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So geht das Buchheim Museum mit NS-Raubkunst um - How the Buchheim Museum deals with Nazi-looted art

2023
1998
1970
1945
BR Kultur B├╝hne 9 Feruary 2022
Von Knut Cordsen

Lothar-Günther Buchheim war Kriegsberichterstatter für die Nazis, später Autor von "Das Boot" – und ein wichtiger Sammler des Expressionismus. Das Buchheim Museum hat nun nach NS-Raubkunst in den Beständen geforscht. Warum, erzählt Museumsleiter Daniel J. Schreiber.



Lothar Günther Buchheim trug im Laufe vieler Jahre eine so bedeutende Kollektion expressionistischer Gemälde zusammen, dass sie in einem eigens für sie errichteten Museum in Bernried einen angemessenen Platz fand. Dieses sogenannte "Museum der Phantasie" wurde 2001 eröffnet und hat jetzt die Herkunftsgeschichte der in ihr gezeigten Bilder untersuchen lassen. Geklärt werden sollte dabei, ob sich unter den Gemälden der Sammlung auch solche befinden, die ihren Eigentümern während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogen worden waren. NS-Raubkunst also. Das Ergebnis dieser Provenienzforschung liegt seit dieser Woche vor. Die kulturWelt sprach darüber mit dem Direktor des Buchheim Museums, Daniel J. Schreiber.

Knut Cordsen: Herr Schreiber, wie genau muss man sich dieses Provenienz-Forschungsprojekt in Bernried vorstellen? Haben Sie Ihren gesamten Sammlungsbestand durchforsten und untersuchen lassen?

Daniel J. Schreiber: Nein, das wäre wohl uferlos geworden. Es geht ja in die Tausende, was wir an Titeln haben. Wir haben uns zunächst auf Gemälde beschränkt, und zwar auf Gemälde, die vor 1946 entstanden sind.

Kein ganz leichtes Unterfangen. Inventar-Listen oder Zugangsbücher gibt es nicht. Warum nicht? Weil Buchheim kein Buchhalter war oder weil er nichts dokumentieren wollte?


Direktor des Buchheim Museums, Daniel J. Schreiber

Naja, wenn Sie sich einen Stuhl kaufen, dann führen Sie ja wahrscheinlich auch nicht darüber Inventar. Es gab aber ein Archiv im Hause Buchheim, das sich jetzt hier bei uns im Museum befindet. Und es gibt durchaus Materialien, die sind aber nicht systematisch angelegt. Und es war so ein bisschen das Problem, dass wir das Archiv aus dem Hause Buchheim zunächst auch erst mal reinigen mussten, denn wir konnten es so wegen Schädlingsbefall nicht einfach ins Museum nehmen und dann musste es auch sortiert werden. Das ist bisher nur grob gelungen. Insofern war die Quellen-Suche in eigenen Beständen in internen Quellen schon etwas anspruchsvoll.

Wie viele Gemälde haben Sie denn einer genaueren Prüfung unterzogen?

Das waren genau 108 Gemälde.

Und zwei davon haben Sie vorsorglich an die Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste gemeldet. Welche sind das?


Karl Schmidt-Rottluff: Norwegische Landschaft, 1911 © Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See

Das ist zum einen ein kleines Porträt von Max Kaus aus dem Jahr 1919 und zum anderen unsere wunderschöne "Norwegische Landschaft" von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahr 1911.

Bei diesen beiden Gemälden ist die Herkunftsgeschichte nicht eindeutig zu klären. Deshalb die vorsorgliche Rückgabe?

