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Gibt es Nazi-Raubkunst im Kunstmuseum? - Is there Nazi-looted art in the Kunstmuseum?

1970
1945
bZ Basel 1 June 2016
von Daniel Ballmer

Das Basler Kunstmuseum will Hundertausende von Franken dafür ausgeben, um sicher zu gehen, dass sich in den eigenen Beständen keine Nazi-Raubkunst befindet.


Das Basler Kunstmuseum will nun prüfen, ob sich auch Raubkunst in seinen Beständen befindet.

Es ist eines der dunklen Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Und die Folgen ziehen sich bis in die Gegenwart. Noch immer befinden sich in zahlreichen Museen und Kunstsammlungen Werke, die den jüdischen Eigentümern einst von den Nazis geraubt, enteignet oder erpresst worden sind. Auch in der Schweiz wird Raubkunst vermutet. Doch bis heute sind erst verhältnismässig wenige Werke ausfindig gemacht worden.

Mit dem Schwabinger Kunstfund im Jahr 2012 ist wieder Bewegung in die Diskussion um Raubkunst gekommen. Der 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, hatte in seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing einen wahren Kunstschatz gehortet. Bei einer Hausdurchsuchung hatten Steuerfahnder dort
1280 Kunstwerke entdeckt. Wegen des Verdachts auf Raubkunst wurden und werden die Bilder durch eine eigens eingesetzte Task-Force auf ihre Herkunft überprüft. Das Interesse daran ist auch in der Schweiz gross, denn als Alleinerben hatte Gurlitt das Kunstmuseum Bern eingesetzt.

Bund will Zeichen setzen

Der Druck steigt. Noch immer sehen sich Schweizer Museen und Sammlungen dem Vorwurf ausgesetzt, ein Hort von Nazi-Raubkunst zu sein. Gleichzeitig werde viel zu wenig dagegen unternommen. Nun aber versucht das Bundesamt für Kultur (BAK), ein Zeichen zu setzen. Im Rahmen der Kulturpolitik 2016 bis 2020 stellt es zwei Millionen Franken als Anschubfinanzierung zur Verfügung. Bewerben können sich Museen und Sammlungen, welche Herkunftsforschung betreiben oder intensivieren wollen.

15 Museen haben sich um Gelder beworben, wie BAK-Sprecherin Anne Weibel erklärt. Profitieren will auch die Kulturstadt Basel: «Ich habe im Dezember die grossen Basler Museen aufgefordert, einen Antrag einzureichen, sofern es entsprechende Substanz dafür gibt», sagt Philippe Bischof. Wie der Leiter der Abteilung Kultur im Präsidialdepartement ausführt, sei es dem Kanton «ein grosses Anliegen, dass die Provenienzsituation der Basler Museen bestmöglich abgeklärt wird».

Beworben hat sich etwa das Kunstmuseum Basel, wie Nina Zimmer bestätigt. Die Vizedirektorin möchte aber nicht von «Herkunftsforschung von Raubkunst», sondern lediglich von Provenienzforschung sprechen. Untersucht werden soll der gesamte Sammlungsbestand an Gemälden und Skulpturen, der zwischen 1933 und 1945 in die Sammlung gekommen ist. Das sind mehrere hundert Werke.

Das Kunstmuseum forsche seit Jahrzehnten zu seinen Werken. Immerhin sei deren Herkunft Teil ihrer Geschichte und berge sehr wichtige Informationen. «Dabei geht es aber nicht um eine Überprüfung wie in der Motorfahrzeugkontrolle: bestanden oder nicht bestanden», betont Zimmer. Das Museum wisse bereits sehr viel über die Herkunft seiner Werke. Mithilfe der Bundesgelder soll dieses Wissen vertieft, Erkenntnisse kombiniert und ausgewertet werden. Dann sollen die Nachweise erstmals auch auf der Internetseite des Museums veröffentlicht und transparent gemacht werden.

Damit ist es noch nicht getan

Das Kunstmuseum Basel hat beim Bund den Maximalbetrag von 100 000 Franken für die Jahre 2016 und 2017 beantragt und wird zusätzlich im selben Umfang Eigenmittel aufwenden. Es werden aber Folgeprojekte nötig sein – etwa beim Kupferstichkabinett, erklärt Vizedirektorin Nina Zimmer. Der hohe Aufwand dürfte mit ein Grund sein, warum viele Schweizer Museen noch keine gross angelegten Projekte zur Klärung der Herkunft fraglicher Werke angestrengt haben. Zum Vergleich: Bei den Recherchen im Fall Gurlitt waren zwischen 2013 und 2015 etwa 45 Mitarbeiter eingesetzt.

Und wenn tatsächlich Raubkunst in der Sammlung des Basler Kunstmuseums auftauchen sollte? «Davon gehen wir nicht aus», stellt Zimmer klar. Sollte es aber doch so weit kommen, würden sich die Museumsverantwortlichen nach den Richtlinien des internationalen Museumsrats (Icom) und den «Washington Principles» verhalten. «Wir würden transparent kommunizieren und eine faire und gerechte Lösung suchen», versichert Zimmer. Trennen würde sich das Kunstmuseum von einem Werk aber trotzdem nur sehr ungern.

http://www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/gibt-es-nazi-raubkunst-im-kunstmuseum-130312813
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