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NS-Raubkunst und ihre Opfer: Der Stand der Forschung zu Max Stern - Nazi-looted art and its victims: the status of research on Max Stern

1998
1970
1945
Handelsblatt 3 March 2022
Dr Christiane Fricker

Das Stern Cooperation Project bilanziert in einem Digitalkongress den Stand der internationalen Forschung zur Düsseldorfer Galerie des jüdischen Kunsthändlers Max Stern.


Jan Brueghel d. Ä. „Waldige Landstraße“ Die National Gallery of Art in Washington konnte das Bild erst ankaufen, als die Provenienz zweifelsfrei geklärt war.

Düsseldorf Erneut haben sich in diesen Tagen Kunsthistoriker getroffen, um die Ergebnisse ihrer Nachforschungen zum Verbleib von NS-Raubkunst vorzutragen. Und wieder ging es um das Schicksal des jüdischen Kunsthändlers Max Stern, zwei Tage lang. Eingeladen hatte diesmal das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München, drei Jahre nach der letzten großen Tagung in Düsseldorf.

„Warum so viel Aufwand, so viel Forschung?“, fragte einleitend Christian Fuhrmeister. Und das wegen einer kleinen Düsseldorfer Galerie von eher regionaler und nur selten nationaler Relevanz für den deutschen Kunstmarkt der Zwischenkriegszeit? Fuhrmeister lehrt am ZI und leitet das internationale „Stern Cooperation Project“ (SCP).

Das ZI betreibt Grundlagenforschung, indem es Quellen erschließt, entziffert und zugänglich macht, damit Dritte darauf zurückgreifen können, etwa wenn sie Werke und ihre Herkunftsgeschichte verifizieren wollen. Beispiele liefern die Auswertung des Firmenarchivs der Kunsthandlung Julius Böhler und die Dekodierung der annotierten Auktionskataloge des Münchener Galeristen Hugo Helbing, über die wir berichteten

Auch die fragmentierten Quellenbestände zur Familien- und Unternehmensgeschichte Stern sollten gesichtet und vernetzt werden. So beschreibt Fuhrmeister das Ziel des SCP. Nicht ein umstrittenes Werk sollte hier der Ausgangspunkt sein, sondern das „große Ganze“ der Familie und der verschiedenen Galerien Stern. Diesem Ziel hat sich das Projekt aufgrund von Hindernissen nur nähern können.

Insbesondere gegenüber seinem deutschen Geldgeber geriet das SCP in eine schwierige Lage. Denn die Münchener Forscher mussten sich rechtfertigen, als sie nicht an der zunächst abgesagten, dann wie berichtet neu konzipierten Stern-Ausstellung der Stadt Düsseldorfteilnehmen wollten. Sie wollten es mit ihrem Kooperationspartner, den von Düsseldorf ausgeladenen kanadischen Forschern nicht verderben. Denn das Projekt wäre ohne sie und ihre wertvollen Quellen tot gewesen.

Dass der Fall Stern am Ende dennoch so intensiv von allen Seiten betrachtet werden konnte, ist zunächst nicht das Verdienst Deutschlands. „Hier ist das Thema auch heute in der breiten Bevölkerung noch gar nicht angekommen, trotz großen medialen Interesses,“ kritisiert Willi Korte, einer der Referenten der Tagung.

Als der Jurist und Provenienzforscher vor 20 Jahren erstmals in Düsseldorf vorstellig wurde, um im Auftrag des Max Stern Art Restitution Project (MSRP) nach Spuren Max Sterns zu suchen, habe sich dort niemand an den jüdischen Kunsthändler erinnert; er habe Unterlagen eines Malers gleichen Namens präsentiert bekommen. 

Solches Unwissen kann sich heute keiner mehr vorstellen. Aber Fakt ist, dass in Deutschland Erinnerung und Aufarbeitung jüdischer Schicksale tatsächlich erst durch Restitutionsbegehren initiiert wurden und immer noch werden. Und dass es erst des Skandals um den „Schwabinger Kunstfund“ Gurlitt im Jahr 2013 bedurfte, um das Thema überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen.

Genau so verhält es sich mit Stern. Hier stießen seine Erben die Forschungen an. Und möglich machte es Max Stern persönlich. Das fing damit an, dass er die Repressalien des NS-Regimes rechtzeitig richtig deutete, ihm aufgrund kluger Vorkehrungen die Flucht gelang und er im Ausland neu anfangen und weitermachen konnte. 

Als Galerist war Stern schließlich in Kanada so erfolgreich, dass er seinen Erben neben viel Quellenmaterial genug Geld hinterließ, dass sie die konzentrierte und bis heute andauernde Suche nach den einst unter Druck verlorenen Kunstwerken leisten konnten.

