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Wo sie hingehört - Where she belongs

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Suddeutsche Zeitung 17 March 2022
Von Susanne Hermanski, München

Fast 80 Jahre lang hängt ein Lenbach-Gemälde als Bildnis eines namenlosen Mädchens in Privatbesitz. Als es bei einer Auktion auftaucht, erweist es sich als Porträt von Thomas Manns späterer Frau Katia Pringsheim. Doch handelt es sich dabei um Raubkunst? Der Besitzer schenkt es nun dem Thomas Mann House in Pacific Palisades, dem amerikanischen Exil-Zuhause der Familie.


Franz von Lenbachs Bildnis der Katia Pringsheim ist 2018 im Kunsthandel aufgetaucht und hängt künftig im Thomas Mann House in Pacific Palisades

Die Nachricht ist simpel: Der Besitzer eines Lenbach-Gemäldes, das die spätere Frau von Thomas Mann, Katia Pringsheim, als Kind zeigt, schenkt das Bild dem Thomas Mann House in Pacific Palisades. Die Geschichte dahinter ist aber kompliziert. Sogar noch ein bisschen komplizierter als ohnehin üblich bei Restitutionsangelegenheiten. Denn es geht darin nicht nur um juristische Feinheiten, nach denen abgewogen werden muss, wann wer warum und in welcher Zwangslage ein Kunstwerk verkauft hat, damit man es als Raubkunst bezeichnen könnte. Sie erzählt auch vom Ringen um die Deutungshoheit in einer solchen Angelegenheit. Einzelne Wissenschaftler, ganze akademische Disziplinen, die offiziellen Verwalter des Mann'schen Andenkens, ein Auktionshaus und die Familie selbst stecken alle gemeinsam in diesem Schlamassel.

An diesem Freitagabend werden all diese Antagonisten - ein bisschen als wäre es das Personal in einem Roman von Thomas Mann - im Münchner Literaturhaus bei einer Podiumsdiskussion aufeinandertreffen. Und auch wenn sich alle Beteiligten ehrbarerweise vorgenommen haben, die Geschichte als "Ende-gut-alles-gut"-Story zu erzählen: Es könnte bei der Diskussion auf der Bühne doch so rumpeln, dass die Scheiben der Bärenvitrine vor dem Saaleingang nur so scheppern. Der Bär gehörte auch einmal der Familie Mann, aber das ist eine andere Geschichte.

Als das Bild 2018 zur Auktion steht, wird Heißerer auf das Gemälde aufmerksam

Der Auslöser ist in diesem Fall ein Gemälde von Franz von Lenbach. Auch wenn es jahrzehntelang als namenloses "Mädchenbildnis" gehandelt worden ist, zeigt es zweifelsfrei Katia Pringsheim, die spätere Ehefrau Thomas Manns, im Alter von sieben oder acht Jahren. Zu sehen ist Katia im Halbprofil, auf ihrem dunklen Haar sitzt eine rote Kappe. Ihre dunklen Augen funkeln wach in ihrem vom Maler hell illuminierten Gesicht. Etwas mehr als 40 mal 35 Zentimeter groß ist das Bild - ohne den auffälligen goldenen Rahmen, der eine zentrale Rolle bei der Wiedererkennung des Gemäldes auf einer Fotografie spielt. Denn als das Bild 2018 im Auktionshaus Neumeister eingeliefert wird und zur Versteigerung im Katalog erscheint, wird Dirk Heißerer auf das Gemälde aufmerksam.

Der Literaturwissenschaftler und Vorsitzende des Thomas-Mann-Forums München erkannte Katia Mann auf dem Bild. "Er versicherte mir glaubhaft, dass es sich bei dem Porträt um eine Variante beziehungsweise Vorstufe eines zeitgleich entstandenen Porträts handelt, das als Titelbild zu Katia Manns 1974 erschienenem Buch ,Meine ungeschriebenen Memoiren' verwendet worden ist und dadurch weithin bekannt wurde", sagt Katrin Stoll, die Leiterin des Hauses Neumeister. Sie nahm das Werk umgehend aus der Auktion. Wer weiß, welches Schicksal die Familie Pringsheim in der NS-Zeit erfuhr, muss bei einer solchen Provenienz augenblicklich das Vorliegen von Raubkunst in Betracht ziehen. Darin waren sich Stoll und Heißerer einig. Differenzen gab es jedoch, wie es nun mit dem Bild weitergehen sollte. Gibt es doch viele juristisch genau zu differenzierende Abstufungen des Grauens in Zeiten von Unrechtsregimes.

Zur Historie: Lenbach hat zahlreiche Porträts von Mitgliedern der Familie Pringsheim gemalt. Deren Oberhaupt Alfred entstammte einer sehr vermögenden schlesisch-jüdischen Bergbau- und Unternehmerfamilie. Am Königsplatz lagen Lenbachs Haus und die Neorenaissance-Stadtvilla der Pringsheims schräg gegenüber. In vielen Briefen beschreibt Hedwig Pringsheim, Katias Mutter, wie sie mit der Tochter hinüber ins Atelier läuft. Das Lenbachhaus gibt es bis heute. Das Palais Pringsheim pressten die nationalsozialistischen Machthaber 1935 der Familie ab. Sie rissen es nieder und klotzten den Verwaltungsbau der NSDAP an seine Stelle. In dem Gebäude war gleich nach dem Krieg der "Central Art Collecting Point" der Amerikaner untergebracht, als Sammelstelle für NS-Beutekunst, heute befindet sich dort das Zentralinstitut für Kunstgeschichte - eine der wichtigsten Stellen für Provenienzforschung in der Republik.

Das prächtige Palais Pringsheim in der Münchner Arcisstraße. 

