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Gurlitt und sein K├╝nstlerfreund - Gurlitt and his Artist Friend

1970
1945
Frankfurter Allgemeine Zeitung 2 September 2014
Von Julia Voss

Warum vermachte der Sammler Cornelius Gurlitt seine Bilder dem Berner Kunstmuseum? Eine Ausstellung in Aarau liefert Hinweise. Sie führen zu dem im Nationalsozialismus verfemten Maler Karl Ballmer zurück - und zum Gegenwartskünstler Marc Bauer hin.


Marc Bauers Gemälde: Goebbels 1938 in der Schau „Entartete Kunst“. Ballmer galt als „entartet“, Hildebrand Gurlitt verkaufte die Werke.

Als der Fall Gurlitt im November des vergangenen Jahres bekannt wurde, sagten während der ersten Tage noch viele: Darüber müsste man einen Roman schreiben. So viel Geschichte, so viel Moral, so viele Doppeldeutigkeiten, so viele Grauzonen. Wenig später meldeten sich tatsächlich die ersten Schriftsteller bei uns, die kleine Texte anboten, Erzählungen zum Fall Gurlitt - und sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückzogen. Die Gründe für diese Rückzieher waren fast dieselben, die sie zuvor zum Schreiben bewogen hatten: zu viel Geschichte, zu viel Moral, zu viele Doppeldeutigkeiten, zu viele Grauzonen. Jeden Tag, manchmal stündlich, lieferte die Berichterstattung Neues zum Fall, der immer vielschichtiger wurde, detailreicher, aber unklar blieb. Erst, so schien es, müssten die Historiker recherchieren, die Stunde der Schriftsteller würde später kommen.

Nun hat Marc Bauer, ein bildender Künstler, Jahrgang 1975, der in Genf und Amsterdam studiert hat, den Fall Gurlitt aufgegriffen. Das hat zwei Vorteile: Zum einen kombiniert Bauer in seiner Arbeit Wort und Bild, er legt sich also nicht auf ein Medium fest. Zum anderen wird bei ihm aus Gurlitt eine Nebenfigur, die Hauptfigur aber ist ein Maler, Karl Ballmer, geboren 1891 in Aarau. „Ich kannte Ballmer nicht, bis mich das Aargauer Kunsthaus zu einer Ausstellung einlud“, sagt Marc Bauer im Gespräch mit dieser Zeitung. Seine Zeichnungen - auf der Wand und auf Papier - sind Teil der Gruppenausstellung „Docking Station“, bei der Gegenwartskünstler eingeladen wurden, sich mit Werken aus der Sammlung zu beschäftigen.

Bauer wählte zwei Gemälde von Ballmer. Beide tragen den Titel „Sphinx“. Die eine, düster, ausgemergelt, bedrohlich, stammt aus dem Jahr 1931. Die andere, so Bauer, wirke fast „kindlich, fröhlich“, gemalt wurde sie 1935/46. Bauer sieht in ihnen Verkörperungen von Geschichte: Sie stünden für Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus, sie seien der Anfang und das Ende, zwei Wächter der Ereignisse. 1931 ahnte Ballmer, der damals in Hamburg lebte, was kommen würde, vielleicht fürchtete er es mehr, als dass er es wusste. 1946, in dem Jahr, als er die zweite Sphinx vollendete, wohnte er in der Schweiz und feierte den Sturz des Regimes, vor dem er 1938 geflohen war, mit einem blaubeschopften Wesen, das wie ein bodenständiger Verwandter von Paul Klees „Engel der Geschichte“ aussieht.

Als sei man in eine Graphic Novel geraten

Der Besucher des Aargauer Kunsthauses sieht nun Ballmers Sphinx-Gemälde zusammen mit den Zeichnungen von Marc Bauer. Sie geben den Gemälden eine Geschichte, es sind Szenen aus der Historie, und sie handeln auch von Hildebrand Gurlitt. Auf einem Papier, das Bauer an die Wand geheftet hat, erzählt er, handgeschrieben in Druckbuchstaben, was Gurlitt und Ballmer verbindet: „Mitte 1938 übersiedeln Ballmers von Hamburg nach Basel, wo sie zuerst Wohnsitz nehmen. Durch seine Beziehung zu Dr. Gurlitt spielt Ballmer hier im Frühjahr 1939 offenbar eine wichtige Rolle in der Vermittlung von ,Entarteter Kunst‘ für das Basler Kunstmuseum.“

