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Geheimnisse eines Auktionshauses - Secrets of an auction house

1998
1970
1945
Frankfurter Allgemeine 16 April 2022
Von Brita Sachs

Bis das NS-Regime ihn zur Geschäftsaufgabe zwang, zählte Hugo Helbing zu den wichtigsten Kunsthändlern Deutschlands. Die Notizen seiner Kataloge versprechen wertvolle Erkenntnisse. Im Zentralinstitut für Kunstgeschichte werden sie erschlossen.


Man braucht eine gute Portion kriminalistischen Spürsinns, um solche Randnotizen zu entschlüsseln: In Katalogen dienten sie Auktionshäusern vor Jahrzehnten dazu, Wichtiges für den internen Gebrauch und für Unbefugte unverständlich zu vermerken. Gelingt es, tun sich in den „Handexemplaren“ relevante Informationen für die Kunsthandels- und Sammlungsforschung auf, insbesondere die Provenienzforschung: Namen von Einlieferern und Käufern können ans Licht kommen, Limit-, Schätz- und Zuschlagpreise ebenso wie Rückgänge.

Material dieser Art aus dem von 1887 bis 1937 tätigen Münchner Auktionshaus Hugo Helbing interessiert schon deshalb außerordentlich, weil das Haus, auch über Filialen in Berlin und Frankfurt, als eines der bedeutendsten in Deutschland europaweit agierte – bis die Nationalsozialisten Helbing, der Jude war, Repressalien aussetzten, ihn zur Geschäftsaufgabe zwangen und schließlich seinen Tod verschuldeten. Helbings Geschäftsunterlagen scheinen verschollen, doch glückhaft gelangten mehr als sechshundert seiner annotierten Kataloge an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München. 2016 schenkte die Kunsthandlung Rudigier einen Schwung, 2021 kam ein weiteres Konvolut hinzu, das im Keller des Auktionshauses Karl & Faber aufgefunden und einem Helbing-Erben ausgehändigt wurde. Dieser überließ es dem ZI als Dauerleihgabe. Einschließlich weiterer Bestände in der Schweiz konnten im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG insgesamt 1064 von Helbing selbst oder von seinen Mitarbeitern mit den wertvollen, einst dem hauseigenen Gebrauch vorbehaltenen Notizen gefüllte Handexemplare von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert und unter „German Sales“ auf der Plattform „arthistoricum“ online gestellt werden. Dort sind sie allgemein zugänglich.


Aufnahme aus dem Jahr 1902: Geschäftshaus der Firma Hugo Helbing in München

Doch ohne die von Theresa Sepp am ZI geleistete wissenschaftliche Erschließung käme man nicht weit. Was die Projektleiterin herausfand, kann sich sehen lassen, und das Entziffern der verschiedenen Sütterlin-Handschriften war dabei die kleinste Herausforderung. Denn selten steht alles so schön beieinander wie im Protokollkatalog einer der bedeutendsten Versteigerungen des Auktionshauses, der Sammlung des Industriellen und Mäzens Oscar Huldschinsky. Helbing veranstaltete sie mit seinem Berliner Geschäftspartner Paul Cassirer 1928 im Marmorsaal des Hotels Esplanade: ein gesellschaftliches Ereignis und eine Fundgrube für die internationale Kunstkäufer-Elite. Häuser wie das Amsterdamer Rijksmuseum kauften Alte Meister, namhafte Händler wie Colnaghi aus London oder Knoedler aus New York boten mit. Die Duveen Brothers ersteigerten ein Hendrickje-Stoffels-Bildnis von Rembrandt für 570.000 Reichsmark, und der berühmte Sammler Albert C. Barnes aus Philadelphia nutzte die Gelegenheit, nicht nur ein Frauenbildnis von Bernhard Strigel zu erwerben.

Dass in einigen der annotierten Kataloge Namenseinträgen auch Vornamen und Wohnorte beigestellt sind, kann bei der Fahndung nach in der NS-Zeit verfolgungsbedingt veräußerten Objekten helfen. Die digitale Zusammenführung von mehreren Exemplaren des gleichen Auktionskatalogs, die verschiedene Personen auf unterschiedliche Art annotierten, machte „Zusammenhänge erkennbar und Rätsel lösbar“, schreibt Theresa Sepp in einem Blogbeitrag über den kuriosesten Code, den sie knacken konnte.


Erschlossen für die Forschung: Handexemplare des Auktionshauses Helbing

Immer wieder fielen der Wissenschaftlerin Buchstabenkombinationen auf, die zwar als Verschlüsselung von Limitpreisen erkannt waren, aber erst durch Katalogexemplare mit an gleicher Stelle stehenden Ziffern lesbar wurden. R steht für die 1, ein i für die 2 – schließlich ergibt sich stellvertretend für neun Ziffern das Wort „Rindskopf“, ergänzt durch H für 0 und HE für zwei Nullen. Die Forscherin vermutet, Helbing habe bei der Erfindung dieses Codes an Aleph gedacht, den ersten Buchstaben im hebräischen Alphabet, der einem stilisierten Rindskopf gleicht. Warum Helbing überhaupt Limitpreise codierte, ist freilich noch unklar. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kataloge könnte noch weitergetrieben, die Suchfunktionen zu 350.000 Losnummern ausgebaut werden. Für ein Jahr Forschung stand das Geld zur Verfügung, der Antrag auf Verlängerung ist schon gestellt.

