderes Bild zeichnen. In Bayern steht jetzt eine der prominentesten Familien des deutschen Kunsthandels im Mittelpunkt eines heraufziehenden Skandals: die Nachfahren von Otto Bernheimer.

Der Name hat vor allem in München einen besonderen Klang. Denn die Bernheimers handelten dort seit mehr als 150 Jahre mit Antiquitäten, Möbeln, Tapisserien, Skulpturen und Gemälden. Sie sind seit Generationen den Museen und Sammlungen der Stadt verbunden. Und vor allem in der Nachkriegszeit schmückte sich die Münchner Kulturszene mit Otto Bernheimer, der als Jude während der NS-Zeit mit seiner Familie nach Venezuela emigriert war und schon in den Vierzigerjahren in der Bundesrepublik seinen Kunsthandel wieder aufbaute. Ein Spiegel-Titelbild zeigte sein Porträt mit der Zeile "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Ausgerechnet sein Enkel muss nun mit bayerischen Behörden und Museen um die Rückgabe von Raubkunst streiten.

Mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes kritisieren Erben der Opfer oder internationale Wissenschaftler immer wieder vor allem bayerische Museen wie die Staatsgemäldesammlungen wegen mangelnder Aufarbeitung oder ausstehender Restitutionen. Ausgerechnet in Bayern, wo besonders viel Raubkunst nach dem Krieg von den "Monuments Men" der Alliierten aufgefunden und gelagert wurde, verzögern sich selbst offensichtliche Restitutionsfälle, weil die Provenienzforscher langsam arbeiten. Von den mehr als 1000 verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen.

Konrad Bernheimer sah den Sekretär erstmals, als dieser zerlegt in der Restauratoren-Werkstatt stand

Umso bedenklicher, dass ausgerechnet das Bayerische Nationalmuseum vor wenigen Monaten Raubkunst für die Sammlung angekauft hat, ohne die Herkunft einer Antiquität angemessen zu prüfen. Zudem sind die mit der Klärung des Falls beauftragten Provenienzforscher in den Staatsgemäldesammlungen nicht eben schnell in der Aufarbeitung - obwohl die Erben die Nachfahren des berühmten Otto Bernheimer sind.

Der Streit ist um ein Möbelstück entbrannt, einen Sekretär. Es ist ein schönes Objekt mit geschwungenen Konturen, das Holz beklebt mit Kupferstichen, die unter einer dicken Lackierung leuchten. Als Bernheimers Enkel Konrad ihn im vergangenen Jahr das erste Mal sehen konnte, stand der Sekretär zerlegt in der Werkstatt der Restauratoren im Bayerischen Nationalmuseum. Konrad Bernheimer hat Erfahrung mit solchen Stücken. Obwohl der Münchner Händler für Altmeister seit einigen Jahren im Ruhestand ist, gehört er immer noch zum Freundeskreis und Kuratorium des Museums.

Doch an diesem Tag ging es nicht darum, Expertise einzuholen. Alfred Grimm, der Beauftragte für Provenienzforschung, konfrontierte Bernheimer mit einer unangenehmen Eröffnung. Möglicherweise stamme die Antiquität aus der Sammlung seines Großvaters. Als Konrad Bernheimer nachfragte - "Und, wie ist das jetzt mit der Beweislage?" - endete die kollegiale Stimmung, erinnert sich Bernheimer: "Alfred Grimm sagte, während er mit dem ausgestreckten Finger auf mich deutete: 'Die Beweislast liegt bei Ihnen.'"

An diesem Tag im Herbst des vergangenen Jahres beginnt, was sich für München zu einem der peinlichsten Fälle der vergangenen Jahre entwickeln könnte: Die zähe Auseinandersetzung zwischen Konrad Bernheimer und - ausgerechnet - dem Museum, dem sich die Kunsthändler-Familie seit Generationen zutiefst verbunden fühlt. Bis heute hat sie den Schrank nicht zurückerhalten.

Die Bernheimers flohen vor den Nazis im April 1939 - erst nach London, dann nach Venezuela

Und nicht nur das aus der Sicht von Konrad Bernheimer und seinem Anwalt Louis-Gabriel Rönsberg zögerliche Verhalten des Museums ist fragwürdig. Es gibt bis heute keine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass das Museum eine so teure Antiquität ankauft, ohne die Herkunft mit der angemessenen Sorgfalt zu prüfen. Immerhin zahlte man 100 000 Euro, die aus Drittmitteln von der damaligen Direktorin Renate Eickelmann für ihren letzten großen Ankauf eingeworben wurden. Der von Bernheimer nach der unrühmlichen Szene in Auftrag gegebene und von ihm bezahlte Forschungsbericht habe die Herkunft und den im Zuge der Arisierung und Enteignung des Kunsthändlers erfolgten Raub jedenfalls innerhalb von drei Tagen lückenlos darlegen können, sagt Konrad Bernheimer. Schließlich sei der Schrank im Standardwerk "Deutsche Möbel des Barock & Rokoko" ganzseitig abgebildet. Unter dem Schwarz-Weiß-Foto steht unübersehbar "Sammlung Otto Bernheimer, München".

