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Museum Lüneburg als Raum für Annäherung - The approach of the Luneberg Museum

1970
1945
Landeszeitung 23 May 2017
Von Carlo Eggeling


Die Wissenschaftlerin Anneke de Rudder (r.) hat die sogenannte Raubkunst im Museum gefunden und die eigentlichen Besitzer ermittelt. Sie zeigt (v.r.) Michael, David, Rachel und Joan Lengel sowie Nicole Ziemer vom Museumsverein die Tücher und Einträge in den Besitzbüchern des Museums.

Lüneburg. Wie hält man es aus, in eine Stadt zu kommen, in der Großeltern und vier ihrer sieben Kinder in den Tod geschickt wurden? Ermordet in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. In eine Stadt, von der man weiß, dass es Menschen gab, die für die Verfolgung verantwortlich waren, die davon profitierten und ihre Geschäfte auf Kosten der Opfer machten. Das kann wohl am ehesten gehen, wenn man das Gefühl hat, Nachfahren wollen sich entschuldigen und versöhnen. So kam Michael Lengel mit seiner Frau Joan und den beiden Kindern Rachel und David aus New York, um am Sonnabend im Museum ein Stück Familiengeschichte, aber auch Lüneburger Geschichte weiterzuschreiben.

Das Museum ist im Besitz zweier Tücher mit biblischen Motiven aus dem 17. Jahrhundert, die in den Niederlanden oder Flandern hergestellt wurden. Der Altwarenhändler Hirsch Lengel musste sie 1937 unter Druck verkaufen, für neun Reichsmark. Deutlich unter dem damaligen Wert, wie der Museumsverein heute betont. Die Stücke gingen zurück an die Lengels, die wiederum überließen sie dem Haus am Wandrahm als Leihgabe. Der Plan: Die Tücher sollen in einer Ausstellung über jüdische Familien gezeigt werden.

„Deutschland hat sich verändert.“, Michael Lengel

Ein Blick zurück. Das Ehepaar Hirsch und Bertha Lengel war 1904 mit vier Kindern aus dem polnischen Dombrowa an die Ilmenau gezogen. Lengel war Fell- und Produktenhändler. Er kaufte ein Haus an der Salzbrückerstraße 64. Dort trafen sich die sogenannten Ostjuden zum Gebet und Gespräch, mit der Synagoge am Schifferwall pflegte man nur ab und an Kontakt. Die Lengels bekamen weitere Kinder und waren Teil der Stadt

Sohn Jakob, Jahrgang 1907, spielte in der Freien Spielvereinigung Lüneburg Fußball und engagierte sich im linken Bündnis Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ein Gegenpol zur SA der Nazis – politische Konflikte wurden in der Weimarer Republik zum Teil handfest ausgetragen. Nachdem die Nationalsozialisten im Januar 1933 nach einer Wahl das Regiment in Deutschland übernahmen, begannen Repressionen, auch gegen die Lengels. Erst 1923 eingebürgert, verloren sie die deutsche Staatsbürgerschaft im Mai 1935 wieder.


Jakob Lengel (2.v.l.) spielte in der Freien Spielvereinigung Lüneburg (FSL) Fußball. Er war sehr aktiv im Verein, 1926 wurde er zum Schriftführer gewählt. Foto: fam. lengel

Auseinandersetzung mit der alten Heimat Lüneburg

Und es traf auch Jakob. Der war im April 1937 mit einem NSDAP-Mitglied aneinandergeraten. Noch am selben Tag wurde Jakob verhaftet und kam ins Konzentrationslager, heißt es im Buch „Verdrängung und Vertreibung – Die Arisierung jüdischen Eigentums in Lüneburg“, herausgegeben von Hanno Balz. Nachdem Jakob, der erst in Dachau, dann in Buchenwald einsaß, frei kam, verließ er 1940 Deutschland, ging über England und Kanada nach New York.

