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Die Kunstsch├Ątze der Nazi-Elite

1970
1945
Deutschlandfunk 9 April 2021
Von Stefan Koldehoff

Die NS-Elite sammelte zwischen 1933 und 1945 massenweise Kunst, die sie bei ihren Enteignungen zusammentrug. Was mit diesen Kunstwerken nach 1945 geschah – darüber wurde bislang wenig geforscht. Die neue Studie des Historikers Johannes Gramlich leistet für diese Frage Pionierarbeit.


Die Alliierten übergaben nach 1945 Exponate aus NS-Besitz an den Freistaat Bayern – ein Teil davon ging in die Museen

Bilder, Plastiken und Mobiliar diente der Nazi-Elite als Mittel zur Repräsentation von Herrschaft und Macht. Man wollte – vor allem in den Führungsschichten – weg vom Image der ungebildeten Proleten – und gleichzeitig die Bedeutung des Deutschen Reiches nach außen demonstrieren. Deshalb hatte Hitler für Linz an der Donau ein Museum entworfen, das noch größer werden sollte als der Louvre, die Uffizien, der Prado. Auch um dafür Bilder zu bekommen, waren die Nationalsozialisten buchstäblich bereit über Leichen zu gehen: Vor allem jüdische Kunstsammler*innen wurden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager systematisch beraubt, erpresst und ausgeplündert. Ihr Besitz fand häufig in die Privatsammlungen von Göring, Schirach und Goebbels – oder wurde für das Riesenmuseum eingelagert, das Hitler persönlich für Linz an der Donau entworfen hatte. Über den NS-Kunstraub wurde in den vergangenen Jahren viel geforscht und publiziert.

Kontinuität nach 1945

Was aber passierte nach Kriegsende mit den Kunstschätzen in Besitz der NS-Führungsclique? Der Kunsthistoriker Johannes Gramlich füllt nun diese Forschungslücke – am Beispiel von München. Die bayerische Hauptstadt war vor 1945 so etwas wie die Kunsthauptstadt der Bewegung: Hier wurde die NSDAP gegründet. Es gab viele Partei- und Staatsgebäude. Ab 1937 fanden im „Haus der deutschen Kunst“ jährlich die „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ statt. Und hier lebten – auch wegen der Nähe zu Hitlers Hauptquartier am Obersalzberg – viele reiche Parteifunktionäre und viele Kunsthändler.

Nach Kriegsende hatte sich daran nicht viel geändert: Prominente Kunsthändlerinnen und Kunsthändler wie Karl Haberstock, Julius Böhler, Maria Almas-Dietrich, Bruno Lohse, Adolf Weinmüller, Gustav Rochlitz hatten vorher schon Geschäfte mit den Nazis gemacht hatten. 1945 konnten sie in München ziemlich unbehelligt weiterarbeiten – und wurden auch kaum gefragt, woher ihre Bilder denn kamen. Ihre Kundinnen und Kunden gab es auch nach wie vor: Görings Witwe Emmy lebte in München, seine Tochter Edda noch bis vor wenigen Jahren – beide umgeben von einem Kreis von treuen Unterstützern.

Kein Interesse an Herkunft vor 1933

Vor allem aber hatten die Amerikaner bei Kriegsende im Central Collecting Point im ehemaligen NSDAP-Verwaltungsgebäude am Königsplatz Tausende von Kunstwerken zusammengetragen. Die stammten aus Auslagerungsorten der Nazis wie Schloss Neuschwanstein, vor allem aber aus den Salzminen in Altaussee, wo Teile der Bestände fürs geplante Supermuseum in Linz eingelagert worden waren. Das meiste davon wurde an die ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer oder an die Herkunftsländer restituiert. Am Beispiel von Henriette von Schirach belegt Gramlich eindrucksvoll, dass auch die ziemlich schnell entnazifizierten Familien von NS-Größen in Bayern erfolgreich Ansprüche anmelden konnten.

Über 3.000 Objekte und Kunstwerke übergaben die Alliierten schließlich an den Freistaat Bayern. Fast 900 davon gingen in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen über. Nach den Besitzverhältnissen vor und ab 1933 wurde, so Gramlich, nicht groß gefragt. Im Gegenteil: Was die Museen nicht gebrauchen konnten, wurde Mitte der 1960er-Jahre über Auktionshäuser versteigert, die schon mit den Nazis gute Geschäfte gemacht hatten. Der Erlös diente zum Ankauf eines Gemäldes von Georges Braque.

Wichtige Aufarbeitung des NS-Kunstraubs

Erst als sich die Bundesrepublik 1998 in der „Washingtoner Erklärung“ zur Suche nach NS-Raubkunst in ihren öffentlichen Museen verpflichtete, kam wieder Bewegung in die Angelegenheit. Aus den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurden seither allerdings gerade einmal 20 Werke restituiert – demnächst sollen weitere folgen. Außerdem wurden 400 Werke aus dem NS-Bestand in der Datenbank „lostart.de“ als verdächtig gemeldet.

Johannes Gramlichs Buch ist deshalb nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung des NS-Kunstraubs, der bislang dringend gefehlt hat. Es ist zugleich auch eine Aufforderung an andere Museen, Städte und Bundesländer, das Thema ebenfalls anzugehen. Und ein weiterer Beleg dafür, dass es den nach wie vor von verschiedener Seite geforderten Schlussstrich nicht geben wird.

Johannes Gramlich: „Begehrt, beschwiegen, belastend.
Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.“
Böhlau Verlag, Wien Köln Weimar
352 Seiten, 35.- Euro


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