Der Prüfungsbericht, datiert auf den 22. Januar 2019, kommt zu dem Ergebnis, dass der Schreibsekretär mit dem "Standort Bayerisches Nationalmuseum, Inventarnummer 2018/16" aus dem Privatbesitz von Otto Bernheimer stamme und diesem "noch vor der Emigration" der Familie "unrechtmäßig entzogen" wurde. Die Bernheimers wanderten im April 1939 von München über London nach Rubio in Venezuela aus.

Zusammen mit dem Geschäftsinventar sei das Möbelstück dann im November des gleichen Jahres vom Verein der "Kameradschaft der Künstler e. V." arisiert worden. Der Verein verkaufte ihn noch während des Krieges an den Chemiefabrikanten und Sammler von Lackkunst Kurt Herberts aus Wuppertal. Fazit: Zweifelsfrei ein Fall für die Restitution, der sich deutsche Museen mit dem Washingtoner Abkommen verpflichtet haben.

Frank Matthias Kammel folgte im vergangenen Jahr Renate Eickelmann auf dem Posten des Direktors des Bayerischen Nationalmuseums nach, und wenn man ihn auf den Fall anspricht, gibt er zu: "Ich hätte sicher das Prüfverfahren intensiver gemacht." Doch wiegelt er auch ab: "Durch unsere Recherchen hat sich aber erst herausgestellt, dass der Kunsthändler meiner Vorgängerin nicht gesagt hat, was Realität ist." Kammel kann nicht nachvollziehen, wieso sich die Erben von seinem Haus hingehalten fühlen. "Wir haben Herrn Bernheimer proaktiv informiert", sagt er, "aber als Vertreter einer Behörde muss ich niet- und nagelfest prüfen. Es gibt viele Archivrecherchen, da muss man Anträge stellen. Wer Provenienzforschung kennt, weiß, wie lange solche Dinge dauern. Das waren anstrengende Monate."

Schaut man allerdings in den Briefwechsel zwischen dem Anwalt und den zuständigen Provenienzforschern in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, dann ist die Ungeduld der Familie gut nachzuvollziehen. In der Vergangenheit erhielten die Bernheimers in vergleichbaren Fällen Musikinstrumente aus dem Stadtmuseum oder einen Gobelin, der in der Max-Planck-Gesellschaft hing, zügig zurück.

Anfang März schon wiesen die Forscher darauf hin, dass "zur Klärung des Sachverhaltes weitere Archivrecherchen erforderlich" seien. "Wir hoffen, diese in den nächsten Monaten abschließen zu können." Drei Monate später schienen sie noch kaum Fortschritte gemacht zu haben. Am 3. Juni informieren sie den auf Rückgabe drängenden Anwalt lediglich über weitere "aktuell laufende" und noch ausstehende Anfragen. Die Nachricht endet - wie auch andere Schreiben - mit der Formulierung "Sehr gerne halte ich Sie über die weitere Forschung auf dem Laufenden".

Die Familie Bernheimer ist an der Rückgabe ihres Möbels interessiert und nicht an ausgreifenden und in Bezug auf die Eigentumsfrage irrelevanten wissenschaftlichen Forschungen.

Kurt Bernheimer kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, aber er ertrug die Erinnerungen an das KZ Dachau nicht

Dennoch wird sie im Juli mit weiteren Vorbehalten konfrontiert. Warum habe Otto Bernheimer, als er nach dem Krieg nach München zurückkehrte, den Wiedergutmachungsbehörden mitteilen lassen, dass er seinen Antrag auf Rückgabe des Sekretärs nicht weiterverfolge? Noch einmal muss der Anwalt die tragische Familiengeschichte der Bernheimers ausführen: "In Anbetracht des hohen Arbeitsaufkommens beim Wiederaufbau der Firma Bernheimer im immer noch weitgehend zerstörten München sowie wegen seines fortgeschrittenen Alters von 71 Jahren bemühte sich Otto Bernheimer in diesen Jahren zudem um den Nachzug von Familienangehörigen als Unterstützung. Bis auf seinen Sohn Kurt weigerten sich jedoch alle infrage Kommenden, Deutschland zu betreten. Kurt Bernheimer willigte zwar ein, erlitt bei seiner Ankunft in München 1948 jedoch aufgrund seiner Erinnerungen an die Erlebnisse im Konzentrationslager Dachau und in den Kellern der Gestapo im Wittelsbacher Palais einen posttraumatischen Zusammenbruch und musste das Land wieder verlassen. Unmittelbar vor einem erneuten Versuch, nach Deutschland zu reisen und die Geschäftsnachfolge anzutreten, nahm sich Kurt Bernheimer 1954 in Venezuela das Leben."

