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Preise als Spielball des Handels - Price as the plaything of the art trade

1998
1970
1945
Handeslblatt 13 May 2021
By Dr Christiane Frick

(English translation below)

Das Kriterium, ob zwangsverkaufte Kunst einen angemessenen Marktpreis erzielte, hat ausgedient. Wichtiger ist, ob der Verkauf unter Druck erfolgte.


Umkreis Lucas Cranach d. Ä.
Das „Bildnis einer Dame“ ist heute ausgestellt in der Fränkischen Galerie in Kronach

Düsseldorf: Wer Kulturgut den Erben jüdischer Sammler zurückgeben soll, kommt um die Klärung einer Frage nicht herum: Handelt es sich um einen verfolgungsbedingten Vermögensverlust?

Für jeden Verkauf nach 1933 durch ein Opfer der NS-Diktatur wird vermutet, dass er verfolgungsbedingt zu Stande kam. Diese Vermutung kann bislang durch den Nachweis widerlegt werden, dass das Gemälde, das Silber oder das Porzellan einen angemessenen Kaufpreis erzielt hat; und dass der Verkäufer frei darüber verfügen konnte.

Die sogenannte „Handreichung“ der Bundesregierung, die Museen und öffentlichen Einrichtungen in diesen Fragen weiterhelfen soll, ist dabei wenig hilfreich. Denn der von ihr herangezogene Maßstab, der „objektive Verkehrswert“ oder der „Marktpreis“ lässt sich mangels ausreichender Daten kaum ermitteln. Das war das Ergebnis eines kürzlich veranstalteten Kolloquiums zum Kriterium „Marktpreis“ in der NS-Zeit am Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI).

Was aber ist der objektive Verkehrswert? Wann können Preise als angemessen bewertet werden?

Aus den Daten der letzten 45 Jahre, die Datenbanken wie Artnet oder Artprice bei Versteigerern gesammelt haben, lassen sich – mit Einschränkungen – zwar immerhin heutige Auktionsmarktpreise errechnen. Doch wie steht es um die preisliche Beurteilung der Transaktionen im Nationalsozialismus?

„Ist ein Preis jener, den ein Händler einem Sammler zahlt, der emigrieren muss? Oder jener, den ein Händler erhält, wenn er das Objekt einem anderen Händler verkauft? Oder müssen wir als ‚Marktpreis‘ jenen Betrag ansetzen, den ein Sammler oder ein Museum einem Händler bezahlt“, fragte jüngst Christian Fuhrmeister, Professor am ZI. Welcher Besitzwechsel ist maßgeblich, wenn alle in enger zeitlicher Abfolge stattfinden?

Basis für Grundlagenforschung am ZI

Die historische Karteikarte der Kunsthandlung Böhler dokumentiert den Ankauf des damals mit Gutachten Lucas Cranach zugeschriebenen Damenporträts.

Die 30.000 Karteikarten der Kunsthandlung Julius Böhler gehören – wie die kürzlich dem ZI zur Verfügung gestellten annotierten Auktionskataloge des Münchener Versteigerers Helbing – zu den wenigen Quellen, die befragt werden können.

Die Provenienzforscherin Birgit Jooss hat sie ausgewertet und festgestellt, dass Böhler unter Druck geratenen Verfolgten des NS-Regimes einen wesentlich geringeren Preis zahlte, als er später für die Werke verlangte. Zugleich wusste er hohe Gewinne herauszuholen, wenn er an zahlungskräftige Käufer herantrat.

Böhler etwa soll Fritz Thyssen „wie eine Weihnachtsgans“ ausgenommen haben. Beispielsweise mit einer für 800 Reichsmark im Kunsthandel erworbenen Skulptur des Hl. Georg aus dem 14. Jahrhundert. Die wusste er ein knappes Jahr später zum 25-Fachen des Preises, für 20.000 Reichsmark weiter zu verkaufen.

