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Görings Diebestour - Göring's Thieving Spree

1970
1945
Junge Welt 27 August 2014
Von Horsta Krum

Am 27. August 1944 endete der Kunstraub der Nazis in Frankreich. Der ­letzte Transport mit Schätzen konnte mit Hilfe der Museumsmitarbeiterin Rose Valland gestoppt werden


Reichsmarschall auf Beutezug: Hermann Göring ließ sich mit Duldung Hitlers Züge voll mit Kunstwerken aller Art aus dem besetzten Frankreich nach Deutschland bringen (Aufnahme vom 12.1.1938 auf Görings Wohnung in Berlin)

Paris feierte am 27. August 1944 die Befreiung der Stadt durch die Kräfte der Résistance und der Freien Französischen Streitkräften. Die Bevölkerung jubelte. Doch die Nazis, die seit dem 14. Juni 1940 die Metropole fest im Griff hatten, waren noch nicht überall vertrieben. Schon zu Beginn des Monats hätte ein Zug voller Kisten mit Kunstgegenständen in Richtung Deutschland abfahren sollen. Derartige Transporte waren seit Februar 1941 von Paris aus gestartet, alle beladen mit Gemälden und Skulpturen, auch mit Möbeln, Wandteppichen, Schmuck, Bibliotheken – mit wertvollem Kulturgut, das die deutschen Besatzer in Frankreich geraubt hatten.

Der erste faschistische Kunsträuber dort war der deutsche Botschafter Otto Abetz. Kaum waren die Deutschen in Paris einmarschiert, kaum hatte der neue Staatschef des unbesetzten Teils Frankreichs,1 Philippe Pétain, den erzwungenen Waffenstillstand unterzeichnet, da besaß Abetz schon das Einverständnis von Hitler und seinem Außenminister Joachim von Ribbentrop: Er sollte wertvolles Kulturgut, staatliches wie auch privates, »sicherstellen«, sprich: konfiszieren. So rollten schon bald Lastwagen mit schweren Kisten aus dem Besitz jüdischer Familien und dem von Kunsthändlern auf das Gelände der deutschen Botschaft in Paris.

Widerspruch kam vom »Kunstschutz«, der dem Oberkommando des Heeres-Generalquartiermeisters unterstand. Der Schutz von Kunstwerken in besetzten Gebieten war in der Haager Landkriegsordnung von 1907 festgelegt, der Deutschland 1910 beigetreten war. Der Leiter der Einrichtung, Franz Graf Wolff-Metternich, argumentierte: Kunstsammlungen müßten in ihrer Gänze erhalten bleiben und dürften nicht durch einen Transport weg von dem Ort, wohin sie von den Franzosen zu Kriegsbeginn ausgelagert worden waren, gefährdet werden. Außerdem sollten Kunstschätze nach Hitlers Willen bei einem künftigen Friedensvertrag Verhandlungsgegenstand sein. So erreichte Wolff-Metternich tatsächlich, daß das staatliche Kulturgut unangetastet blieb – bis auf wenige von Hitler und Reichsmarschall Hermann Göring erzwungene Tauschaktionen. Private Kunstschätze, besonders die von jüdischen Familien, konnte der Kunstschutz jedoch nicht retten.

Rivalitäten um Kunstschätze

Abetz führte seinen Kunstraub so früh und so schnell durch, daß er dem »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« (ERR) zuvorkam. Diese Organisation war Teil der NSDAP, anfangs erfaßte sie bloß »typisch jüdisches« Kulturgut aller Art in den besetzten Ländern, recht bald aber ging sie dazu über, das Kulturgut zu konfiszieren. Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nazis, wußte von Görings unersättlicher Gier nach wertvollen Dingen. In der Absicht, für sein Institut, die »Hohe Schule«, reichlich Anschauungsmaterial für »undeutsche« Kunst an sich zu ziehen, diente er sich dem Reichsmarschall an und handelte gegen Abetz.