Nicht nur für die Provenienzforschung sind die digitalisierten Handexemplare bedeutsam. Mit ihrer Hilfe lassen sich auch ökonomische Fragestellungen verfolgen, etwa die Entwicklung des Marktwerts von Künstlern oder Sparten. Man kann für Werkverzeichnisse recherchieren oder vieles über Kunsthandelsnetzwerke herausfinden, auch über Strategien des Betriebs von Hugo Helbing. Auf einem Onlinekolloquium zum Thema beleuchtete die Kunsthistorikerin Anna-Lena Lang kürzlich „Kooperation und Konkurrenz“ der Geschäftspartner Hugo Helbing und Julius Böhler, wobei dieser in den letzten Jahren der Firma eine zwielichtige Rolle spielte. Was die Kataloge über den Judaica-Spezialisten Theodor Harburger aussagen, dem das Jüdische Museum in München demnächst eine Ausstellung widmet, erläuterte dessen Direktor Bernhard Purin. Und der Archäologe Georg Gerleigner führte aus, wie er zahlreiche Stücke der Erlanger Antikensammlung der bislang unbekannten, unter NS-Druck verkauften Sammlung Georg Dehn zuordnen konnte. Solche Beispiele aus der Forschung unterstreichen die Bedeutung der über Jahrzehnte kaum beachteten Quellen, deren Erschließung noch für manche Überraschungen sorgen dürfte.

English translation:

Until the Nazi regime forced him to give up his business, Hugo Helbing was one of the most important art dealers in Germany. The notes in his catalogues promise valuable insights. They are made accessible in the Munich Central Institute for Art History.

It takes a good deal of investigative flair to decipher such marginal notes: Decades ago, auction houses used them in catalogues to note important information for internal use that was incomprehensible to unauthorized persons. If it is successful, relevant information for art trade and collection research, especially provenance research, can be found in the “hand copies”: names of consignors and buyers can come to light, limit, estimate and hammer prices as well as failed sales.

Material of this kind from the Munich auction house Hugo Helbing, which was active from 1887 to 1937, is extremely interesting because the auction house, including branches in Berlin and Frankfurt, acted as one of the most important in Germany in Europe - until the National Socialists reprisals forced Helbing, who was a Jew, to give up his business and finally caused his death. Helbing's business documents seem to have disappeared, but luckily more than six hundred of his annotated catalogues ended up at the Central Institute for Art History(ZI) in Munich. In 2016, the Rudigier art dealership gave a donation, and in 2021 another bundle was added, which had been found in the basement of the Karl & Faber auction house and handed over to a Helbing heir. He left it to the ZI on permanent loan. Including other holdings in Switzerland, a total of 1,064 hand copies filled by Helbing himself or his employees with the valuable notes once reserved for in-house use were digitized by the Heidelberg University Library as part of a project by the German Research Foundation (DFG) and placed online under "German Sales" on the platform "arthistoricum". They are publicly available there.

But without the scientific research done by Theresa Sepp at the ZI, you wouldn't get very far. What the project manager found out is impressive, and deciphering the various Sütterlin manuscripts was the smallest challenge. Rarely does everything come together as nicely as in the protocol catalogue of one of the auction house's most important auctions, the collection of the industrialist and patron Oscar Huldschinsky. Helbing organized it with his Berlin business partner Paul Cassirer in 1928 in the Marble Hall of the Hotel Esplanade: a social event and a treasure trove for the international elite of art buyers. Museums such as the Rijksmuseum in Amsterdam bought old masters, and well-known dealers such as Colnaghi of London or Knoedler of New York also bid.

The fact that some of the annotated catalogues also include first names and places of residence in the name entries can help in the search for objects sold during the Nazi era as a result of persecution. The digital combination of several copies of the same auction catalogue, which different people annotated in different ways, made "relationships recognizable and puzzles solvable," writes Theresa Sepp in a blog post about the strangest code she was able to crack.

Again and again, the scientist noticed combinations of letters that were recognized as coding for reserve prices, but only became legible through catalogue copies with numbers in the same place. R stands for 1, an i for 2 – the word “ox head” represents nine digits, supplemented by H for 0 and HE for two zeros. The researcher suspects that when Helbing invented this code, he had Aleph in mind, the first letter in the Hebrew alphabet, which resembles a stylized ox's head. Of course, it is still unclear why Helbing coded reserve prices at all. The scientific processing of the catalogues could be pushed further, the search functions expanded to 350,000 ticket numbers. The money was available for a year of research,

The digitized personal copies are not only important for provenance research. With their help, economic issues can also be tracked, such as the development of the market value of artists or categories. You can research for catalogues raisonnés or find out a lot about art trade networks, also about the strategies of Hugo Helbing's business. At an online colloquium on the subject, the art historian Anna-Lena Lang recently shed light on "cooperation and competition" between the business partners Hugo Helbing and Julius Böhler, with the latter playing a dubious role in the company's last few years. Director Bernhard Purin explained what the catalogues say about the Judaica specialist Theodor Harburger, to whom the Jewish Museum in Munich is soon dedicating an exhibition. And the archaeologist Georg Gerleigner explained how he was able to assign numerous items from the Erlangen antique collection to the previously unknown Georg Dehn collection, which was sold under Nazi pressure. Such examples from research underscore the importance of the sources, which have been neglected for decades and whose development is likely to cause some surprises.

 

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/provenienzforschung-kataloge-des-auktionshauses-hugo-helbing-werden-im-zentralinstitut-fuer-kunstgeschichte-erschlossen-17961841.html
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