News:

Auf der Suche im Heimatmuseum - Searching History Museums

1970
1945
Volksstimme 8 December 2016
Von Grit Warnat

Nicht große Museen, sondern auch kleine Häuser überprüfen ihre Sammlungen auf NS-Raubkunst.


Mathias Deinert speichert alles Überprüfenswerte, das er in den Museen findet, in seinem Rechner. Zur Konferenz am 12. Dezember wird der Provenienzforscher sein Projekt „Erstcheck zur Provenienzforschung“ in Sachsen-Anhalt vorstellen.

Magdeburg l Mathias Deinert ist Provenienzforscher, jemand der versucht, die Herkunft von Objekten zu klären. Der Potsdamer reist derzeit durch Sachsen-Anhalt und schaut in den Depots von fünf Museen, ob etwas zum Bestand gehören könnte, das in der Nazizeit den eigentlichen Besitzern unrechtmäßig entzogen worden war. Deinert suchte und recherchierte schon im Altmärkischen Museum in Stendal, im Salzwedeler Johann-Friedrich-Danneil-Museum und im Städtischen Museum in Aschersleben. Demnächst wird er mit seinem Laptop im Gleimhaus in Halberstadt und in der Zeitzer Moritzburg auf Spurensuche gehen. Der Museumsverband Sachsen-Anhalt hat ihn damit beauftragt. Das in Magdeburg ansässige Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, das deutschlandweit die Provenienzforschung bündelt, finanziert seinen Blick in die Depots mit 15  000 Euro.

Suche in fünf Museen

Dieser Blick ist in allen fünf Museen ein sogenannter Erstcheck, eine erste Suche nach möglichen Verdachtsfällen, wie es Deinert nennt. Er sucht nach Besitzverschiebungen in der NS-Zeit, nach Kulturgut insbesondere aus jüdischem Besitz. Kein leichtes Unterfangen. Acht Tage Zeit hat er für jedes Museum, weitere acht bis zehn Tage für seine Auswertungen.

Moralische Verantwortung

Dass nicht nur die großen und mittleren Häuser zunehmend bereit sind, ihre Bestände zu erforschen, sondern auch Heimatmuseen sich an diese Aufarbeitung wagen, hatte sich zur Gründung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste im Januar 2015 dessen Vorstand Uwe M. Schneede gewünscht. „Wichtig ist, dass auch die kleinen Museen an die Arbeit gehen“, hatte er gesagt.


Das sogenannte „Briefbuch“ des Museumsvereins belegt zum Beispiel im Dezember 1938 einen Schriftverkehr mit dem Kulturministerium, betreffend die orbesitzerspuren in einem Band des 1794 gedruckten Buches „Unterhaltungen aus der Naturgeschichte“ aus dem Bestand des Altmärkischen Museums in Stendal.

„Es ist eine ethische Verantwortung. Der müssen wir uns klarwerden“, so Kristin Otto, Vorsitzende des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt. Als Chefin der Zeitzer Moritzburg weiß sie: Die Gesellschaft erwartet ein Aufarbeiten der Sammlungen. Aber die kleinen Museen haben kein Geld für Personal und Forschung. Und manchmal auch weniger Interesse, weil nicht selten dort die Meinung vertreten werde, so Mathias Deinert, dass gar keine Raubkunst gefunden werden könne, weil es spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges keine Sammlungstätigkeit mehr gegeben habe. „Das stellt sich häufig als falsch heraus“, sagt der Provenienzforscher. „Wenn man anfängt zu graben, sind einige erstaunt, dass man dann doch so einiges findet. In Salzwedel und Stendal trugen die Geschichtsvereine bis 1945 für ihr Museum Stücke zusammen.“

Provenienzforscher seit 2011

Deinert sucht seit 2011 intensiv nach NS-Raubkunst. Der Germanist hatte damals im Potsdamer Stadtmuseum dessen historische Büchersammlung durchforstet.

Nichts Spektakuläres

Was ihm seitdem begegnete, ist nicht spektakulär, es waren nicht solche Gemälde, die deutschlandweit für Aufsehen sorgen könnten. Aber auch in Stadtmuseen gebe es NS-Raubkunst, auch sie seien in der moralischen Verantwortung, sich über mögliches Raubgut in den eigenen Beständen klarzuwerden, sagt Deinert. In Potsdam sei ein Freimaurerbuch mit der kompletten Logen-Geschichte der „Teutonia“ zurückgegeben worden. Der Experte erinnert sich gern an diesen Moment. Das kleine, unscheinbare Buch spielte im Museum keine Rolle, aber für die örtliche Loge war es von besonderem ideelen Wert.