Dieser hatte inzwischen alle Räume der Pariser Botschaft so weit mit Raubgut angefüllt, daß ein Innehalten zwingend wurde. Rosenberg suchte darum mit Görings Zustimmung Platz für die Unterbringung der Schätze. Er fand ihn mit dem Pariser Kunstmuseum »Jeu de Paume«2, das ursprünglich Sammlungen der damaligen Moderne, also Impressionisten und Expressionisten, beherbergte. Ein Drittel der Werke war zu Beginn des Krieges ausgelagert worden, die Arbeiten ausländischer Künstler befanden sich im Keller. Das Museum stand also leer.

Im Jeu de Paume arbeitete seit 1931 die Kunsthistorikerin Rose Valland. Aus Liebe zur deutschen Kunst hatte sie die Sprache der jetzigen Besatzer gelernt. Ihre äußere Erscheinung war unauffällig, zurückhaltend, »discrète«, wie es im Französischen heißt. Sie war sich mit ihrem Vorgesetzten Jacques Jaujard, dem Direktor der staatlichen Museen, einig, daß sie, wenn irgend möglich, im Jeu de Paume bleiben sollte – was auch gelang. Die Deutschen brauchten sie als Ansprechpartnerin auch für gelegentliche Schreibarbeiten und vor allem als Verbindungsglied zu den sieben Mitarbeitern des technischen Personals, das für Heizung, Elektrizität und Sauberkeit zuständig war.

Am 1. November 1940, früh am Morgen, ergriff der ERR Besitz vom Jeu de Paume und verfiel in hektische Betriebsamkeit: Über 400 Kisten kamen mit Lastwagen aus der deutschen Botschaft und dem Louvre, wurden abgestellt, einige auch unsanft fallengelassen und rasch ausgepackt. Experten wählten Gemälde aus und hängten sie an die Wände.

Am nächsten Morgen kam der Reichsmarschall, für den diese Ausstellung in fieberhafter Eile gemacht worden war. Valland erinnert sich: »Göring in Zivil, langem Mantel und Hut in die Stirn gezogen, betritt die Szene, begleitet von seinem Kunstexperten Walter Andres Hofer, von Repräsentanten des Einsatzstabes und der Luftwaffe. Zwischen diesen Offizieren in großer Uniform erschien die korpulente und bourgeoise Silhouette des Besuchers erstaunlich mittelmäßig. Göring sieht sich alle Gemälde nacheinander an, jedes einzelne, interessiert sich für jedes. Das Kriegsglück hat ihm auf Gnade und Ungnade einige der berühmtesten Werke ausgeliefert, von Rembrandt, Teniers, Vermeer, Renoir oder Gauguin. Und diese Ausstellung war nur für ihn ganz allein zusammengestellt worden! Hätte diese erste Ausstellung den Reichsmarschall nicht derartig begeistert, dann wäre wohl die Geschichte von Rosenbergs Stab und die der geraubten Kunst anders verlaufen.«3

Tags darauf besuchte Göring erneut die Kunststätte. Er verlangte, die Ausstellung um die noch verpackten Kunstwerke zu erweitern. Später besichtigte er alles noch einmal und war hingerissen: »Sehr leutselig, das Gesicht ganz entspannt, stieß er Rufe des Entzückens aus, um die Schönheit seiner Lieblingskunstwerke zu würdigen; diskutierte mit den Experten, die ihn umgaben; nahm Gemälde in die Hand, um sie aus der Nähe anzusehen, wie ein wirklicher Kenner.«4 Bei diesen Kunstwerken handelte es sich nur um jene, die sich Abetz seit dem Sommer 1940 angeeignet hatte.

Doch Göring konnte nicht gleich die ausgewählten Exponate auf sein Gut Carinhall in der Schorfheide bringen lassen. Es waren noch »Formalitäten« zu erledigen, um den Schein von Rechtmäßigkeit gegenüber dem Kunstschutz und dem ERR zu wahren, bevor er seine Beute an sich reißen konnte. In seiner Gier hatte er es dennoch so eilig, daß er die Zustimmung Hitlers nicht abwartete. Den Experten gab er Anweisung, Kunstwerke zu registrieren und auszusortieren, sogar Rechnungen ließ er sich ausstellen.