Wir nehmen eine Ordnung vor. Das nennen wir dann auch "Ampelfarben". Die "Grünen" sind komplett geklärt. Die "Gelben" sind nicht lückenlos geklärt. Dort haben wir aber keine Anhaltspunkte oder Verdachtsmomente, dass es sich um NS-Raubkunst handeln könnte. Dann gibt es die "Orangefarbenen", wo es gewisse Anhaltspunkte gibt und unter den Orangefarbenen gibt es dann welche, bei denen es konkrete Verdachtsmomente gibt. Also insbesondere, wenn bekannt ist, dass die Werke sich vor 1933 in jüdischen Sammlungen befunden haben. Und das ist bei diesen beiden Werken der Fall. Insofern haben wir sie vorsorglich in die Lost-Art-Datei eingestellt. Ohne dass wir jetzt aber wirklich konkrete Belege dafür haben, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Es sind jeweils auch interessante persönliche Geschichten damit verbunden, die wir sozusagen kriminalistisch erschließen konnten.

Können Sie das vielleicht ein bisschen näher ausführen?


Max Kaus: Kleines Selbstporträt, 1919 © Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See

Das eine Gemälde von Max Kaus, "Kleines Selbstporträt" von 1919, war im Besitz von Kurt Gerron. Das war ein Schauspieler, Kabarettist, der in "Der Blaue Engel" mitgespielt hat oder auch als Regisseur zusammen mit Hans Albers oder Heinz Rühmann gearbeitet hat. Also ein bekannter Schauspieler und Regisseur in den 20er, 30er Jahren in Deutschland, der dann fliehen konnte aus Deutschland, aber in Holland wieder gefasst wurde und 1944 in Auschwitz ums Leben kam. ihm gehörte nachweislich ein kleines Porträt von Max Kaus aus dem Jahre 1919. Wir wissen aber nicht, ob es das unsere war. Und des Weiteren ist nicht klar, ob er seine Sammlung noch verkaufen konnte, bevor er 1933 in die Niederlande floh. Denn in der Akte, die die Beschlagnahme dokumentiert, sind keinerlei Kunstgegenstände festzustellen. Also hier sind einige Unklarheiten. Wir wissen nicht, ob es sich wirklich um dieses Porträt aus dem Besitz von Gerron handelt und wir wissen nicht, ob es sich noch im Besitz befand, als sein Hab und Gut beschlagnahmt worden ist.

Lothar-Günther Buchheim haben viele natürlich als den Autor von "Das Boot" vor Augen, aber er sammelte auch sehr früh schon Kunst, vor allem expressionistische Kunst. Spielt seine eigene Verstrickung in die NS-Geschichte mit Blick aufs Sammeln eigentlich auch eine Rolle?

Er hat ja als Propagandakompagnie-Soldat wirklich maßgeblich auch zur Verherrlichung des U-Boot-Krieges in der Zeit des Zweiten Weltkriegs beigetragen und hat damit auch Schuld auf sich geladen. Und es gibt einen sehr schönen Brief aus dem Jahr 1945 an seine damalige Freundin und Lebensgefährtin, in dem er sagt: Ich muss mein Gesicht in den Sand schmeißen und ich muss die Fesseln abstreifen, die ich damals als PK-Soldat in Frankreich hatte. Und ich möchte fortan nur noch der Freiheit dienen. Insofern war seine Hinwendung zur Moderne als entartet-verfemte Kunst, insbesondere zum deutschen Expressionismus ein Bekenntnis. Er wollte die Fäden, die durch die Nazizeit abgeschnitten worden waren, wieder aufgreifen und die Rezeption dieser Kunst ermöglichen. Das war in seiner Zeit schon ein gewisser Pionier-Akt, weil die Kunstkritiker der Nachkriegszeit sich voll und ganz der Abstraktion verschrieben hatten als Zielpunkt der Moderne und der Freiheit.

Zwei Gemälde aus der Buchheim-Sammlung waren schon 1951 zurückerstattet worden, und diese beiden hat Buchheim ungefähr zwanzig Jahre später zurückgekauft, 1970 und 1973. Was genau steckt hinter dieser Geschichte?


