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Sind die 613 Gemälde und Skulpturen NS-Raubkunst? - Are 613 paintings and sculptures in Mannheim Nazi looted art?

1970
1945
Rhein-Neckar Zeitung 13 March 2014
Von Sabine Scheltwort

Eine riesiger Berg an Puzzlesteinen liegt vor Mathias Listl: Er erforscht die Herkunft von 613 Gemälden und Skulpturen in der Kunsthalle Mannheim, um festzustellen, ob es sich dabei möglicherweise um NS-Raubkunst handelt.

 

Der Provenienzforscher Mathias Listl durchsucht die Bestände der Mannheimer Kunsthalle nach eventueller 'NS-Raubkunst'. Foto: Cem Yücetas / Kunsthalle Mannheim
Der Provenienzforscher Mathias Listl durchsucht die Bestände der Mannheimer Kunsthalle nach eventueller "NS-Raubkunst". Foto: Cem Yücetas / Kunsthalle Mannheim

Mathias Listl ist Provenienzforscher an der Kunsthalle Mannheim. Lange vor dem "Fall Gurlitt" wurden die Bestände bereits durchsucht. Nach seiner Promotion 2011 in Regensburg absolvierte der Kunsthistoriker in der Kunsthalle ein Volontariat. Hier teilte er sich ein Büro mit Hannah Krause, seiner Vorgängerin in der Provenienzforschung. Als sie nach Berlin ging, übernahm Listl ihre Aufgabe.

"Wir erforschen die Herkunft aller Kunstwerke, die vor 1945 entstanden und nach 1933 in unseren Bestand gekommen sind", sagt Listl. "Die Erwartungen, das ebenso schnell wie gründlich aufzuarbeiten, sind sehr hoch." Das waren sie allerdings auch schon vor dem Fall Gurlitt, der nun die breite Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht hat. "Immerhin ist dadurch deutlich geworden, dass die Fragen der Raubkunst nicht so einfach und eindeutig zu beantworten sind, wie sich das manch einer vielleicht wünschen würde", hofft der 35-Jährige.

Die Kunsthalle Mannheim mit ihrer exzellenten Sammlung der klassischen Moderne hatte stark unter der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten 1937 gelitten. Sie verlor an die 100 Gemälde, ein gutes Dutzend Skulpturen und rund 500 Grafiken, die als "entartete Kunst" diffamiert worden waren. Nach Kriegsende versuchte die Kunsthalle, die Lücke durch Ankäufe wenigstens ansatzweise wieder zu schließen.

Mit der "Washingtoner Erklärung" verpflichteten sich Staaten 1998, für das Auffinden und die Rückgabe von Raubkunst zu sorgen. In Mannheim begann man früh, sich die Herkunft der Kunstwerke anzusehen. Dabei wurde entdeckt, dass etwa das "Stehende Mädchen (Achtzehnjährige)" von Georg Kolbe zur Raubkunst zählte. Die rechtmäßigen Erben planten, die Skulptur nach der Restitution 2004 versteigern zu lassen. Ein Mannheimer Sammler sprang ein, erwarb das Werk und übergab es der Kunsthalle als Dauerleihgabe.

Systematisch fortgesetzt wurde die Provenienzforschung 2011 mit Hannah Krause. Sie hatte die vorhandenen Unterlagen der Kunsthalle gesichtet und festgestellt, dass die Herkunft von über 600 Gemälden und Skulpturen zu prüfen sei. Davon stammten 82 aus dem Handel und bekamen deshalb höchste Priorität. "Insgesamt wussten wir von 613 Objekten nicht mit Sicherheit, ob sie nicht einem verfolgten Vorbesitzer unrechtmäßig entzogen wurden", so Listl. Dazu kommen noch über 1000 Grafiken, hinter deren Herkunft ein Fragezeichen steht.

Der Kunsthistoriker konzentriert sich zunächst auf Gemälde und Skulpturen. Seine Aufgabe ist es, herauszufinden, über welche Wege die Kunstwerke in den Bestand gelangten - eine detektivische Herausforderung. Mathias Listl nutzt Datenbanken wie das "Lost Art"-Register sowie Werkverzeichnisse und Ausstellungskataloge in der Universitätsbibliothek Heidelberg, um die Wege der Arbeiten zu verfolgen. Zum anderen schaut er sich die Rückseite der Kunstwerke an, auf denen zuweilen Stempel oder Aufkleber Auskunft über die Vorbesitzer geben. Auch Geschäftsunterlagen und Nachlässe von Kunsthändlern sind wichtige Quellen.

"Bei August Mackes ,Afrikanischer Landschaft' von 1914, die wir 1951 angekauft haben, habe ich über das Werkverzeichnis und Ausstellungskataloge herausgefunden, dass sich das Gemälde vor 1933 im Besitz von Mackes Witwe befunden hatte", berichtet er. "Das war auch nach 1947 noch der Fall. Damit ist klar, dass die Kunsthalle das Werk aus dem regulären Kunsthandel erstanden hat. So schnell und lückenlos lässt sich das leider nicht immer ermitteln."

Bereits bekannt war, dass die Kunsthalle Mannheim ein Gemälde und eine Plastik besitzt, die aus anderen Museen als entartet beschlagnahmt worden waren. Eine Bronze von Barlach etwa hatte einst dem Frankfurter Städel gehört. Mit der dortigen Provenienzforscherin tauscht sich Listl immer wieder aus. Finanziert wird seine Arbeit von der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzrecherche. Ende Mai 2014 läuft die aktuelle Unterstützung aus, die Kunsthalle beantragt Förderung für ein weiteres Jahr. Die Chancen auf Bewilligung stehen nicht schlecht, denn der Fall Gurlitt hat auch die Bundespolitik aufgerüttelt.

Ungefähr die Hälfte der betroffenen Kunstwerke hat Mathias Listl bereits überprüft. Geplant ist, eventuelle lückenhafte Provenienzen auf der Internetseite der Kunsthalle zu dokumentieren. Spektakuläre Ergebnisse gab es bisher jedoch noch nicht. "Natürlich ist nicht abzusehen, was ich noch herausfinde", sagt der Kunsthistoriker. "Eines kann ich aber mit Sicherheit ausschließen: Einen zweiten Fall Gurlitt gibt es bei uns nicht."

http://www.rnz.de/kulturregional/00_20140313060000_110643004-Sind_die_613_Gemaelde_und_Skulpturen_NS_Raubku.html
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