Rosenberg, der zu diesem Zeitpunkt in Berlin war, erfuhr von Görings Besuch und schickte seinen vertrauten Mitarbeiter Robert Scholz5 sofort nach Paris. Hitler hatte aber Göring inzwischen bevollmächtigt, über die beschlagnahmten Kunstwerke zu verfügen. Rosenberg war ausgebootet worden. Vor kurzem noch hatte er mit Hilfe Görings und der Militärverwaltung die Schätze aus den Händen von Botschafter Abetz gerissen und ins Jeu de Paume abtransportieren lassen, jetzt machte Göring den ERR zu seinem ausführenden Organ und dessen Leiter Rosenberg zu seinem Diener. Um einem offenen Konflikt zuvorzukommen, schrieb Göring am 21. November an seinen »Kameraden« Rosenberg und gab zwingende Gründe für sein Verhalten an: Er habe ja schon sehr lange verborgene Kunstschätze aus jüdischem Besitz mit Hilfe von Detektiven und korrupten Franzosen aufgespürt; dies werde fortgeführt, z.B. in Banken. Der ERR werde von den Ergebnissen unterrichtet, um dann die Gegenstände abzutransportieren und weiterzuleiten. Im übrigen sei seine, Görings, Kunstsammlung ja für Deutschland bestimmt. Damit stand fest, wer im Jeu de Paume die Verfügungsgewalt besitzt und wer ausführendes Organ ist. Dieser Zustand dauerte bis Anfang 1943.

Immer wieder protestierten der Direktor der staaatlichen Kunstsammlungen, Jaujard, mit seinem Mitarbeiterstab und Dienststellen der Vichy-Regierung6 beim deutschen Militärregime, bei der Waffenstillstandskommission und anderen Einrichtungen; Wolff-Metternich unterstützte sie dabei. Keine deutsche Dienststelle erklärte sich für zuständig. Göring, direkt angesprochen, antwortete, daß er die Angelegenheit mit dem Führer selbst klären werde. Als Wolff-Metternich im Februar 1941 ins Jeu de Paume kam, empfing Göring ihn nicht.

Göring greift zu


Gehörte zu Görings erbeuteten Lieblingskunstwerken: Lucas Cranachs d. Ä. »Venus« aus dem Jahr 1532

Das Jahr 1941 bedeutete den Höhepunkt der hektischen Tätigkeit im Jeu de Paume: Immer neue Kisten trafen ein. Die Mitarbeiter des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg fanden für ihre Arbeit kaum noch Platz in den neun Ausstellungssälen und konnten nur unter enormen Zeitdruck alles auflisten. Obwohl im Oktober 1940 in langwierigen Gesprächen zwischen dem ERR und der Leitung der Nationalmuseen vereinbart worden war, daß es auch ein französisches Inventar geben solle, war Rose Valland von dieser Tätigkeit ausgeschlossen.

1941 kam Göring zehnmal ins Jeu de Paume, begeisterte sich immer wieder an den inzwischen eingetroffenen Kunstwerken. Sein erster Besuch in jenem Jahr fand am 4. Februar statt. Da er über seine Paris-Reisen erst einen oder zwei Tage vorher entschied, mußte in aller Eile eine Exposition für ihn zusammengestellt werden. Die Hektik war dann noch größer als sonst, die Deutschen sprachen miteinander im Flüsterton, und schließlich rückte die Gestapo an – untrügliche Vorzeichen seines Besuchs. Diesmal galt seine Aufmerksamkeit der flämischen Schule und den Werken aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts. Rose Valland berichtet: »Die Venus von Boucher erfüllte gleich zwei Auswahlkriterien für seine Sammlung: die französische Kunst des 18. Jahrhunderts und die Ästhetik des Weiblichen. Eine andere Venus, die von Cranach (dem Älteren; H.K.), sollte auch auf die Reise gehen. (…) Für Göring war sie unschätzbar wertvoll, liebte er doch diesen Deutschen ganz besonders und hatte am Kriegsende tatsächlich 52 Gemälde des Meisters in seinen Besitz gebracht!«7