Wie die Grundlagenforschung des SCP für Einzeluntersuchungen fruchtbar gemacht werden kann, zeigte der Tagungsbeitrag von Stephan Klingen, Kunsthistoriker und Archivar am ZI. Er versuchte, die Kundenkartei Sterns auf die Zusammensetzung ihrer Klientel von den mittleren 1920er-Jahren bis zur Auflösung der Galerie im Jahr 1937 zu analysieren. Dabei nahm er insbesondere die jüdische Klientel in den Blick.

Emile Vernet-Lecomte „Aimée, junge Ägypterin“
Das Gemälde wurde 1937 mit Sterns Galeriebestand bei Lempertz zwangsversteigert 

Nun stellte sich im Zuge der Recherche aber heraus, dass die Kundenkartei signifikante Lücken aufweist. Es gibt beispielsweise keinen Eintrag über den Ankauf eines frühen Landschaftsbildes von Jan Brueghel d. Ä. durch den jüdischen Textilunternehmer Richard Friede aus Bocholt.

Als das Bild nun vor wenigen Jahren wieder auf dem Kunstmarkt auftauchte, wollte es die National Gallery in Washington erwerben. Doch einer Einigung mit der Familie Friede stand die noch auf recht wackeligen Beinen stehende Herkunftsgeschichte im Wege. 

Erst mit Hilfe des vom ZI bereits ausgewerteten Firmenarchivs der Kunsthandlung Julius Böhler fand sich der entscheidende Nachweis. Nicht Friede hatte das Bild aus dem Bestand der Alten Pinakothek erworben, sondern Max Stern, und zwar vermittelt über Böhler. Die Einigung der National Gallery erfolgte daraufhin mit den Erben nach Max Stern und der Ankauf konnte kürzlich stattfinden.

Komplizierter ist der Fall, mit dem sich das LVR Landesmuseum in Bonn herumschlägt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde das hier verwahrte „Stillleben“ von Pieter van der Plaes von Max Stern an den Unternehmer und Sammler Hugo Heinemann verkauft. Es gibt zwar keinen Eintrag in der Kundenkartei, obwohl Heinemann nachweislich einer der besten Kunden Sterns war. Doch durch die Auswertung anderer Quellen ließen sich die Umrisse der Sammlung des für Stern so wichtigen Kunden Heinemann destillieren. 

Dazu gehört etwa die Korrespondenz, die Max Stern mit dem RKD, dem Niederländischen Institut für Kunstgeschichte, führte. Sie wurde von Philip Dombowsky, dem Archivar der National Gallery in Ottawa, und Anne Uhrlandt, der SCP-Projektkoordinatorin ausgewertet.

Mit betrachtet wurden zudem die systematisch erfassten Kunstwerke aus den Galerie-Publikationen Sterns. Schließlich zog Klingen die Akten zu den Rückerstattungsverfahren zu Rate, die die Witwe Auguste Heinemann in den frühen 1960er-Jahren angestrengt hatte; außerdem die Datenbank „German Sales“. Dort fand er in zwei Lempertz-Katalogen von Herbst 1940 Einlieferungen „aus nicht arischem Besitz“, deren Beschreibungen exakt auf die Angaben in den Rückerstattungsverfahren passen.

Das Beispiel van der Plaes zeigt beispielhaft, wie Grundlagen- und objektorientierte Forschung Hand in Hand den Schlüssel liefern, mit dessen Hilfe sich das Puzzle dieser Geschichte und die Heinemann-Sammlung zumindest in wesentlichen Umrissen zusammensetzen lassen.

Am Ende stellt sich allerdings eine schwierige Frage: Wie soll hier restituiert werden? Juristisch korrekt an die Erben des glücklich überlebenden Erstgeschädigten Max Stern? Das legt das noch immer geltende, von den Alliierten eingeführte Rückerstattungsgesetz und die sich darauf beziehende Passage in der „Handreichung“ nahe. Oder an die Erben des Zweitgeschädigten Hugo Heinemann, der einst im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde? Was ist fair und gerecht?

English translation:

In a digital colloquium, the Stern Cooperation Project took stock of the status of international research on the Düsseldorf gallery of the Jewish art dealer Max Stern.

Düsseldorf art historians met for two days recently to present the results of their research into the whereabouts of Nazi-looted art and the fate of the Jewish art dealer Max Stern. It was hosted by the Central Institute for Art History (ZI) in Munich, three years after the last major conference in Düsseldorf.

“Why so much effort, so much research?” asked Christian Fuhrmeister in the introduction. And that because of a small Düsseldorf gallery of more regional and only rarely national relevance for the German art market in the interwar period? Fuhrmeister teaches at the ZI and heads the international "Stern Cooperation Project" (SCP).

