News:

Eine deutsche Angelegenheit - A German affair

1970
1945
Süddeutschezeitung 1 December 2015

Die britische Raubkunstexpertin Anne Webber über das Scheitern der Gurlitt-Taskforce.

Interview von C. Lorch, J. Häntzschel


Anne Webber gründete mit David Lewis die Commission for Looted Art in Europe sowie die Raubkunst-Datenbank "Central Registry of Looted Cultural Property 1933-1945", auf der 25 000 Objekte gelistet sind.

Die Taskforce, die nach dem Fund der Sammlung von Cornelius Gurlitt eingesetzt wurde, wird Ende des Jahres aufgelöst. Am heutigen Mittwoch bilanziert die Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel im Kulturausschuss des Bundestags die Ergebnisse. Wir sprachen darüber mit Anne Webber von der Commission for Looted Art in Europe.

SZ: Wie beurteilen Sie die Arbeit der Taskforce?

Anne Webber: Im Westen glauben wir alle an Transparenz und Rechenschaftspflicht. Dazu hätte sich auch die Taskforce verpflichtet fühlen müssen. Sie hat nie erklärt, nach welchen Kriterien sie ein Drittel der Werke unter Raubkunstverdacht gestellt hat. Viele Informationen zur Sammlung Gurlitt wurden nie auf Englisch veröffentlicht, obwohl die meisten Nachfahren der früheren Besitzer kein Deutsch können. Vieles wurde nicht im Netz veröffentlicht, und wenn, dann in einer Form, die keine Suche erlaubt, wie bei Lostart.de. Es gab auch nie einen Zeitplan für die Forschung, obwohl wir oft darum gebeten haben. Es bleibt der Eindruck, dass man das Raubkunstproblem in Deutschland als eine rein deutsche Angelegenheit betrachtet. In Deutschland schaut man nach innen und betreibt Provenienzforschung um ihrer selbst willen.

Wie hätte man denn vorgehen müssen? Man hätte zum einen ein Gremium für die Forschung schaffen müssen. Und zum anderen eine unabhängige Stelle, die nach klaren Prinzipien über die Ansprüche entscheidet. Der Fall Gurlitt war eine echte Gelegenheit für Deutschland. Als die Geschichte bekannt wurde, hat die ganze Welt Deutschland kritisiert. Wir sagten immer: Das ist die Chance für Deutschland, endlich voranzugehen und zu zeigen, wie es richtig gemacht wird.

Anzeige

Aber der Wille war doch da.

Natürlich. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Geld bereitgestellt für die Taskforce und hat später das Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg gegründet. Aber die Frage bleibt: Nach welchen Kriterien wird restituiert? Für eine grundsätzliche Klärung wäre jetzt der richtige Zeitpunkt. Letztlich basierte die Arbeit der Taskforce ja nur auf der Zustimmung von Cornelius Gurlitt, sich den Washingtoner Prinzipien zu unterwerfen. Wir hatten deswegen schon im November 2013 gefragt, wie man den juristischen Rahmen gestalten könnte, um die Rückgabe gestohlener Kunst aus Privatsammlungen generell zu erleichtern. Stattdessen haben sich Politik und Öffentlichkeit ganz auf die Arbeit der Taskforce konzentriert.

Sie fordern andere Gesetze. Was schwebt Ihnen vor?

Österreich, Großbritannien und die Niederlande haben ganz klare Regeln für den Umgang mit Raubkunst. Daran könnte sich Deutschland orientieren.

Was versprechen Sie sich in diesem Zusammenhang vom neuen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg?

Ich habe den Leiter des Zentrums, Uwe Schneede, kürzlich getroffen. Er bekennt sich zu Transparenz und Öffentlichkeit. Aber kann das Zentrum das auch leisten? Seit es im Januar gegründet wurde, ist die Website immer noch überwiegend auf Deutsch. Immerhin kündigt Schneede an, er werde sich mit Juristen zusammensetzen und ihre Vorschläge einbringen. Das begrüße ich sehr. Aber warum bittet man nicht die Organisationen hinzu, die Opfer des Holocaust und des Kunstraubs vertreten? Sie sind unabhängig und verfügen über die Expertise und den Zugang zu Archiven. Das Zentrum sollte es sich zur Aufgabe machen, den Dialog zu moderieren.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/raubkunstexpertin-eine-deutsche-angelegenheit-1.2762446
© website copyright Central Registry 2019