Aber wie findet man in einem Depot Raubkunst? „Man kann in acht Tagen nicht den Ozean an Bestand aufarbeiten“, sagt er. Er vertraut auf sein detektivisches Gespür. Deinert hat beim Erstcheck nur Zeit für Objektstichproben. Dafür sichtet er Inventarverzeichnisse, Korrespondenzen, Schriftverkehr, Karteikarten – all das, was überliefert ist, und geht der Frage nach, wie die Objekte ins Museum kamen. Stadtmuseen sind stolz auf Gemälde, die von Künstlern aus der Region stammen oder eine Ansicht des Ortes zeigen. „Es war für Museumschefs nur selten wichtig, welchen Weg das Gemälde genommen hat“, sagt Deinert.

Judenlampe und Bücher

Im Altmärkischen Museum Stendal stößt er auf Bücher, ein hölzernes Dreieck mit hebräischen Schriftzeichen, eine Judenlampe. Deinert nennt sie „auffällige Objekte“ – über 90 sind es und 112 fragliche Vorgänge.

Die Judenlampe hingegen entpuppt sich als alter Museumsbesitz, in einem Buch „Unterhaltungen aus der Naturgeschichte“ findet er drei Besitzernamen, mal handschriftlich vermerkt, mal mit Stempel gedruckt, darunter möglicherweise einen jüdischen: J. Schlesinger. Solche Spuren sind lediglich Anhaltspunkte, mehr nicht. Die Fachleute im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste nennen das „unsicheren Sammlungsbestand“. Er kann auch aus einer Schenkung stammen.

Datenbank Lost Art

Was auch nach längerfristiger Forschung nicht geklärt werden kann, wird in die Lost-Art-Datenbank eingestellt, auf die Suchende und Findende wie Erben, Erbengemeinschaften, Rechtsnachfolger, Forscher, Institutionen wie Museen kostenfrei Zugriff haben. Hier können Menschen nach ihren in der NS-Zeit entzogenen wertvollen Büchern, Gemälden, Skulpturen, Keramiken, Uhren suchen. Die Datenbank, die 2000 gemeinsam von Bund und Ländern online geschaltet wurde, enthält heute mehr als 166  000 (Stand Dezember 2016) detailliert beschriebene und mehrere Millionen summarisch erfasste Objekte als Such- und Fundmeldungen. So manche kam auch vom Potsdamer dazu.

Sein Erstcheck in Sachsen-Anhalt dauert von Oktober bis Februar. Kleine Heimatmuseen in Brandenburg waren Vorreiter des Projektes. Museumsverbände anderer Länder zeigten Interesse. Mecklenburg-Vorpommern, Südniedersachsen, jetzt auch Sachsen-Anhalt. Seine Arbeit sieht er als Anfang einer Aufarbeitung, die keineswegs damit enden muss, dass ein Museum ein Exponat verliert. Deinert: „Provenienzforscher kriegen bisher Unbekanntes heraus. Wir können Lücken in der Geschichte eines Stückes schließen.“



Das Zentrum

Um Kulturgutverluste vor allem zwischen 1933 und 1945 zu dokumentieren und damit eine Grundlage für deren Suche und Rückführung zu schaffen, gründeten zehn Länder 1994 in Bremen die „Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern“. 1998 Ansiedlung der Koordinierungsstelle in Magdeburg als zentrale deutsche Serviceeinrichtung für Kulturgutverluste.

2008 Gründung der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin, 2015 Gründung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste als Stiftung mit Sitz in Magdeburg. Sie führt die Arbeit der Koordinierungsstelle und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung fort.

Die Stiftung erhält vom Bund 4,28 Millionen Euro, von den Ländern 0,608 Millionen Euro (2016). Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste hat 21 Mitarbeiter.

Das Erstcheck-Projekt in Sachsen-Anhalt ist eines von 223 Projekten seit 2008, die insgesamt mit fast 18 Millionen Euro gefördert wurden.

113 000 museale Objekte, darunter Gemälde und Skulpturen, Porzellane und Möbel, konnten bisher auf ihre Herkunft hin überprüft werden, hinzu kommen 785  000 Bücher und historische Drucke aus verschiedenenen Bibliotheken.

Die Konferenz

Mit der Konferenz „Die Suche nach NS-Raubgut“ am 12. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg stellt sich das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste erstmals einer breiten Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt vor. Geplant sind Vorträge und Diskussionen zur Provenienzforschung im Allgemeinen und zu Projekten in Sachsen-Anhalt im Besonderen. Die Teilnahme ist kostenfrei, um vorherige Anmeldung wird gebeten, Telefon 0391/72776323.

Zur Eröffnung um 15.30 Uhr sprechen Kulturminister Rainer Robra und Museumsdirektorin Gabriele Köster. Mathias Deinert gibt um 17.30 Uhr eine erste Zwischenbilanz zum Projekt Erstcheck in Sachsen-Anhalt, ab 19.40 Uhr spricht Vorstand Prof. Uwe M. Schneede über Aufgaben und Ziele des Zentrums Kulturgutverluste.

http://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/ns-raubgut-auf-der-suche-im-heimatmuseum
© website copyright Central Registry 2019