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Raubkunst auch in Würzburg? - Looted Art in Würzburg?

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Main Post 5 February 2015

Das sei „kompletter Blödsinn“. Mit diesen Worten reagiert Henrike Holsing auf die Nachfrage, ob tatsächlich rund 1000 Gemälde aus dem Besitz des Kunstsammlersohnes Cornelius Gurlitt in Würzburg eingelagert seien – genauer gesagt, in der Städtischen Sammlung, die im Museum Kulturspeicher beheimatet ist. Holsing, stellvertretende Leiterin des Museums, dementiert: Für diese Behauptung in der Münchner „Abendzeitung“ gebe es keinerlei Hinweise.

Der Zeitungsbericht, der sich auf eine Pressemitteilung des Kulturspeichers bezieht, sorgte am Donnerstag für Aufregung. Auch der Kulturreferent der Stadt Würzburg, Muchtar Al Ghusain, zeigt sich verwundert: Dies könne man aus der Einladung des Kulturspeichers zu einer Pressekonferenz über die Provenienzforschung nicht ableiten. Darin informiert Museumsdirektorin Marlene Lauter, dass zum Bestand der Städtischen Sammlung etwa 1000 Objekte gehören, die zwischen 1941 und 1945 im Kunsthandel erworben wurden. Deshalb stünden sie „unter Generalverdacht“. Es könnte sich also um NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke aus jüdischem Besitz handeln. Dies bestätigt auch Muchtar Al Ghusain: „Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht ausgeschlossen werden, dass es NS-Raubkunst sein könnte.“

In diesem Zusammenhang taucht in Würzburg auch der Name Gurlitt auf. Aber nicht Hildebrand Gurlitt (1895 - 1959) oder dessen Sohn Cornelius Gurlitt (1932 - 2014), der die spektakuläre Sammlung seines Vaters jahrzehntelang in seiner Wohnung in München und in seinem Haus in Salzburg unter Verschluss hielt, stehen im Interesse. Vielmehr befinden sich in der Städtischen Sammlung Werke, die von dem Kunsthändler Wolfgang Gurlitt (1888-1965) erworben wurden. Er war ein Cousin von Hildebrand Gurlitt, dessen Kunstsammlung Anfang November 2013 als „Schwabinger Kunstfund“ der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Nicht erst seit der Münchner Kunstfund monatelang und weltweit für Schlagzeilen sorgte, beschäftigt sich das Museum im Kulturspeicher mit der Erforschung der Provenienz, der Herkunft von Kunstwerken. Sie ist in Würzburg Teil des „Dialogs Erinnerungskultur“. Er wurde vor gut vier Jahren gestartet und setzt sich seither anhand mehrerer Themenbereiche kritisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander.

Seit November vergangenen Jahres nun erforscht im Kulturspeicher die Historikerin Beatrix Piezonka konkret die Herkunft und der Geschichte des Bestands der Städtischen Sammlung. „Das ist eine sehr aufwendige kleinteilige Recherchearbeit“, sagt Henrike Holsing, Projektleiterin für die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung. Unerlässliche Vor- oder Zuarbeit leistet bereits seit Mai 2014 Tom Haasner. Er ist mit der Inventarisation des Bestands beziehungsweise mit der Abstimmung mit der Datenbank beschäftigt; darunter befinden sich alleine 30 000 Grafiken.

Optimal ist natürlich der lückenlose Nachweis der Herkunft beziehungsweise der Besitzverhältnisse: Bei welchem Kunsthändler oder Sammler taucht das Werk zuerst auf, wer oder welches Museum hat es anschließend erworben, wo befindet es sich aktuell? Zumindest die letzte Frage bereitet in Würzburg kein Kopfzerbrechen.

Die Städtische Galerie wurde 1941 gegründet. Im Fokus der Bestandserforschung steht der erste Direktor Heiner Dikreiter und dessen Vorliebe für den von den Nazis bevorzugten Kunststil. Er erwarb laut Henrike Holsing im Auftrag der NS-Stadtregierung zwischen 1941 und 1945 ungefähr 5000 Werke. „Der größte Teil davon wurde direkt von Künstlern gekauft“, so Holding, „etliche Werke kamen durch eine Schenkung in die Sammlung.“ Die meisten Kunstwerke seien also „unverdächtig“. Bei 1000 Objekten jedoch, die aus dem Kunsthandel stammen, wird dagegen „mithilfe der hauseigenen Aktenüberlieferung der Herkunft dieser Werke nachgespürt“. Und nicht selten würde man im Inventar auch auf den Namen von Wolfgang Gurlitt stoßen, informiert Museumsdirektorin Marlene Lauter. Laut Henrike Holsing wurden bis 1945 etwa 70 Werke von Wolfgang Gurlitt geschenkt oder angekauft.