Vier Tage später verließen diesmal die ersten Kisten mit geraubter Kunst das Jeu de Paume. Ob nun aus Klugheit, um den Schein zu wahren oder aus Vasallentreue gegenüber dem Lehnsherren, jedenfalls profitierte Hitler von diesem Transport. Fünfzehn Kisten waren für ihn bestimmt, fünf davon aus der Sammlung der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild mit Gemälden von Frans Hals, Rembrandt, Goya u.a. Was Göring auswählte, wurde in Lastwagen gestapelt, am Pariser »Gare du Nord« in Eisenbahnwaggons umgeladen und nach Deutschland geschickt. Die Transporte gelangten über Füssen in die Schlösser Ludwigs II. von Bayern.

Das war, so stellte Valland sarkastisch fest, die »ironische Antwort« Görings auf die zahlreichen Einsprüche des Kunstschutzes, des Museumsdirektors und einiger (neidischer) Nazigrößen gegen den Abtransport der konfiszierten Kunstwerke nach Deutschland. Die Proteste gingen weiter, in der Hoffnung, daß die Militärverwaltung einschreiten würde – vergeblich.

Das Jahr 1942 verlief zunächst ruhig, weniger Kisten mit Kunstwerken trafen ein, Göring tauchte seltener auf. Die Mitarbeiter des ERR legten gründlich Listen an und führten die sogenannte Möbelaktion durch: Wohnungen von Juden, Kommunisten, Freimaurern wurden nach Mobiliar und anderen Gegenständen durchsucht. All das traf nun in großer Zahl im Jeu de Paume ein. Sogar aus repräsentativen Gebäuden, die die Nazis besetzt hatten, wurde alles Wertvolle abtransportiert. Auch das, was Franzosen dem Staat vermacht hatten, bevor sie flohen, wurden konfisziert, trotz des Protests der Vichy-Regierung, die sich als rechtmäßige Eigentümerin sah.

Im Jahr 1943 wurde Hermann Voss, der Verantwortliche für das in Linz geplante sogenannte Führermuseum, der Bevollmächtigte für das französische Raubgut. Der ERR konnte seine Machenschaften in Paris noch zu Ende bringen; die bestanden u.a. in der Verbrennung von Werken der modernen Kunst, die die Nazis als »entartet« bezeichneten. Züge mit Wertsachen fuhren auch weiterhin nach Deutschland.8

Die Kunstraubliste

Und welche Rolle spielte Rose Valland bei all dem? Am 1. November 1940, als der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg vom Jeu de Paume Besitz ergriff, begannen sie und einige Mitarbeiter des Louvre mit der Auflistung der konfiszierten Kunstwerke. So war es mündlich zwischen dem ERR und Direktor Jaujard vereinbart worden. Hermann Bunjes, Obersturmführer der SS und einer der Verantwortlichen des ERR, schickte jedoch die Mitarbeiter des Louvre weg und machte unmißverständlich klar, daß es eine französische Inventarliste der geraubten Kunstwerke nicht geben werde. Diese erstellte Valland heimlich: Von ihrem kleinen Büro aus, von der Größe her eher eine Telefonzelle, hatte sie einen guten Überblick über das, was sich im Eingangsbereich abspielte. Mit der Begründung, Heizung, elektrische Anlagen usw. zu überprüfen, betrat sie immer wieder die Säle mit den Kunstwerken, notierte heimlich Aufschriften der Kisten und all das, was sie aus den Gesprächen der Deutschen vom ERR aufschnappte. Ihre französischen Mitarbeiter, zu denen sie ein vertrauensvolles Verhältnis hatte, berichteten ihr regelmäßig, was sie beobachteten. Einer half öfter beim Packen, konnte also viel über Herkunft und Bestimmungsort der Kunstwerke sagen. Von einem Chauffeur, der für die Deutschen arbeitete, erfuhr sie Transportwege der Kunstwerke. Die Papierkörbe durchsuchte sie nach Zetteln, weggeworfenen Dokumenten etc.