Fast den zehnfachen Preis erzielte Böhler mit dem Verkauf eines Damenporträts, das heute dem Umkreis Lucas Cranachs d. Ä. zugeschrieben wird. 56.000 Reichsmark musste Thyssen dafür im Mai 1936 auf den Tisch legen. Erworben hatte es Böhler im Monat zuvor für 5750 Reichsmark bei einem Kollegen. „Ist der Marktpreis die Summe, die Böhler zahlte, oder jener Betrag, den er erzielte, oder liegt er irgendwo in der Mitte?“, fragt Jooss.


Aus den Geschäftsunterlagen der Kunsthandlung Böhler

56.000 Reichsmark musste Fritz Thyssen im Mai 1936 für das Damenporträt bezahlen

Nicht nur die Ausnutzung der Kaufkraft vermögender Kunden, auch der mit 150 Millionen Reichsmark ausgestattete „Sonderauftrag Linz“, sorgte für horrende Preissteigerungen. Er trat 1938 auf den Plan, um eine Sammlung für das geplante Führermuseum in Linz aufzubauen. Auch geschicktes Hin- und Herschieben von Kommissionsware konnte sich auszahlen.

Das zeigt die Provenienzforscherin Lena Lang am Beispiel zweier Lucas Cranach d.Ä. zugeschriebener Altartafeln. Von Böhler 1918 für 40.000 Mark erworben, standen der Hl. Martin und die Hl. Ursula nach Abschreibung und ein Jahr später nur noch mit 10.000 Mark in den Büchern, bevor sie für 28.000 Mark an die Schwesterfirma, die Kunsthandel AG in Luzern, verkauft wurde.


Lucas Cranach d.Ä. zugeschriebene Altartafeln

Extreme Wertschwankungen können innerhalb kurzer Zeitspannen durch Abschreibung, Verkauf, In-Kommission-Nehmen und getrenntem Wiederverkauf entstehen. Die auf der Karteikarte dokumentierten Tafeln befinden sich heute im Stiftsmuseum Aschaffenburg.

Die Luzerner AG gab sie umgehend zurück in Kommission bei Böhler, wo die beiden Tafeln separat erfasst und im Dezember 1919 für 70.000 Mark jeweils an den Kunstsammler Marcell von Nemes verkauft wurden. Böhler erhielt einen Kommissionsanteil von 12.600 Mark, die restlichen 113.400 Mark gingen an die Kunsthandel AG Luzern. „Was also waren die Gemälde tatsächlich wert“, fragt Lang.

Finanzielle Werte sind manipulierbar und das Ergebnis gezielter Markteingriffe. Auch Verfolgung und Vertreibung griffen in den Markt ein. Zu viel Ware musste zurückgelassen oder abgestoßen werden. Auktionspreise fielen auch deshalb niedrig aus, weil jüdische Sammler als Käufer nicht mehr auftreten konnten.

Bisweilen ließ sich angesagte Kunst noch teuer verkaufen. Doch für das Gros der Offerten verfielen die Preise. So erhielt der Düsseldorfer Galerist Max Stern, der 1937 gezwungen worden war, seinen Warenbestand durch Auktion aufzulösen, später vom Land NRW eine Entschädigung wegen sogenannter Verschleuderungsverluste. Der Verkauf der Bilder zu einem frei gewählten Zeitpunkt hätte Stern mutmaßlich einen höheren Erlös eingebracht, wäre er nicht zur Einlieferung gezwungen worden.

Orientierungshilfe für Restitutionsentscheidungen

„Sollte man das Kriterium ‚marktüblicher Preis‘ am besten gar nicht mehr für die Bewertung im Kontext NS verfolgungsbedingt entzogener Kunst hinzuziehen“, fragt die Leipziger Provenienzforscherin Birgit Brunk.