Das Fazit des Anwalts ist beschämend: Otto Bernheimer habe "die zerstörte Vaterstadt München zusammen mit seinen Mitbürgern wieder aufbauen" wollen. Daraus "einen bewussten Verzicht oder eine Verwirkung ableiten zu wollen, wäre schlicht grob unlauter".

Bernheimer hatte sich übrigens vor den Nazis nur retten können, weil er einer Verwandten von Göring eine heruntergewirtschaftete Kaffeeplantage in Venezuela abgekauft hatte. Nach seiner Rückkehr nach München bereicherten und prägten seine Verbindungen und sein versiertes Auftreten den wieder aufblühenden Kunstmarkt. Das kulturelle Leben der jungen Bundesrepublik wäre ärmer gewesen ohne das Engagement dieser weltläufigen Familie. Die aktuelle "Prüfung" der Motive seines Großvaters hat die Nachfahren jetzt zutiefst verletzt, Konrad Bernheimer empfindet sie als "Schlag unter die Gürtellinie".

Was man im inzwischen auf viele Seiten angewachsenen Briefwechsel zwischen dem Museum, den zuständigen Provenienzforschern der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und dem Anwalt der Familie dagegen vermisst, ist der Ausdruck des Bedauerns oder gar eine Entschuldigung.

Der Direktor des Nationalmuseums sagt, erst müsse der Fall geprüft werden, dann könne man über eine Entschuldigung reden

Immerhin gibt sich das Museum auf seiner Website verantwortungsbewusst und publiziert den Tätigkeitsbericht des Forschungsverbundes Provenienzforschung. Im Vorwort schreibt Alfred Grimm: "Erklärtes Ziel dieser von verpflichtender Verantwortung gegenüber dem Unrecht des NS-Terrorregimes geprägten Bemühungen ist es, durch die Ermöglichung von Restitutionen geschehenes Unrecht rückgängig zu machen."

Doch Direktor Kammel ist im Gespräch zögerlich: erst die Prüfung, dann die Entschuldigung. "Ich kann mich nur für etwas entschuldigen, das tatsächlich nicht richtig war", sagt er. Dabei wäre womöglich Krisenmanagement angesagt. Denn das Museum hat das Möbel bei einem Händler gekauft, der nicht eben professionell wirkte. Verkäufer Daniel Becht, der nach eigener Aussage "als gelernter Schreiner" in Bamberg ein Antiquitätengeschäft eröffnete, führte vorher einen Fahrrad-Zustellbetrieb und gehörte nicht einmal dem "Kunsthändlerverband Deutschland" an. Dessen Mitglieder haben sich in einem Kodex zur Sorgfalt, vor allem in Sachen Raubkunst, verpflichtet. Becht heute aufzuspüren ist nicht einfach, im Internet ist seine aktuelle Firmenanschrift kaum zu finden, am Telefon sagt er: "Ich möchte mich zu dem Fall nicht äußern." Wird man den inzwischen in einer bayerischen Kleinstadt lebenden Becht überhaupt in Haftung nehmen können für den Schaden?

Konrad Bernheimer lässt seine Ämter im Freundeskreis und dem Kuratorium des Bayerischen Nationalmuseums inzwischen ruhen. Er hätte es vorgezogen, die Angelegenheit anders - großzügig und im Stillen - zu lösen: "Ich bin dem Museum wohlgesonnen, wäre das anders gelaufen, hätte ich vielleicht auch gesagt, dass ich gerne das meinige dazu tue, damit es ein schönes Möbel bekommt." Dass ausgerechnet der so loyale Münchner, der prominente und international vernetzte Konrad Bernheimer zum Fazit kommt, dass sein Fall womöglich strukturell ist, ist kein Ruhmesblatt für den deutschen, vor allem für den bayerischen Umgang mit Raubkunst. Bernheimer bitter: "Diese Museen tun nur so, als ob sie ihre Bestände lückenlos erforschen. Und wenn etwas restituiert wird, sind es oft nur ganz nebensächliche Stücke, die keinen großen Wert haben - wie die jüngst restituierten Silbersachen. Es fehlt am echten Willen zur Aufklärung."

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