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Bernsteinzimmer: Die Wiesbadenerin Provenienzforscherin Ulrike Schmiegelt-Rietig recherchiert ├╝ber Graf zu Solms-Laubach - The Amber Room: Ulrike Schmiegelt-Rietig is researching Count zu Solms-Laubach

1970
1945
Wiesbadener Kurier 13 January 2017
Von Birgitta Lamparth

WIESBADEN/FRANKFURT - Vor dem Zweiten Weltkrieg war er Direktor des heutigen Historischen Museums Frankfurt. Danach wurde er dort Leiter des Museums für Kunsthandwerk, dem heutigen Museum für Angewandte Kunst. Was Ernstotto Graf zu Solms-Laubach in der Zwischenzeit, während des Krieges, getan hat, ist untrennbar mit dem wohl spektakulärsten Kunst-Raub der NS-Zeit verbunden: Solms-Laubach war federführend für den Abtransport des legendären und heute verschollenen Bernsteinzimmers aus dem Katharinenpalast in Zarskoje Selo tätig.

Publikation soll in diesem Jahr herauskommen

„Er war derjenige, der es hat einpacken und wegbringen lassen nach Königsberg“, sagt die Wiesbadener Provenienzforscherin Ulrike Schmiegelt-Rietig. Sie recherchiert zu diesem Thema gemeinsam mit Kolleginnen. Die entsprechende Publikation dazu soll im Laufe dieses Jahres herauskommen.

Das Forschungsprojekt unter dem Arbeitstitel „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“, beauftragt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Rahmen des Deutsch-Russischen Museumsdialog, läuft seit 2012. Beteiligt sind neben der Wiesbadener Wissenschaftlerin noch Corinna Kuhr-Korolev und Elena Zubkova, geleitet wird es von Wolfgang Eichwede, der schon ein Vorgängerprojekt initiierte.

Wunsch, diese Objekte dingfest zu machen

Im Blickpunkt der Forschung steht Nord-West-Russland und seine Museumssammlungen unter der Fragestellung: Was ist mit all diesen Schätzen passiert, die dort während der deutschen Besatzung verloren gingen? „Natürlich war unser Wunsch dabei, diese Objekte dingfest zu machen“, sagt Ulrike Schmiegelt-Rietig. Ein Wunsch, der sich nur in wenigen Einzelfällen erfüllte: „Die Masse der Objekte ist entweder zerstört oder von deutschen Soldaten mitgenommen worden.“ Trotz des Plünderungsverbots der Wehrmacht. Das könne man belegen, weil manche Pretiosen in privater Hand wieder aufgetaucht seien.

Solms-Laubach, Jahrgang 1890, war 1941 eingezogen worden und kam mit einer Feldkommandantur an die Ostfront. Er erhielt den Auftrag, die Kunstgüter der Region zu „sichern“, machte Bestandsaufnahmen in den Schlössern – und stieß auf das Bernsteinzimmer.

Ursprünglich war dieses Wunder an Raumverkleidung für das Königsberger Schloss geschaffen worden. Friedrich -Wilhelm I. hatte es aber Zar Peter dem Großen geschenkt im Tausch gegen hochgewachsene Soldaten. Solms-Laubach verschickte es nach Königsberg. Dort wurde es dann auch kurzzeitig aufgebaut, so Ulrike Schmiegelt-Rietig. Und danach wieder eingepackt. Seitdem gibt es keine Spur davon.

Auch der berühmte „Gottorfer Riesenglobus“ aus St. Petersburg, ein barockes Kunstwerk von drei Metern Durchmesser, in dem man sitzen kann, wurde nach Schleswig-Holstein gebracht, von den Briten dann dort gefunden und nach St. Petersburg zurückgegeben. Im Inneren des Globus befindet sich eine Art bewegliches Planetarium.

Es sei zwar durchaus so, dass Solms-Laubach vieles vor der Zerstörung bewahrt habe – „aber wohl kaum für Russland“, so Schmiegelt-Rietig. Ähnlich habe es sich auch mit den Beständen des jüdischen Museums in Frankfurt verhalten, die Solms-Laubach bei den Progromen am 10. November 1938 gesichert habe. Das frühere NSDAP-Mitglied wurde nach dem Krieg von der Spruchkammer als „unbelastet“ eingestuft. Von 1949 bis 1956 leitete er das Kunstgewerbemuseum in Frankfurt und starb dort 1977.

Es sei heute auch nicht auszuschließen, dass Objekte aus russischen Museen in westlichen Kunstsammlungen sind, meint Ulrike Schmiegelt-Rietig. Wären diese Werke nun restitutionspflichtig? „Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen ,verfolgungsbedingtem Entzug‘ und ,kriegsbedingter Verlagerung‘.“ Für letztere gibt es keine direkte Rückgabepflicht. Veröffentlichungen über ihre Forschungen haben aber auch schon dazu geführt, dass Privatleute Werke zurückgegeben haben, die von der Ostfront mitgebracht wurden. Das, sagt Ulrike Schmiegelt-Rietig, seien besonders berührende Momente ihrer Arbeit.

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