Ernst-Ludwig Kirchner: Badende am Strand von Fehmarn, 1913 © Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See

"Zurückgekauft" ist vielleicht ein bisschen der falsche Ausdruck dafür. Die waren in jüdischen Besitz, und dann war eben ein Schreckmoment in der Provenienzforschung, als ganz klar festgestellt wurde, dass es sich hier um NS-Raubkunst handelt. Aber später wurden dann in Wiedergutmachungsakten im Landesamt in Berlin Nachweise darüber gefunden, dass die Bilder bereits 1951 an ihre Besitzer restituiert werden konnten. Und dann sind sie halt danach ganz normal in den Kunstmarkt gekommen, und da hat sie Buchheim dann gekauft. Es ist von Lovis Corinth das kleine Bildchen "Baby Thomas" und das respektable Bild von Ernst-Ludwig Kirchner "Badende am Strand von Fehmarn".

Sie wollen jetzt ja weiter forschen lassen auf einer unbefristeten Teilzeitstelle. Was erwarten Sie sich davon für die Zukunft?

Es ist die Aufgabe eines Museums, seine Bestände zu kennen. Dazu gehört natürlich auch die Herkunftsgeschichte. Wir wollen hier glasklare Transparenz und auch im Sinne der Washingtoner Erklärung faire und gerechte Lösungen. Wir wollen, dass die Wunden heilen, die der Nationalsozialismus geschlagen hat und wollen daran, da wir da auch eine gesellschaftliche Verpflichtung haben, mitwirken. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, dann wünschte ich mir, dass staatlich begangenes Unrecht auch von Staats wegen beglichen wird. Ich wünschte mir für private Stiftungen wie die Buchheim-Stiftung, die das Buchheim Museum trägt, dass sie entschädigt werden, wenn sie rechtmäßig erworbene Kunst restituieren. Im Grunde ist es eine Ungerechtigkeit, wenn dies nicht geschieht. Es sollte ein Restitutions-Fonds eingerichtet werden, der private Besitzer, die bereit sind zu restituieren, entsprechend entschädigt.

Das Projekt zur Erforschung der Herkunftsgeschichte der Gemälde der Expressionistensammlung des Buchheim Museums ist abgeschlossen. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind unter Sammlung Online veröffentlicht.

Dieser Beitrag lief auch in der kulturWelt auf Bayern 2. Hier geht's zum Podcast.

English translation:

Lothar-Günther Buchheim was a war correspondent for the Nazis, later author of "Das Boot" - and an important collector of Expressionism. The Buchheim Museum has now researched Nazi-looted art in its holdings. Museum director Daniel J. Schreiber explains why.

By: Knut Cordsen

Over the course of many years, Lothar Günther Buchheim assembled such an important collection of Expressionist paintings that found an appropriate place in a museum in Bernried specially built for them. This so-called "Museum of Fantasy" was opened in 2001 and has now examined the origin of the paintings shown in it. The aim was to clarify whether the paintings in the collection included paintings that had been illegally confiscated from their owners during the National Socialist era. The result of this provenance research has been available since this week. The kulturWelt spoke to the director of the Buchheim Museum, Daniel J. Schreiber.

Knut Cordsen: Mr. Schreiber, how exactly did you conceive this provenance research project in Bernried? Did you comb through and examine the entire collection?

Daniel J. Schreiber: No, that would probably have become endless. The titles we have are in the thousands. At first we limited ourselves to paintings, namely paintings that were created before 1946.

Not an easy task. There are no inventory lists or access books. Why not? Because Buchheim wasn't an accountant or because he didn't want to document anything?

Well, when you buy a chair, you probably don't keep an inventory of it. But there was an archive in the Buchheim house, which is now here in our museum. And there are certainly materials, but they are not laid out systematically. And it was a bit of a problem that we first had to clean the Buchheim archive, because we couldn't just take it to the museum because of pest infestation, and then it had to be sorted. So far, this has only been achieved to a limited extent. In this respect, the source search in our own holdings in internal sources was a bit demanding.

How many paintings have you examined more closely?

Exactly 108 paintings.

