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Museum für Kunst und Gewerbe sucht nach Nazi-Raubkunst - Museum for Applied Arts searches for Nazi-looted art

1970
1945
Hamburger Abendblatt 11 September 2014
 

"Wir wollen nichts haben, was uns nicht gehört." Auch prominente Hamburger Familien waren offenbar in den Besitz von Nazi-Raubkunst gelangt.


Ein Mann schaut sich im Museum für Kunst und Gewerbe in der Ausstellung "Raubkunst? Provenienzforschung am MKG" Silberbesteck aus ehemals jüdischem Besitz an

Hamburg. Eine neue Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gibt Einblick in die Suche nach NS-Raubkunst. Laien wüssten oft wenig darüber, wie kompliziert die Suche in Archiven, Ausstellungskatalogen und privaten Briefwechseln sei, sagte Museumsdirektorin Susanne Schulze bei der Präsentation.

Ihr Haus sei das bundesweit erste Museum für angewandte Kunst, das die Provenienzforschung seit vier Jahren systematisch betreibe. Schulze: "Wir wollen nichts haben, was uns nicht gehört." Die Ausstellung "Raubkunst?" ist bis zum 1. November 2015 zu sehen.

Empfangen werden die Besucher von einer historischen Vitrine, gefüllt mit silbernen Kannen, Bechern und Besteck. 1939 hatte das NS-Regime Juden den Besitz von Edelmetallen weitgehend verboten, beschlagnahmtes Silber sollte eingeschmolzen werde.

Die Stadt Hamburg kaufte dem Staat 1940 einen Teil des Silbers ab, um es für ihre Museen zu retten. Gelagert wurden die rund 30.000 Teile im "Silberkeller" der Finanzbehörde. Nach Kriegsende wurde ein Teil an Besitzer oder Erben zurückgegeben und für die übrigen Schmuckstücke eine Abgeltung gezahlt. "Wir besitzen dieses Silber also rechtmäßig", sagte Kuratorin Silke Reuther.

Untersucht wurde auch die asiatische Sammlung des Hamburger Tabak-Industriellen Philipp F. Reemtsma, die dem Museum 1996 geschenkt wurde. Reemtsma hatte die rund 340 chinesischen Kunstgegenstände zwischen 1934 und 1940 erworben. Zum Auftrag des Museums gehört nach den Worten Reuthers auch die Prüfung von Schenkungen. Bei gut einem Viertel der Kunstgegenstände wurde eine einwandfreie Herkunft festgestellt, andere wurden in der Datenbank "Lost Art" öffentlich gemacht.

Das deutsch-amerikanische Sammler-Ehepaar Emmy und Henry Budge wollte seine Kunstsammlung einschließlich Alstervilla in den zwanziger Jahren noch der Stadt Hamburg vererben. Mit der Machtübernahme der Nazis machte Emma Budge das Testament rückgängig und setzte Erben ein. Die Sammlung wurde dennoch 1937 unter Wert versteigert, die Villa von NSDAP-Gauleiter Karl Kaufmann übernommen. Das Geld floss in die Staatskasse.

Geklärt werden muss noch die Herkunft der Glassammlung des Münchners Oskar Zettler. Er hatte antike Gläser aus Syrien 1937 an das Hamburger Museum verkauft. Ob die Gläser unter Druck verkauft wurden oder weil sein Sohn kein Interesse daran hatte, stehe noch nicht zweifelsfrei fest, sagte Reuther.

Klar wurde bei ihrer Recherche allerdings, dass die römischen Gläser 1890 beim Eisenbahnbau in Syrien gefunden und ohne Genehmigung der Behörden nach Deutschland gebracht wurden. Der Blick der Provenienzforschung, so Reuther, gehe weit über die NS-Zeit hinaus.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.


http://www.abendblatt.de/kultur-live/article132162754/Museum-fuer-Kunst-und-Gewerbe-sucht-nach-Nazi-Raubkunst.html
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