 
Marc Bauer in seinem Berliner Studio

Hildebrand Gurlitt zählte zum Kreis der Kunsthändler, die von den Nationalsozialisten mit dem Verkauf der beschlagnahmten Kunst ins Ausland beauftragt worden waren. Gurlitt und Ballmer kannten sich aus der Zeit davor. Noch 1936 hatte Gurlitt in seiner Galerie den Künstler ausgestellt. Ein Jahr darauf wurden neun seiner Grafiken aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe konfisziert, sie galten als „entartet“; im selben Jahr heiratete Ballmer seine langjährige Freundin Katharina van Cleef, eine Jüdin, womöglich auch, um sie zu schützen. Im Jahr darauf verlassen sie Deutschland und ziehen zurück in die Schweiz.

Für beide, Ballmer und Gurlitt, war die Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ ein Wendepunkt. Gurlitt machte Karriere, Ballmer ging ins Exil. In einer riesigen Wandzeichnung hat Marc Bauer eine Schlüsselszene festgehalten, den Moment, als Joseph Goebbels die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ bei ihrer Station in Berlin besuchte, das war 1938. Fast lebensgroß geht Goebbels auf den Besucher von der Wand aus zu, es ist, als sei man in eine Graphic Novel geraten, natürlich weiß man, dass man umblättern kann, sich umdrehen und gehen.

Ballmers Vertrauen in Gurlitt

Aber die Größe des Bildes, seine Unmittelbarkeit ziehen einen hinein in die anderen Bilder, die Marc Bauer im Raum verteilt hat: weitere gezeichnete Ansichten der „Entarteten Kunst“ - oder auch Porträts von Ballmer und Käthe van Cleef 1955 im Tessin. Der Maler trägt ein helles Hemd, im Hintergrund stehen Gartenstühle, die Szene ist sommerlich. In der Nachkriegszeit hielten Gurlitt und Ballmer Kontakt, auch das erfährt man in der Schau: „Nach dem Krieg wurden die beiden Gurlitt-Kinder (Cornelius und Renate oder ,Benita‘) dann für ein halbes Jahr zu Ballmers in das Tessin zur Pflege gegeben. Vater und Sohn besuchten auch später mehrere Male gemeinsam Karl und Katharina Ballmer.“

Was wusste Ballmer über seinen Freund Gurlitt? Dessen Engagement für die moderne Kunst war ihm sicherlich bekannt, vermutlich auch, dass ihn dieses 1930 den Posten als Museumsdirektor in Zwickau gekostet hatte, 1933 den des Leiters vom Hamburger Kunstverein. Vielleicht erfuhr Ballmer auch von Gurlitts jüdischer Großmutter, wer, wenn nicht der Malerfreund, der 1937 eine Jüdin heiratete? Nach dem Krieg bestätigt Ballmer, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt bei dessen Schweiz-Besuch 1943 zwei Bilder geschenkt zu haben, eines von Picasso, das andere von Chagall. Hat Gurlitt bei seinem Besuch damals davon erzählt, dass er zum Großeinkäufer für Hitlers „Führermuseum“ in Linz aufgestiegen war und für Millionenbeträge in Frankreich Kunst erwarb? Das weiß bisher niemand.


Ballmers „Sphinx“ von 1931; 1936 stellte Gurlitt den Künstler aus.

„Die Tatsache“, sagt Bauer, „dass Ballmer mit Gurlitt so eng befreundet war, hat meine Sicht auf ihn geändert.“ Ein Artikel in der „Berner Zeitung“ machte ihn auf die Verbindung aufmerksam, danach begab er sich auf die Suche in Bibliotheken, Archiven und in die Karl Ballmer Stiftung. Er habe Gurlitt zuerst nur für einen opportunistischen Kunsthändler gehalten, der für die Nationalsozialisten arbeitete. Ballmer aber habe ihn beeindruckt, sein Vertrauen in Gurlitt gebe ihm zu denken: „Wir müssen noch viel recherchieren.“ Das Folkwang Museum in Essen hat Bauer eingeladen, der Verbindung weiter nachzugehen. Im Oktober wird er dort ausstellen.

Karl Ballmer starb 1958, Hildebrand Gurlitt 1956. Sein Sohn Cornelius vermachte in seinem Testament die Sammlung, die er geerbt hatte, dem Kunstmuseum in Bern. Der Sphinx-Maler Ballmer, den er als Kind besuchte, stammte aus Aarau, einer Stadt zwischen Basel, Zürich und Bern. Vielleicht spielte die Erinnerung daran bei seiner Entscheidung für das Berner Museum eine Rolle.

 

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