„Wir brauchen den angemessenen Kaufpreis für die Vermutungsregelung und deren Widerlegung“, hält die Berliner Verwaltungsjuristin Liane Rybczyk dagegen. Sie gehe auf das alliierte und bundesdeutsche Rückerstattungs- und Wiedergutmachungsrecht zurück. Dabei wird jeder Verkauf nach 1933 mutmaßlich als verfolgungsbedingt gewertet, was aber auch widerlegt werden kann. „Dazu sehe ich keine Alternative“, ergänzt Rybczyk. Es bedürfe aber der Diskussion, was ein angemessener Kaufpreis ist.

„Warum haben wir das nicht viel früher diskutiert“, wirft die Geschäftsführerin des Münchener Auktionshauses Neumeister, Katrin Stoll, auf Nachfrage des Handelsblatts ein. Sie plädiert dafür, eine große, heterogen besetzte Arbeitsgruppe zu gründen. Neben Kunsthistorikern sollten ihr auch Wirtschaftshistoriker, Erbenvertreter und Juristen angehören.


Skulptur des Hl. Georg aus dem 14. Jahrhundert

Die Figur wurde zum 25-Fachen des Ankaufspreises weiterverkauft.

Die am ZI wirkenden Provenienzforscher Christian Fuhrmeister, Stephan Klingen und Birgit Jooss halten den Marktpreis als verbindlich zu prüfendes Kriterium „wegen der damit verbundenen riesigen Schwierigkeiten für entbehrlich“. „Wichtiger und relevanter erscheint der Umstand, ob der Verkauf unter Druck erfolgte“, erläutert das Trio auf Nachfragen des Handelsblatts.

Der Kontext einer Transaktion sei bedeutsamer als die exakte Summe oder die Frage der ‚Angemessenheit‘. „Man könnte auch schlicht sagen: gut gemeint, aber zu kurz gesprungen“, ergänzen die ZI-Forscher. „Das Gesamtbild ist relevant, nicht so ein Unter- oder Nebenaspekt wie der Erlös.“

English translation

The criterion of whether art sold under duress achieved a fair market price has had its day. What is more important is whether the sale took place under pressure.

Anyone who is supposed to return cultural property to the heirs of Jewish collectors cannot avoid clarifying one question: Is this a loss of assets due to persecution?

Every sale after 1933 by a victim of the Nazi dictatorship is presumed to have been caused by persecution. So far, this presumption can be refuted by proving that the painting, silver or porcelain fetched an appropriate purchase price; and that the seller was able to dispose of it freely.

The so-called "Handreichung" of the Federal Government, which is supposed to help museums and public institutions in these questions, is of little help here. For the yardstick it uses, the "objective market value" or the "market price", can hardly be determined for lack of sufficient data. This was the result of a recent colloquium on the criterion of "market price" in the Nazi era at the Munich Central Institute for Art History (ZI).

But what is objective market value? When can prices be assessed as appropriate?

From the data collected from auctioneers over the last 45 years by databases such as Artnet or Artprice, it is possible - with some limitations - to calculate today's auction market prices. But what about the price assessment of transactions under National Socialism?

"Is a market price what a dealer pays a collector who has to emigrate? Or that which a dealer receives when he sells the object to another dealer? Or do we have to take as a 'market price' the amount that a collector or a museum pays a dealer?" recently asked Christian Fuhrmeister, professor at the ZI. Which change of ownership is decisive if they all take place in close chronological succession?

The historical index card of the art dealer Böhler documents the purchase of the portrait of a lady attributed to Lucas Cranach with expert opinions at the time.

The 30,000 index cards of the art dealer Julius Böhler - like the annotated auction catalogues of the Munich auctioneer Helbing recently made available to the ZI - are among the few sources that can be consulted.

Provenance researcher Birgit Jooss has analysed them and established that Böhler paid persecutees of the Nazi regime who came under pressure a much lower price than he later demanded for the works. At the same time, he knew how to extract high profits when he approached solvent buyers.