The ZI conducts basic research by opening up, deciphering and making sources accessible so that third parties can access them, for example if they want to verify works and their history of origin. The evaluation of the company archive of the Julius Böhler art dealership and the decoding of the annotated auction catalogs of the Munich gallery owner Hugo Helbing, which we reported on , provide examples .

The fragmented sources on the Stern family and company history were also to be viewed and linked. This is how Fuhrmeister describes the goal of the SCP. The starting point should not be a controversial work, but the “big picture” of the Stern family and the various galleries. The project was only able to approach this goal because of prior obstacles.

In particular, the SCP found itself in a difficult position with regard to its German donor. Because the Munich researchers had to justify themselves when they did not want to take part in the initially canceled Stern exhibition, which was then redesigned by the city of Düsseldorf. They didn't want to spoil things with their cooperation partner, the Canadian researchers who had disconnected from Düsseldorf. Because the project would have been dead without them and their valuable sources.

The fact that the Stern case could ultimately be viewed so intensively from all sides is not initially due to Germany. "Even today, the topic has not yet reached the general public, despite great media interest," said Willi Korte, one of the speakers at the conference.

When the lawyer and provenance researcher first came to Düsseldorf 20 years ago to search for traces of Max Stern on behalf of the Max Stern Art Restitution Project (MSRP), nobody there remembered the Jewish art dealer; he was presented with documents of a painter of the same name.

Nobody can imagine such ignorance today. But the fact is that in Germany , remembrance and coming to terms with the fate of Jews were and are still only initiated by requests for restitution. It took the scandal surrounding the “Schwabinger art find” Gurlitt in 2013 to put the topic on the agenda at all.

The same is true of Stern Here his heirs initiated the research. And Max Stern made it possible personally. It started with the fact that he correctly interpreted the reprisals of the Nazi regime in good time, he managed to escape due to clever precautions and he was able to start anew abroad and continue.

Eventually, Stern was so successful as a gallery owner in Canada that he left his heirs, in addition to plenty of source material, enough money to carry out the concentrated and ongoing search for the works of art that were once lost under pressure.

The conference contribution by Stephan Klingen, art historian and archivist at the ZI, showed how the basic research of the SCP can be used for individual investigations. He attempted to analyze Stern's customer file for the composition of its clientele from the mid-1920s until the gallery's dissolution in 1937. In doing so, he focused in particular on the Jewish clientele.

When one picture reappeared on the art market a few years ago, the National Gallery in Washington wanted to acquire it. But an agreement with the Friede family stood in the way of the provenance, which was still on rather shaky ground.

Only with the help of the company archives of the Julius Böhler art dealership, which the ZI had already evaluated, was the decisive proof found. It was not Friede who acquired the picture from the Alte Pinakothek, but rather Max Stern, who did so through Böhler. The National Gallery then came to an agreement with Max Stern's heirs and the purchase was able to take place recently.

The case that the LVR State Museum in Bonn is dealing with is more complicated. It is highly probable that the “still life” by Pieter van der Plaes in the collection was sold by Max Stern to the entrepreneur and collector Hugo Heinemann. There is no entry in the customer file, although Heinemann was demonstrably one of Stern's best customers. However, by evaluating other sources, the outlines of the collection of Heinemann, a customer who was so important to Stern, could be distilled.

This includes, for example, the correspondence that Max Stern conducted with the RKD, the Netherlands Institute for Art History. It was evaluated by Philip Dombowsky, archivist at the National Gallery in Ottawa, and Anne Uhrlandt, the SCP project coordinator.

The systematically recorded works of art from Stern's gallery publications were also considered. Finally, Klingen consulted the files on the restitution proceedings brought by the widow Auguste Heinemann in the early 1960s; also the “German Sales” database. There, in two Lempertz catalogs from autumn 1940, he found consignments “from non-Aryan possession”, the descriptions of which matched the details in the restitution procedure exactly.

The example of van der Plaes shows how basic and object-oriented research hand in hand provide the key with the help of which the puzzle of this story and the Heinemann collection can be put together, at least in essential outlines.

In the end, however, a difficult question arises: How should a restitution be made here? Legally correct to the heirs of the happily surviving first victim Max Stern? This is suggested by the still valid restitution law introduced by the Allies and the relevant passage in the "Handreichung". Or to the heirs of the second victim, Hugo Heinemann, who was murdered in the Auschwitz-Birkenau concentration camp? What is fair and just?


 

https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/provenienzforschung-ns-raubkunst-und-ihre-opfer-der-stand-der-forschung-zu-max-stern/28123842.html?ticket=ST-12979564-wL5vpPDjHy1y5w9hzhaL-ap5
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