Der Kunsthändler übernahm 1912 in Berlin die bekannte Galerie seines Vaters Fritz Gurlitt. Sein aus Dresden stammender Cousin Hildebrand Gurlitt handelte erst mit Kunst, als er auf Druck der Nationalsozialisten seine Stelle als Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau sowie als Leiter des Hamburger Kunstvereins verlor. Wolfgang wie Hildebrand Gurlitt hatten gute Kontakte in die Kunstwelt. Das machten sich die braunen Machthaber zunutze und beauftragen die Cousins, fürs geplante „Führermuseum“ im österreichischen Linz Kunst zu beschaffen. Dabei störte es die Nazis nicht, dass beide eine jüdische Großmutter hatten.

Wolfgang Gurlitt war allem Anschein nach eine umtriebige ambivalente Persönlichkeit. Und Heinrich Dikreiter suchte dessen Nähe. Henrike Holsing stieß bei ihren Recherchen auf die engen Bande zwischen dem Würzburger Galerieleiter und dem Berliner Kunsthändler. Der erste Kontakt zwischen den beiden war im Jahr 1942, hat die Würzburger Kunsthistorikerin herausgefunden. Damals erwarb Dikreiter bei Gurlitt das „Bildnis eines Herrn“ von Wilhelm Leibl. „Dikreiter hat bei ihm auch Leibl-Werke gekauft, die keine waren.“ Aber das sei erst nach 1945 der Fall gewesen. Dikreiters Ausführungen zufolge habe er Wolfgang Gurlitt nach Würzburg geholt, als dessen Haus in Berlin „in Schutt und Asche fiel“. Gurlitt wohnte für einige Zeit in der Maxstraße. Zudem habe Dikreiter „Ferientage“ in der Villa Gurlitts auf dem „Lenauhügel“ bei Bad Aussee in Österreich verbracht. Von dort aus agierte der Kunsthändler nach dem Zweiten Weltkrieg – und machte weiter für ihn gute Geschäfte, wurde Österreicher und erster Direktor der „Neuen Galerie der Stadt Linz“, die zeitweise sogar nach ihm benannt war (heute Lentos Kunstmuseum).

Nach Ausführungen von Professor Michael John von der Linzer Universität bildeten 117 Gemälde und Grafiken von Wolfgang Gurlitt den Grundstock der Linzer Galerie, obwohl schon damals bekannt gewesen sei, dass bei einigen Werken die Herkunft nicht restlos geklärt ist – und wie sie in die Hände von Wolfgang Gurlitt gelangt sind. Einige mussten später zurückgegeben werden, zum Beispiel ein unvollendetes „Frauenbildnis“ von Gustav Klimt. Andere Bilder seien verschwunden. Aber die umstrittenen Werke aus Linz seien nicht – wie die Münchner „Abendzeitung“ andeutet – in Würzburg gelandet, sagt Henrike Holsing.

Im Kulturspeicher stehen andere Werke, die aus Geschäftsbeziehungen mit Wolfgang Gurlitt stammen, auf dem Prüfstand. Genauer untersucht würde unter anderen das laut Marlene Lauter bei Besuchern beliebte Bild „Dame vor dem Spiegel“. Ferdinand von Lütgendorff-Leinburg hat es 1834 gemalt. Erworben wurde es von Heiner Dikreiter für die Städtische Sammlung am 4. Juli 1942. Wie das Museum weiter mitteilt, hat Wolfgang Gurlitt das Bild am 24. Februar 1942 im Auktionshaus Dorotheum in Wien ersteigert. „Dort fehlen jedoch die Einlieferungslisten“, sagt Henrike Holsing, zudem sei bekannt, dass das Dorotheum auch Auktionen mit enteigneten jüdischem Kulturgut durchgeführt habe.

 

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