Böhler, for example, is said to have fleeced Fritz Thyssen "like a Christmas goose". For example, with a sculpture of St. George from the 14th century that he had bought in an art trade for 800 Reichsmark. Just under a year later he managed to sell it on at 25 times the price, for 20,000 Reichsmarks.

Böhler achieved almost ten times the price with the sale of a portrait of a lady, which today is attributed to the circle of Lucas Cranach the Elder. Thyssen had to put 56,000 Reichsmarks on the table for it in May 1936. Böhler had bought it from a colleague the month before for 5750 Reichsmark. "Is the market price the sum Böhler paid or the amount he achieved, or is it somewhere in the middle?

Not only the exploitation of the purchasing power of wealthy customers, but also the "Special Order Linz", endowed with 150 million Reichsmarks, caused horrendous price increases. He entered the scene in 1938 to build up a collection for the planned Führer Museum in Linz. Cleverly moving commissioned goods back and forth could also pay off.

Provenance researcher Lena Lang shows this with the example of two altarpieces attributed to Lucas Cranach the Elder. Acquired by Böhler in 1918 for 40,000 marks, St. Martin and St. Ursula were on the books for only 10,000 marks after being written off and a year later before being sold to its sister company, Kunsthandel AG in Lucerne, for 28,000 marks.

The Lucerne AG immediately returned them to Böhler on commission, where the two panels were recorded separately and sold in December 1919 for 70,000 marks each to the art collector Marcell von Nemes. Böhler received a commission share of 12,600 marks, the remaining 113,400 marks went to Kunsthandel AG Luzern. "So what were the paintings actually worth?" asks Lang.

Financial values can be manipulated and are the result of targeted market interventions. Persecution and expulsion also intervened in the market. Too many goods had to be left behind or sold off. Auction prices were also low because Jewish collectors could no longer act as buyers.

Sometimes popular art could still be sold at a high price. But for the majority of the offers, the prices fell. For example, the Düsseldorf gallery owner Max Stern, who had been forced to liquidate his inventory by auction in 1937, later received compensation from the state of North Rhine-Westphalia because of so-called "loss on sale". The sale of the paintings at a freely chosen time would presumably have brought Stern higher proceeds had he not been forced to consign them.

Guidance for restitution decisions

"Is it best to no longer use the criterion 'market price' at all for valuation in the context of art seized due to Nazi persecution?" asks Birgit Brunk, a provenance researcher from Leipzig.

"We need the appropriate purchase price for the presumption of ownership and its rebuttal," counters Berlin administrative lawyer Liane Rybczyk. She says it goes back to the Allied and Federal German restitution and reparation law. In this context, every sale after 1933 is presumed to be due to persecution, but this can also be refuted. "I see no alternative to this," Rybczyk adds. However, there needs to be a discussion about what is an appropriate purchase price.

"Why didn't we discuss this much earlier?" interjects Katrin Stoll, managing director of the Munich auction house Neumeister, when asked by the Handelsblatt. She advocates setting up a large, heterogeneous working group. In addition to art historians, it should also include economic historians, representatives of heirs and lawyers.

Provenance researchers Christian Fuhrmeister, Stephan Klingen and Birgit Jooss, who work at the ZI, consider the market price to be dispensable as a binding criterion to be examined "because of the huge difficulties associated with it". "More important and relevant appears to be the circumstance of whether the sale took place under pressure," the trio explains in response to questions from the Handelsblatt.

The context of a transaction is more significant than the exact sum or the question of 'appropriateness'. "One could also simply say: well-intentioned, but too short-sighted," the ZI researchers add. "The big picture is relevant, not some sub- or side-aspect like the proceeds."

https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/restitution-von-ns-raubkunst-preise-als-spielball-des-handels/27187738.html?ticket=ST-4460883-0yCnGABgwKRnU3k6ay5J-ap5
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