And as a precaution, you reported two of them to the lost art database of the German Lost Art Foundation. Which are they?

On the one hand there is a small portrait by Max Kaus from 1919 and on the other hand our beautiful "Norwegian landscape" by Karl Schmidt-Rottluff from 1911.

The history of the origin of these two paintings cannot be clearly clarified. So why the precautionary return?

We make an order. We also call this "traffic light colors". The "Greens" are completely resolved. The "yellow" are not fully clarified. However, we have no indications or suspicions that it could be Nazi-looted art. Then there are the "orange ones" where there are certain clues and among the orange ones there are some where there are concrete suspicions. In particular, if it is known that the works were in Jewish collections before 1933. And that is the case with these two works. In this respect, we have included them in the Lost Art file as a precaution. However, we don't really have concrete evidence that it is Nazi-looted art. There are also interesting personal stories associated with each

Could you maybe elaborate on that a little more?

One painting by Max Kaus, "Small Self-Portrait" from 1919, was owned by Kurt Gerron. He was an actor, a cabaret artist who played in "Der Blaue Engel" or worked as a director together with Hans Albers or Heinz Rühmann. So a well-known actor and director in the 1920s and 1930s in Germany, who was then able to escape from Germany, but was caught again in Holland and died in Auschwitz in 1944. There is evidence that a small portrait of Max Kaus from 1919 belonged to him. However, we do not know whether it was the same one as ours. Furthermore, it is not clear whether he was still able to sell his collection before fleeing to the Netherlands in 1933. Because in the file that documents the confiscation, no art objects can be found. So here are some ambiguities. We do not know,

Lothar-Günther Buchheim is of course the author of Das Boot, but he also collected art very early on, especially Expressionist art. Does his own involvement in Nazi history actually play a role with regard to collecting?

As a propaganda company soldier, he really made a significant contribution to the glorification of submarine warfare during the Second World War and thus also took on the guilt. And there is a very nice letter from 1945 to his girlfriend and partner at the time, in which he says: I have to throw my face in the sand and I have to throw off the shackles that I had when I was a PK soldier in France. And from now on I only want to serve freedom. In this respect, his turn to modernism as degenerate, outlawed art, in particular to German Expressionism, was a commitment. He wanted to take up the threads that had been cut off by the Nazi era and enable the reception of this art. That was a certain pioneering act in his time,

Two paintings from the Buchheim collection had already been returned in 1951, and Buchheim bought back these two about twenty years later, in 1970 and 1973. What exactly is behind this story?

"Bought back" might be a bit of the wrong word for it. They were owned by Jews, and then there was a moment of shock in provenance research when it was clearly established that this was Nazi-looted art. But later, evidence was found in compensation files in the state office in Berlin that the pictures were restituted to their owners as early as 1951. And then they came onto the art market quite normally afterwards, and then Buchheim bought them. One is the small picture "Baby Thomas" by Lovis Corinth and the second picture is "Bathers on the Beach of Fehmarn" by Ernst-Ludwig Kirchner.

You now want to continue researching in a permanent part-time position. What do you expect from it for the future?

It is a museum's job to know its holdings. Of course, this also includes the history of origin. We want crystal-clear transparency here, also in line with the Washington Declaration fair and just solutions. We want the wounds inflicted by National Socialism to heal and we want to be involved because we also have a social obligation. If I may express one wish, then I would wish that injustice committed by the state would also be redressed by the state. I wish that private foundations such as the Buchheim Foundation, which supports the Buchheim Museum, would be compensated if they returned legally acquired art. Basically it is an injustice if this does not happen. A restitution fund should be set up to compensate private owners who are willing to make restitution.

The project to research the origins of the paintings in the Buchheim Museum's Expressionist Collection has been completed. The results of the research project are published under Collection Online .

This article was also shown in the kulturWelt on Bayern 2. Click here for the podcast .


 

https://www.br.de/kultur/kunst/buchheim-museum-findet-raubkunst-interview-daniel-schreiber-100.html
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