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Aus Bormanns Beute

1998
1970
1945
Suddeutsche Zeitung 15 Ocober 2021
Von Jürgen Moises, München

Die Staatliche Graphische Sammlung München gibt ein Aquarell des Malers Rudolf von Alt an den rechtmäßigen Erben zurück.


Rudolf von Alts Aquarell "Häuser in Teplitz" war ursprünglich im Besitz des Wiener Sammlers Richard Stein.

Wo soll er das Bild am besten hin tun? Das ist eine Frage, die Felix Bloch noch vor der offiziellen Übergabe stellt. An einen dunklen Platz in seiner Wohnung, ist der Ratschlag, den er von Dr. Andreas Strobl von der Staatlichen Graphischen Sammlung München in deren Studiensaal in der Katharina-von-Bora-Straße erhält. Und woher sollte der in Amerika lebende, einzige überlebende Enkel und Erbe des Wiener Sammlers Richard Stein auch wissen, wie man ein Aquarell gut aufbewahrt. Wusste er bis vor drei Jahren nicht einmal von der Existenz des 11,5 mal 17 Zentimeter großen Bildes "Häuser in Teplitz" des österreichischen Malers Rudolf von Alt, und dass es einstmals seinem Großvater gehörte.

Im Jahr 1938 verkaufte Richard Stein das Aquarell sowie noch weitere Werke nachweislich an die Münchner Kunsthändlerin Almas-Dietrich. Deutlich unter Wert, nachdem ihm diese erzählt hatte, die deutschen Truppen würden es sonst beschlagnahmen. Eine Zwangslage, die aber nur vorgetäuscht war. Stattdessen erwarb Almas-Dietrich das Aquarell für den damaligen NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann. 1946 landete es im Central Collecting Point. 1959 hat es dann die Staatliche Graphische Sammlung als Überweisung aus Staatsbesitz erhalten. Dort war es zuletzt 2015 in der Ausstellung "Rudolf von Alt. ... genial, lebhaft, natürlich und wahr. Der Münchner Bestand und seine Provenienz" öffentlich zu sehen, aber ohne dass seine Herkunft eindeutig geklärt war.

Dass der mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern angereiste Felix Bloch das Bild als Restitution erhalten hat, ist einem von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin geförderten Forschungsprojekt zu verdanken, das gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte aufgesetzt wurde. Und dass Bloch es nun in der ehemaligen Verwaltungszentrale der NSDAP überreicht bekam, wo sich heute der Studiensaal befindet, hatte zudem eine "besondere Ironie", wie es der anwesende Kunstminister Bernd Sibler ausdrückte. Als ihn die Provenienzforscherin Angelika Enderlein 2018 aus Berlin anrief, sei das wie aus heiterem Himmel gekommen, erzählte wiederum Felix Bloch. Denn sein Großvater hatte von den verlorenen Kunstwerken nie berichtet, auch seine Eltern hatten nie über die NS-Zeit und die Flucht gesprochen, bei der er selbst drei Jahre alt war. Bitternis verspüre er jedenfalls keine, nur Freude und eine gewisse Trauer. Weil sein Großvater selbst diesen Moment nicht mehr erlebt.

English translation:

Where is the best place for him to put the picture? That is a question Felix Bloch asks even before the official handover. A dark place in his apartment, is the advice he receives from Dr. Andreas Strobl of the Staatliche Graphische Sammlung Munich from the study room on Katharina-von-Bora-Strasse. And how should the only surviving grandson and heir of the Viennese collector Richard Stein, who lives in America, know how to keep a watercolour well? Until three years ago, he did not even know about the existence of the 11.5 by 17 centimeter painting "Houses in Teplitz" by the Austrian painter Rudolf von Alt, and that it once belonged to his grandfather.

In 1938, Richard Stein sold the watercolour and other works to the Munich art dealer Almas-Dietrich. He sold it for considerably less than its value, after she told him that German troops would otherwise confiscate it. A predicament, however, that was only feigned. Instead, Almas-Dietrich acquired the watercolour for the then NSDAP Reichsleiter Martin Bormann. In 1946, it ended up at the Central Collecting Point. Then in 1959, the Staatliche Graphische Sammlung received it as a transfer from state ownership. It was last on display there in 2015 in the exhibition "Rudolf von Alt. ... Ingenious, Vivid, Natural and True. The Munich Collection and its Provenance," but without its provenance being clearly established.

The fact that Felix Bloch, who traveled to the exhibition with his wife and two daughters, received the painting as restitution is thanks to a research project sponsored by the Arbeitsstelle für Provenienzforschung (Provenance Research Centre) in Berlin, which was set up together with the Zentralinstitut für Kunstgeschichte (Central Institute for Art History). And the fact that Bloch was now presented with it in the former administrative headquarters of the NSDAP, where the study hall is now located, also had a "special irony," as the Minister of Art Bernd Sibler, who was present, put it. When the provenance researcher Angelika Enderlein called him from Berlin in 2018, it was like a bolt from the blue, Felix Bloch recounted. His grandfather had never told him about the lost works of art, and his parents had never spoken about the Nazi era and their flight, when he was three years old. In any case, he felt no bitterness, only joy and a certain sadness. Because his grandfather can no longer experience this moment.



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