Das jüdische Ehepaar Alfred und Hedwig Pringsheim konnte erst Ende Oktober 1939 in letzter Minute in die Schweiz ausreisen. Ihre Kunst, darunter auch die berühmten Silber- und Majolika-Sammlungen, wurden zwangsversteigert und beschlagnahmt. Eine Fotografie des Damensalons im Palais Pringsheim aus früheren Jahren zeigt das Gemälde von Katia - auch nach Ansicht von Alfred Grimm, dem bekannten emeritierten Provenienz-Experten des Bayerischen Nationalmuseums, den Stoll hinzuzog. Auf dem Foto ist unterdessen nicht das Bild zur Gänze, sondern hauptsächlich sein Rahmen zu erkennen.

1940 dann kaufen die Großeltern des aktuellen Besitzers, Robert Schoenhofer, für 3000 Mark von einem Kunsthändler namens Franz Hanold "Das Mädchenbildnis" von Franz von Lenbach. Nicht nur durch diesen Titel wird die wahre Provenienz verschleiert. Auf der erhaltenen Kaufquittung ist ebenfalls zu lesen, dass das Gemälde auf Holz gemalt sei. "Es genügte, die Rückwand des Bildes zu öffnen", sagt Dirk Heißerer, "um zu sehen, dass das nicht stimmt". Das Bild ist auf Pappe gemalt, und auf deren Rückseite lassen sich bis heute die deutlich erkennbaren Reste des Schriftzugs "Pringsheim" lesen, ganz als hätte hier jemand versucht, den Namen auszuradieren.

Dirk Heißerer nun, zu dessen Lebenswerk es gehört, die Geschichte der Pringsheims und der Manns speziell in ihrer Heimatstadt München wieder unverstellt sichtbar zu machen, und der zahlreiche Bücher und Aufsätze dazu veröffentlich hat, war entschlossen: Er wollte das Bild künftig in München öffentlich zugänglich wissen. Ihm schwebte eine Rückgabe an Frido Mann, den Enkel von Katia und Thomas Mann vor oder eine Schenkung an das Thomas Mann Forum. Gekommen ist es nach vier Jahren des Ringens um eine gute Lösung nun anders. Das Bild ist nicht als Raubkunst zu kategorisieren, es gilt lediglich als "NS-Fluchtgut". Robert Schoenhofer, der davon ausgehen darf, dass seine Vorfahren das Bild "gutgläubig" erworben haben, lebt selbst in den USA. Und er hat sich entschieden, das kleine Gemälde dem Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades zu schenken.

Der Blick vom Garten auf die Villa des Schriftstellers Thomas Mann in Pacific Palisades. Das Thomas-Mann-Haus gehört heute der Bundesrepublik Deutschland und ist ein Zentrum für Debatten, Kultur und demokratischen Austausch.

In dieser Villa in Los Angeles lebte Thomas Mann im amerikanischen Exil. Er focht von dort aus entschlossen seinen Kampf für die Demokratie. Im November 2016 erwarb das Auswärtige Amt das Haus, bewahrte es vor dem Abriss und ließ es renovieren, um es zu einem Ort der Diskussion über gemeinsame Herausforderungen unserer Zeit wiederzubeleben. Zunächst jedoch wird an diesem Freitag noch in München diskutiert werden: "über die Schwierigkeiten und Chancen im Umgang mit NS-Fluchtgut", heißt es in der Einladung.

Das Gemälde des Münchner Malers Franz von Lenbach zeigt Klaus Pringsheim um 1891, er war einer der Brüder von Katia Pringsheim. Es befindet sich im Privatbesitz einer Münchner Familie. Dirk Heißerer hält es für das Gegenstück zum Porträt seiner Schwester. 

Frido Mann und Tamara Marwitz werden stellvertretend für die Nachfahren von Hedwig und Alfred Pringsheim mit dabei sein, Robert Schoenhofer, Katrin Stoll, Alfred Grimm, die Geschäftsführerin des Thomas Mann House Heike Catherina Mertens - und Dirk Heißerer. Der wiederum will noch eine kleine Provokation mitbringen: ein weiteres Lenbach-Gemälde, das Heißerer ebenfalls für NS-Fluchtgut hält. Es befindet sich im Besitz einer Münchner Familie, die namentlich nicht genannt sein will. Es zeigt Klaus Pringsheim, entstand 1891, in derselben Zeit wie das Katia-Bildnis, es ist ähnlich groß, auf Pappe gemalt. Für Dirk Heißerer ist dieses Bild eindeutig "das Gegenstück zu den beiden Lenbach-Porträts der siebenjährigen Katia Pringsheim". Und so lässt sich schon ahnen, welchen Kampf Dirk Heißerer als nächstes führen wird.

Ein reizendes Köpfchen - Franz von Lenbachs Bildnis der Katia Pringsheim, Literaturhaus München, Fr., 18. März 2022, 19 Uhr, Saal & Stream

ANMERKUNG der Redaktion: Dieser Artikel enthielt in einer früheren Fassung einen Fehler. Fälschlicherweise wurde darin behauptet, an der Stelle des Palais' Pringsheim sei der sogenannte Führerbau errichtet worden. Doch das Palais befand sich an der Position von dessen Zwillingsbau, südlich vis-à-vis. Zur Verwechslung trägt bei, dass in der Arcisstraße die Hausnummern geändert worden sind. Das Palais Pringsheim trug die Nummer 12, heute ist diese dem Nachbargebäude zugeordnet, dem besagten ehemaligen Führerbau, in dem die Musikhochschule untergebracht ist.

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/raubkunst-thomas-mann-lenbach-pacific-palisades-1.5549852
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