Ihre Erkenntnisse teilte sie Jaujard mit. So konnte der sich bereits nach dem ersten Göring-Besuch mit Verantwortlichen der Vichy-Regierung und Wolff-Metternich absprechen und die erste Protestnote an das Oberkommando des Heeres-Generalquartiermeisters formulieren. Auch nach dem 4. Februar 1941, als klar war, daß die privaten Kunstsammlungen zum Abtransport nach Deutschland bestimmt waren, gab Valland diese Erkenntnis sofort weiter.

Ein besonderes Vertrauensverhältnis hatte sie zu einem Assistenten des Louvre, der wegen seiner Arbeit viel in Frankreich herumreisen mußte. Er gehörte der Résistance an und hatte enge Beziehungen zu den Eisenbahnern. Seine Erkenntnisse über Wege, die die geraubten Kunstwerke zurücklegten, und die von Valland ergänzten sich. So legte sie nach der Befreiung von Paris Ende August 1944 die umfangreichste Liste mit Lagerstätten des Raubgutes vor. Mit diesen Angaben konnten die Alliierten deutschen Zerstörungskommandos zuvorkommen und hastige Weitertransporte der Kunstwerke verhindern.

Bunjes, der Anfang November 1940 die Mitarbeiter des Louvre aus dem Jeu de Paume weggeschickt hatte, wollte anfangs auch Rose Valland entfernen. Doch Kurt von Behr, der in der Hierarchie des ERR höher stand, fand ihr Bleiben nützlich, plante aber, sie am Ende des Krieges nach Deutschland zu verschleppen und hinter der Grenze als lästige Zeugin zu »liquidieren«.9 Mehrmals wurde sie der Sabotage bezichtigt, beispielsweise, als während eines Verdunklungsbefehls Licht aus einem defekten Dachfenster fiel. Es kam in der Hektik auch vor, daß Kunstgegenstände verschwanden, wofür der ERR die Museumsmitarbeiterin verantwortlich machte.

Im August 1944 war ihr Leben doppelt in Gefahr. Die Mitglieder des ERR hatten das Jeu de Paume bereits geräumt und sich selbst in Sicherheit gebracht. Am 19. August, einen Tag, nachdem die Freien Französischen Streitkräfte den Aufstand in Paris ausgerufen hatte, machten die Deutschen das Jeu de Paume wegen seiner strategischen Lage mitten in Paris zu einem Vorposten, den sie aufgeben und notfalls sogar sprengen würden. Aber im Keller waren ja Kunstwerke gelagert, also blieb Valland mit zwei Mitarbeitern, von Stacheldraht eingezäunt und ständig von den Deutschen beobachtet. Am 25. August eroberte die Befreiungsarmee das Gelände, großer Schaden entstand nicht.

Aber damit war die Gefahr nicht vorüber. Am 25. unterzeichnete auch der Oberbefehlshaber von Paris, General Dietrich von Choltitz, die Kapitulation. Es fand das große Siegesdefilee statt. Einer der Mitarbeiter wollte dabeisein und hatte das Gebäude verlassen. Kurz zuvor war von den umliegenden Dächern geschossen worden. Deshalb stürzten sich Menschen auf ihn als den vermeindlich Schuldigen. Es gelang Rose Valland nur mit Mühe, ihn mit Hilfe eines Offiziers zu befreien. Dann drang die Menge, von Panik ergriffen, ins Jeu de Paume ein, um Schutz vor weiteren Schüssen zu suchen. Valland versuchte, sie von den Kellerräumen fernzuhalten. Die aufgebrachte Menge vermutete, daß sich dort Deutsche versteckt hätten, wollte sich an ihr vergreifen; Soldaten der Befreiungsarmee packten sie unsanft und führten sie mit angelegtem Gewehr hinunter. Als die Situation geklärt war, evakuierten die Soldaten das Museum – Valland und ihre Mitarbeiter konnten aufatmen: Der Krieg ist zu Ende!