Seine Eltern und vier seiner Geschwister schafften das nicht, sie wurden in Konzentrationslagern ermordet. Zwei andere Kinder waren ebenfalls emigriert.
Michael Lengel ist Jakobs Sohn. Er sagt, er habe nach 1945 ein anderes Deutschland erlebt. Er war 1970 nach Lüneburg gekommen, um nach den Spuren seiner Vorfahren zu forschen. „Da stand das Haus an der Salzbrücker Straße noch, inzwischen ist es abgerissen. Die Bewohner erinnerten sich an meine Familie, aber ließen mich nicht hinein.“

1984 reiste Lengel mit seinen Eltern erneut in die Stadt. Manfred Göske, Lehrer am Johanneum, hatte zur Geschichte der Juden geforscht und Kontakte geknüpft. Mithilfe einer Spendenaktion, die von der Landeszeitung unterstützt wurde, konnte der Besuch der Lengels finanziert werden. Michael erinnert sich, wie wichtig das seinem Vater und auch ihm war. Eben weil es zeigte, dass es Lüneburger gebe, die Verantwortung übernahmen und die Hand ausstreckten.

Das Museum und seine Rolle im Nationalsozialismus

Im Museum hat es gedauert, bis man sich seiner Geschichte stellte. Als das Haus und damit auch der Museumsverein als Träger vor ein paar Jahren von außen in eine Diskussion über die Rolle im Nationalsozialismus gezogen wurde, reagierten die Verantwortlichen. Sie sahen Bestände und Unterlagen durch. Anneke de Rudder, die daraufhin eingestellt wurde, hat geforscht und vieles herausgefunden. Eben auch, dass der lange Zeit geehrte Stadtchronist und Museumsleiter Wilhelm Reinecke offenbar wenig Probleme damit hatte, seinen Vorteil aus der Not der Juden zu schlagen.

Das tat er bei der Familie Heinemann, Welche die Sammlung großzügig und engagiert gefördert hatte, und auch bei den Lengels, bei denen man in den Jahren vor dem Nationalsozialismus manches Stück gekauft hatte. Als sich die Gelegenheit bot, schlug Reineke zu: neun Reichsmark für wertvolle Tücher. „Er hätte anders handeln können“, sagt Anneke de Rudder. „Er tat es nicht.“ Mehr Geld hätte den bedrängten Lengels helfen können. Das dürfte der Museumschef, ein intelligenter, belesener Mann, gewusst haben.
Die Familie Lengel geht nun einen freundlichen Weg. Michael sagt: „Deutschland hat sich verändert.“ Es gebe noch Antisemitismus, aber der sei nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern Europas. Die Deutschen hätten sich mit ihrer Geschichte beschäftigt. Auch in Lüneburg.

Er fühle sich noch immer mit der Stadt verbunden. Die Tücher seien ein Symbol dieses Bundes. „Mein Vater hat damals etwas zu mir gesagt, als wir hier waren“, erinnert sich der 75-Jährige. „So empfinde ich es auch: Wir können vergeben, aber nicht vergessen.“

Erinnern und gedenken

Mit einer kleinen Feierstunde im Marcus-Heinemann-Saal gab das Museum die Tücher an die Lengels zurück – um sie dann gleich wieder als Leihgabe zu erhalten. Nicole Ziemer unterzeichnete als Vorsitzende des Museumsvereins einen entsprechenden Vertrag.

Bürgermeister Ulrich Löb, die Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze (SPD) und Eckhard Pols (CDU) nahmen ebenso an dem Treffen teil wie Dr. Claudia Andratschke vom Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen und für das Museum Christina Broesike.

Einen historischen Rückblick gaben Anneke de Rudder vom Museum sowie der ehemalige Vorsitzende des Kulturausschusses, Dirk Hansen, der den Besuch Jakob Lengels 1984 begleitet hatte.

Erinnern und gedenken

Mit einer kleinen Feierstunde im Marcus-Heinemann-Saal gab das Museum die Tücher an die Lengels zurück – um sie dann gleich wieder als Leihgabe zu erhalten. Nicole Ziemer unterzeichnete als Vorsitzende des Museumsvereins einen entsprechenden Vertrag.

Bürgermeister Ulrich Löb, die Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze (SPD) und Eckhard Pols (CDU) nahmen ebenso an dem Treffen teil wie Dr. Claudia Andratschke vom Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen und für das Museum Christina Broesike.

Einen historischen Rückblick gaben Anneke de Rudder vom Museum sowie der ehemalige Vorsitzende des Kulturausschusses, Dirk Hansen, der den Besuch Jakob Lengels 1984 begleitet hatte.

https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/703942-museum-lueneburg-als-raum-fuer-annaeherung
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