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Schwierige Suche nach Nazi-Raubkunst in St.Gallen - Difficult search for Nazi looted art in St Gallen

1970
1945
Tagblatt 24 May 2017
Silvia Minder/sda

 Das Kunstmuseum St.Gallen beteiligt sich an einem Programm des Bundes zur Herkunftsforschung. Das Museum will klären, ob es Naziraubkunst in seinen Beständen gibt.


RAUBKUNST ⋅ Zwei Bilder des Kunstmuseums St.Gallen wurden ihren Besitzern einst durch die Nationalsozialisten gestohlen. Ob es weitere Nazi-Raubkunst in seinen Beständen gibt, klärt das Museum derzeit mit Hilfe von Bundesgeldern ab. Die Suche ist aufwendig.
Der Fall Gurlitt hat dem Thema Raubkunst zu mehr Aufmerksamkeit verholfen − auch in St.Gallen. Ein Teil der 15'000 Werke des Kunstmuseums St.Gallen hat möglicherweise eine dunkle Vergangenheit und könnte ihren jüdischen Eigentümern einst von den Nationalsozialisten geraubt worden sein. Im Fokus stehen 700 Werke, welche vor 1945 entstanden und nach 1933 in die Sammlung gelangten.

Licht in die Herkunft der Werke bringen soll nun ein Projekt zur Provenienzforschung des Bundes, an welchem sich auch das Kunstmuseum St.Gallen beteiligt. Mit dem Beitrag von 90'000 Franken konnten die Stellen von zwei Experten vorübergehend um total 60 Prozente aufgestockt werden. Erste Ergebnisse sollen im November vorliegen. Im Juni will das Kunstmuseum beim Bund ein Gesuch um das Nachfolgeprojekt einreichen.

Sammlung unter der Lupe

Kein Museum wolle die Herkunft seiner Bilder verschleiern, aber wegen Personalknappheit sei bisher kaum Zeit für konsequente Provenienzforschung gewesen, sagte Matthias Wohlgemuth vom Kunstmuseum St.Gallen gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Weil die Mittel begrenzt seien, beschränke sich das Museum vorerst auf die Sturzeneggersche Gemäldesammlung. Die Sammlung enthält 175 teilweise international bedeutende Kunstwerke. Zwar hatte Eduard Sturzenegger seine Sammlung dem Museum bereits 1926, also vor der Machtergreifung durch die Nazis, geschenkt. Weil sie jedoch bis 1936 stark umgestaltet worden sei, müsse die Herkunft der Bilder geklärt werden, sagte der Kunsthistoriker, dessen Spezialgebiet die Altmeister sind.

Die Aktenlage sei gut, weil Sturzenegger ein Grosssammler war, der über Käufe und Verkäufe Buch führte. Trotzdem seien die Nachforschungen aufwendig und oft schwierig, sagte Wohlgemuth. Er verdeutlichte dies anhand eines undatierten Katalogs einer Kunstgalerie. Auf der Liste stehen lediglich die Namen der Künstler und der Werke und deren Preise. Es fehlen jedoch Angaben zu Grösse oder Machart. «Da Künstler oft vom selben Sujet verschiedene Varianten malten und allen Arbeiten denselben Titel gaben, ist in diesen Fällen unklar, welches Bild man vor sich hat», erklärte der Fachmann.

Streit mit Erben

Wie schwierig es ist, die wahre Herkunft eines Bildes zu entschlüsseln, zeigt das Bild «Thunersee mit Stockhornkette». Lange galt das Landschaftsbild von Ferdinand Hodler trotz lückenloser Provenienz als unproblematisch. Vor gut 15 Jahren stellte sich jedoch heraus, dass es mit einem andern Bild mit dem gleichen Titel verwechselt worden war und es sich beim Gemälde um ein Raubkunst-Objekt handelt. Hodler hatte die Bergkette am Thunersee nämlich sozusagen im Akkord gemalt − es gibt mehr als zwanzig bekannte Versionen mit demselben Sujet.

Die «Thunersee mit Stockhornkette» gehört der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung, die das Bild als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum St.Gallen überlässt. Es wird seit Ende Januar in der Dauerausstellung «endlich! Glanzlichter der Sammlung» gezeigt. Doch um das Bild schwelt seit Jahren ein Streit. Der Greta Silberberg Discretionary Trust mit Sitz in England, Vertreter der letzten inzwischen verstorbenen Nachkommen des in Auschwitz ermordeten jüdischen Industriellen Max Silberberg, erhebt Ansprüche auf dieses Werk. Silberberg musste das Bild versteigern, weil er durch das Nazi-Regime in eine finanzielle Notlage geraten war. Der Trust verlangt eine «faire und gerechte» Lösung. Konkret fordert er die Rückgabe des Bildes oder die Hälfte von dessen Handelswert. Dieser beträgt laut Wohlgemuth mehrere Millionen Franken.
Bilder sollen sichtbar bleiben

Die Verhandlungen mit dem Silberberg-Trust seien in Gang. Das Kunstmuseum St. Gallen setze sich für eine gütliche Regelung ein, sagte Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums und zugleich Mitglied der Frick-Stiftung. Das Museum befürchte, dass das Bild bei einer Rückgabe an die Erben sofort verkauft würde, wie dies bei anderen Restitutionsfällen passierte. «Im schlimmsten Fall würde das Bild aus der Öffentlichkeit verschwinden. Seine Geschichte und das Schicksal seiner Vorbesitzer könnten nicht mehr erzählt werden», sagte Wohlgemuth.

St.Gallen war Drehscheibe

Eine wichtige Rolle spielt bei der Provenienzforschung der jüdische Kunsthistoriker und Kunsthändler Fritz Nathan. Durch sein Wirken als Kunsthändler war St.Gallen während und nach dem Krieg ein Zentrum des Kunsthandels in der Schweiz. Bis 1940 reiste er immer wieder nach Deutschland und erwarb bei jüdischen Sammlern Kunstgegenstände, welche diese veräussern mussten.

Der Name Nathan taucht auch auf, wenn es um Camille Corots Bild «L'Odalisque» geht, das für eine vorbildliche Lösung eines Restitutionsfalls von Nazi-Raubkunst steht. Das Bild, das einen Wert von mehreren Millionen Franken hat, wurde den Kunstmuseen Basel und St. Gallen von den Nachkommen der ehemaligen Besitzer geschenkt. Ursprünglich gehörte das Gemälde mit der schönen Frau dem jüdischen Kunstsammler und -händler Josse Bernheim-Jeune. Das Bild wurde ihm 1941 von den Nationalsozialisten gestohlen und gelangte auf unbekanntem Weg in die Schweiz. 1959 kaufte es Nathans Sohn Peter, ohne zu wissen, dass es sich dabei um Naziraubkunst handelte, wie er glaubhaft machen konnte.
www.lostart.de


http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/stgallen/kanton/schwierige-suche-nach-naziraubkunst-in-st-gallen;art122380,4991306
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