Eisenbahner helfen

Aber es gab noch einen letzten mit Raubgut beladenen Zug, der auf der Strecke geblieben war. – Am 1. August hatten Mitarbeiter des ERR 148 Kisten auf Lastwagen geladen. Valland war erleichtert zu hören, daß diese nicht direkt nach Deutschland fuhren, sondern nur zum Bahnhof. Das bedeutete Zeitgewinn. Die fünf Eisenbahnwagen mit den Kunstwerken wurden am nächsten Tag versiegelt. Doch die Abfahrt verzögerte sich, es sollten noch weitere 47 Waggons mit Möbeln beladen werden. Das dauerte reichlich zehn Tage, denn die Soldaten waren ungeübt und sollten möglichst viel aufladen. Da die Deutschen mehrere Züge in Gang gesetzt hatten, mußte der Spezialzug, zusammen mit anderen, mehrere Tage in einem Pariser Vorortstransportbahnhof warten. Der hohe EER-Beamte Kurt von Behr, begleitet von einer bewaffneten Einheit, drängte zur Abfahrt.

Valland hatte die Nummern der Wagen notiert und Jaujard gebeten, diese an die Zentrale der staatlichen Eisenbahn (SNCF) durchzugeben. Dort identifizierten Mitarbeiter den Zug, der dann wegen einer von ihnen provozierten technischen Panne nur ganz langsam vorankam. In Aulnay-sous-Bois, einem anderen Vorort der Hauptstadt, leiteten die Eisenbahner den Zug auf ein Nebengleis mit der Begründung, daß für diese schwere Ladung eine stärkere Lokomotive nötig sei. Nach 18 Stunden war die Abfahrt unvermeidlich – aber da rückte die Panzerdivision der Freien Französischen Streitkräfte unter dem Befehl von Jacques-Philippe Leclerc an. Der General wurde sofort von der SNCF informiert und kommandierte eine Einheit zum Bahnhof ab, die die deutsche Bewachung gefangennahm. Der Kommandant dieser Einheit war der Sohn des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg; Teile seiner Sammlungen befanden sich im Zug.

Wenige Tage später konnte Valland die zurückgekehrten Gemälde im Jeu de Paume begutachten: Cézanne, Monet, Gauguin, Picasso, Toulouse-Lautrec … Alle, die sie heimlich registriert hatte, waren da – wenigstens von diesem Zug!

Anmerkungen

1 Im Waffenstillstandsabkommen vom 25. Juni 1940 wurde festgelegt, daß knapp zwei Drittel des Landes, einschließlich Paris, unter deutscher Besatzung standen. Vichy wurde der Regierungssitz der unbesetzten Zone. Ab November 1942 war ganz Frankreich besetzt.

2 Das »Jeu de Paume« wurde im 19. Jahrhundert als Sporthalle für das »Spiel mit der Handinnenfläche«, dem Vorläufer des Tennis, gebaut und gehört seit 1909 zu den staatlichen Museen.

3 Rose Valland: Le Front de l’art. Défense des collections françaises 1939–1945, Paris 2014, S. 85 (alle Übersetzungen daraus von H. K.)

4 Ebd., S. 83

5 Scholz war Hauptstellenleiter für bildende Kunst im sogenannten Amt Rosenberg der NSDAP und hatte 1938 der »Kommission zur Verwertung der beschlagnahmten Produkte entarteter Kunst« angehört. Diese war von Propagandaminister Joseph Goebbels einberufen worden, um beschlagnahmte Kunstwerke zum Verkauf gegen Devisen auszuwählen.

6 Siehe Anmerkung 1

7 Rose Valland, a.a.O., S. 92

8 Die vorläufige Bilanz aus dem Juli 1944, die aber von zu niedrigen Zahlen ausgeht, gibt 21903 Kunstwerke an, darunter 10890 Gemälde, 583 Plastiken, 2477 Möbel von historischem Wert, 1286 archäologische Fundstücke. Im Buch von Michel Reyssac: »L’Exode des musées« (2007) finden sich diese und viele andere Statistiken.

9 Aussage von Bruno Lohse, Mitarbeiter des ERR, bei einem Verhör vor dem Militärtribunal in Paris 1950.

Horsta Krum schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 24. und 27.12.2013 über den Umgang der Nazis mit »entarteter Kunst« und den evangelischen Kunstdienst.


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